Teltschik: Putin ist nicht der Feind EuropasTeltschik, Horst bild © MGIMO

Teltschik: Putin ist nicht der Feind Europas

Horst Teltschik war zwischen 1972 und 1990 wichtigster außenpolitischer Berater Helmut Kohls. Als Leiter der außenpolitischen Abteilung im Kanzleramt war er an den Verhandlungen zur deutschen Einheit beteiligt. Von 1999 bis 2008 leitete Teltschik die Münchner Sicherheitskonferenz.

Am 21. März erscheint sein Buch Russisches Roulette – vom Kalten Krieg zum Kalten Frieden, eine Fundamentalkritik der deutschen Russlandpolitik.

In einem Interview mit dem Spiegel weist Teltschik darauf hin, dass Putin anfänglich sogar bereit gewesen sei, einen Beitritt zur NATO in Betracht zu ziehen.

Aber Europa habe unter dem Einfluss von Washington Moskau den Rücken gekehrt. sagte er, und zwar in vielerlei Hinsicht. Teltschik erinnerte daran, dass der ehemalige US-Präsident Barack Obama auf seiner Tour durch die europäischen Länder Russland als „regionale Macht“ bezeichnet hat. Das habe Putin tief getroffen. „Das mag man denken, aber man darf es niemals sagen“, so Teltschik.

Er teilt auch nicht die vorherrschende Auffassung von Russland als „Aggressor“. Im Laufe der Geschichte sei Russland immer der Angegriffene gewesen, es musste sich immer verteidigen. Man denke an den Schwedenkönig Karl XII., gegen den sich Russland in der Schlacht von Poltawa (1708/09) siegreich verteidigen musste uns, an den Feldzug Napoleons und nicht zuletzt an Hitler.

„Wie fühlt sich ein normaler Russe, wenn er hört, deutsche Soldaten stehen wieder an der russischen Grenze?“ fragt Teltschik.

Einer der großen Fehler des Westens sei gewesen, „als Europäer und Amerikaner darüber nachdachten, wie sie mit der Ukraine umgehen sollen, bis hin zur Mitgliedschaft in EU und NATO, hätten sie gleichzeitig Russland Angebote unterbreiten müssen. Es gab ein Riesenthema, was bis zur Stunde auf dem Tisch liegt: eine gesamteuropäische Freihandelszone. Aber wir haben dazu nichts angeboten. Warum nicht?“

Der Westen entrüste sich immer wieder mit erhobenem Zeigefinger und halte sich für moralisch überlegen. Aber „stört uns, dass China die Uiguren unterdrückt? Nein. Oder die Intervention Irans in Syrien? Oder nehmen Sie die Ermordung Ihres Kollegen Jamal Khashoggi durch die Saudis: Haben wir Sanktionen gegenüber Saudi-Arabien verhängt?“

Um zu erkennen, dass es auch anders gehe, müsse man nur nach München schauen: „Der Chefdirigent der Philharmoniker – ein Russe, der Chef der Oper – ein Russe, der Chef des Balletts – ein Russe. Und alle sind begeistert. Der Chefdirigent ist sogar ein enger Freund Putins, er hat das Konzert im syrischen Palmyra nach dessen Befreiung vom IS dirigiert.“

Das von den baltischen Ländern immer wieder vorgebrachte Argument, Russland könne die Länder überfallen, hält Teltschik für wenig glaubhaft.

„Mir hat der frühere Verteidigungsminister und langjährige Chef der Präsidialverwaltung Sergej Iwanow gesagt: ‚Wir sind doch nicht lebensmüde. Wenn wir im Baltikum was machen würden, dann hätten wir es nicht mit den Balten zu tun, sondern mit der NATO.‘ Ich halte die Russen nicht für so blöd, die Nato anzugreifen.“

Auf Bundeskanzlerin Merkel angesprochen meinte er „Sie ist die Einzige im Westen, die jederzeit Zugang zu Putin hat, telefonisch oder persönlich. […] Sie hätte viel mehr bewirken können, wenn sie gewollt hätte. Es heißt, sie traue ihm nicht. Aber sie ist auch kein Mensch, der gern die Führung übernimmt. Das liegt ihr nicht, wie der Umgang mit Emmanuel Macron ja zeigt.“

[hmw/russland.NEWS]

COMMENTS