Tragödie in Karelien: 14 Moskauer Kinder ertrinken im Sturm

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Auf einem See in Karelien sind am Wochenende 14 Kinder im Alter von 12 bis 15 Jahren bei einer Bootstour ertrunken. Ihr Boot kenterte in einem heftigen Sturm. Die Überlebenden mussten die Nacht über auf einsamen Inseln ausharren, da zunächst niemand von der Katastrophe erfahren hatte.

Die Moskauer Stadtverwaltung veröffentlichte inzwischen eine Namensliste der Opfer. Es handelt sich um Moskauer Kinder aus Heimen und sozial schwachen Familien, die auf Kosten der Behörden den Aufenthalt in einem Sommerlager am Sjamosero erhalten hatten, 60 Kilometer westlich von Petrosawodsk. Das offizielle Programm des Ferienaufenthalts sah Sicherheitstrainings, Übungen von Rettungsaktionen im Wasser, den Umgang mit verschiedenen Bootstypen und ein Überlebenstraining in der Natur vor.

Am Samstag Nachmittag war die Gruppe aus 47 Kindern in Begleitung von nur vier Erwachsenen mit zwei Kanus und einem Floß zu einer Fahrt auf eine der Inseln aufgebrochen, wo sie übernachten sollten. In einem aufkommenden Sturm wurde das Floß auf eine unbewohnte Insel abgetrieben. Die beiden Kanus kenterten beim Versuch, eine Insel zu umrunden. Offenbar konnte niemand aus der Gruppe Hilfe anfordern, da sämtliche Telefone durch Nässe unbrauchbar geworden waren. Auch war die Tour nicht beim Katastrophenschutz angemeldet worden, so dass niemand von der Notlage ahnte. Angeblich hatten auch nicht alle Kinder Schwimmwesten an.

Niemand wusste von der Tragödie

Die Rettungsaktion lief deshalb erst einen halben Tag später am nächsten Morgen an, nachdem ein Mädchen, das offenbar die ganze Nacht bewusstlos am Ufer gelegen hatte, zu sich kam und in einem nahen Dorf Alarm schlug. Zwölf Kinder wurden in Krankenhäuser eingeliefert, hauptsächlich mit Erkältungen und Unterkühlungen, aber auch mit Verletzungen.

Alle Überlebenden der Tragödie sollen am heutigen Montag mit einem Flugzeug des Katastrophenschutzes nach Moskau gebracht werden. Als Begleiter sind einige Eltern dabei, die sich nach dem Unglück nach Karelien aufgemacht hatten. Mit einer anderen Maschine waren am Morgen bereits die geborgenen Leichen der Opfer nach Moskau gebracht worden, wo die Identifizierung stattfinden soll.

Fünf Festnahmen

Parallel mit der am Sonntag angelaufenen Rettungsaktion wurden Ermittlungen aufgenommen, wie es zu der Tragödie kommen konnte und wer dafür die Verantwortung trägt. Inzwischen wurde die Direktorin des Ferienlagers, ihr Stellvertreter und drei der Begleiter der Gruppe festgenommen.

Die Ermittler hätten inzwischen die Information bekommen, dass einige der Kinder vor dem Aufbruch die Begleiter darum gebeten hätten, nicht auf den See hinauszufahren, da im Lager Gerüchte über eine Sturmwarnung umgingen, sagte der Sprecher der Moskauer Generalstaatsanwaltschaft. Die Instruktoren hätten jedoch auf der Fahrt bestanden. Gesucht wird noch immer nach einem Kind, das vermisst wird. Es soll aus St. Petersburg stammen und hatte sich offenbar im Lager der Moskauer Gruppe für die Bootsfahrt angeschlossen.

Sturmwarnung ignoriert – oder zu spät?

Das Katastrophenschutzministerium Kareliens hatte am Samstag an alle örtlichen Mobiltelefone eine Sturmwarnung per SMS verschickt. Allerdings gab es widersprüchlichen Informationen darüber, ob dies vor oder nach dem Aufbruch der Gruppe geschah. Medien berichten, dass die Begleiter der Kindergruppe eher junge, unerfahrene Leute waren, die man kaum Instruktoren nennen konnte.

Wie der karelische Regierungs-Chef Alexander Chudilainen erklärte, war das Camp für die Moskauer Kinder faktisch illegal: Die Kinder lebten in Zelten auf dem Areal eines „Park-Hotels“, wofür keine Genehmigung vorgelegen hätte. Am Montag wurde die Schließung des Ferienlagers verfügt. Über das Ferienlager hatte es in vorherigen Saisons immer wieder Beschwerden gegeben, sie es wegen unzureichender Ernährung, durchnässter Zelte sowie wegen Schwarzbauten. 2011 hatte der damalige Direktor im Rausch einen Wachmann erschlagen, wofür er später zu 13 Jahren Haft verurteilt wurde.

Die Behörden in Moskau und Karelien erklärten den Montag zum Trauertag. Die Familien der Todesopfer sollen von der karelischen Regierung je 1 Millon Rubel (etwa 13700 Euro) Kompensation erhalten. Den Verantwortlichen für die Tragödie drohen jetzt bis zu zehn Jahren Haft.

[ld/russland.news]

Über den Autor

Lothar Deeg
Lothar Deeg geboren 1965 und gebürtig aus Bad Mergentheim. 1991 infizierte ich mich als frisch gebackener Diplom-Journalist auf einer Reise nach Wladiwostok mit dem Russland-Virus. Rudimentär mit VHS-Russischkenntnissen ausgestattet hängte ich 1994 meinen Redakteursposten beim „fliegermagazin“ an den Nagel und siedelte von München nach St. Petersburg um. Dort schreibe ich seitdem als freier Journalist über alles, was mir aus Stadt und Land berichtenswert erscheint – unter anderem als Korrespondent des epd und des Logistik-Fachblatts „Verkehrsrundschau“. Momentan arbeite ich an meinem dritten und vierten Reiseführer über St. Petersburg. Meine Lieblingsjobs sind aber Städte- und Personenporträts für das Bordmagazin der Airline Swiss.