Streit um „Matilda“: Christliche Extremisten in Haft

Foto: TV-Screenshot
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Russlands Behörden greifen im eskalierenden Streit um einen angeblich religiöse Gefühle beleidigenden Spielfilm nun doch ein: Drei Angehörige der Bewegung „Christlicher Staat –Heilige Rus“ sind in U-Haft genommen worden. Sie haben bereits gestanden, in Moskau einen Brandanschlag begangen zu haben.

Am 11. September brannten in Moskau zwei Autos vor einer Rechtsanwaltskanzlei, die Alexander Utschitel, den Regisseur des umstrittenen Films „Matilda“ vertritt. „Brennen für Matilda“ stand auf einem Zettel, den die Brandstifter am Tatort hinterließen.

Dies war nicht der erste Anschlag in Zusammenhang mit dem Film: Am 31. August wurde in St. Petersburg ein Brandanschlag auf ein Filmstudio Utschitels verübt. In der Woche darauf rammte ein Mann mit einem benzingeladenen Kleinbus ein Kino in Jekaterinburg und in Jaroslawl warfen zwei Täter Brandsätze auf ein Kulturhaus, in dem ein Kinoclub untergebracht ist.

Empörung über eine 120 Jahre alte Lovestory

In dem Film, der Ende Oktober in die Kinos kommen soll, geht es um die Beziehung des russischen Thronfolgers und späteren Zaren Nikolaus II. zur Primaballerina Matilda Kschessinskaja – eine gemeinhin bekannte Affäre, die wohlgemerkt 1892 bis 1894 stattfand. Gezeigt wird auch, wie die beiden miteinander ins Bett gehen (was als historischer Fakt nicht unbedingt bewiesen, aber durchaus wahrscheinlich ist).

Dieser Umstand erregt nun in Russland manchen orthodoxen Hardliner zur Weißglut: Schließlich wurde Russlands letzter Monarch, der 1918 samt seiner Familie von den Bolschewiken erschossen wurde, im Jahr 2000 von der Kirche als Märtyrer heiliggesprochen. Und einem Heiligen eine voreheliche Beziehung samt Sex zu unterstellen, ist nach Ansicht der Gegner des Films antichristliche Propaganda und eine Beleidigung ihrer religiösen Gefühle – und damit moralisch zu verdammen sowie in Russland prinzipiell strafbar.

Gegenvorwurf: Zensur und Geschichtsklitterung

Die eher säkular eingestellte russische Kulturelite sieht hingegen in den Versuchen, die Aufführung des staatlich geförderten Filmprojekts zu verhindern, einen eindeutigen Zensurversuch – und in Nikolaus II. weniger einen Heiligen als eine tragische historische Schlüsselfigur, deren Scheitern als Monarch Russland in die revolutionären Wirren des Jahres 1917 führte.

Als besonders eifrige Kämpfer gegen die unsittliche Kino-Blasphemie gerierte sich eine Bewegung namens „Christlicher Staat – Heilige Rus“. Die Reihen dieser Gruppe sind nun sichtlich gelichtet, denn am Donnerstag wurden drei ihrer Aktivisten bis in den November hinein in U-Haft genommen. Juri Kalinin, Denis Montaluz und Alexander Bajanow wird mutwillige Sachbeschädigung und Rowdytum vorgeworden. Zwei von ihnen gestanden bereits, den Brandanschlag in Moskau verübt zu haben – und begründeten dies mit ihren verletzten religiösen Gefühlen.

Der „Christliche Staat“ ist gewaltbereit

Auch Kalinins Bruder Alexander, der Anführer des „Christlichen Staates“ wurde inzwischen festgenommen. Ob er in U-Haft muss, ist noch offen. Geprüft wird nun, ob diese Gruppe auch für die Anschläge von St. Petersburg und Jaroslawl verantwortlich ist. Der Mann, der das Kino in Jekaterinburg rammte und in Brand setzte, wurde bereits unmittelbar nach der Tat festgenommen.

Initiatorin: Die blonde Star-Staatsanwältin von der Krim

Initiiert und angefacht wurde der Widerstand gegen den Film aber nicht von diesen bärtigen Fanatikern, sondern vom attraktiven Cover-Girl der Putin-treuen Kräfte in der russischen Politik, der Duma-Abgeordneten und früheren Generalstaatsanwältin der Krim, Natalja Poklonskaja. Die 37-Jährige verehrt Nikolaus II. wie eine wahre Kultfigur – und veranlasste nach dem Ansehen der ersten Filmtrailer die Einleitung von Ermittlungsverfahren wegen antireligiöser Hetze und Extremismus gegen die Urheber des Films „Matilda“.

Dass ihre moralsaure und von religiösem Patriotismus geprägte Kampagne inzwischen zu Gewaltakten geführt hat, bedauert und kritisiert Poklonskaja öffentlich. Dabei haben genau diese „Provokationen“ das von ihr gewünschte Ziel näher gebracht: Die Angst vor Anschlägen und handfesten Konflikten veranlasste bereits russische Kinoketten, den Film des renommierten Regisseurs Utschitel aus dem Programm zu nehmen.

[ld/russland.NEWS]

Über den Autor

Lothar Deeg
Lothar Deeg geboren 1965 und gebürtig aus Bad Mergentheim. 1991 infizierte ich mich als frisch gebackener Diplom-Journalist auf einer Reise nach Wladiwostok mit dem Russland-Virus. Rudimentär mit VHS-Russischkenntnissen ausgestattet hängte ich 1994 meinen Redakteursposten beim „fliegermagazin“ an den Nagel und siedelte von München nach St. Petersburg um. Dort schreibe ich seitdem als freier Journalist über alles, was mir aus Stadt und Land berichtenswert erscheint – unter anderem als Korrespondent des epd und des Logistik-Fachblatts „Verkehrsrundschau“. Momentan arbeite ich an meinem dritten und vierten Reiseführer über St. Petersburg. Meine Lieblingsjobs sind aber Städte- und Personenporträts für das Bordmagazin der Airline Swiss.