St. Petersburg hat jetzt einen Bypass

Foto: Satbir Singh London CC BY 2.0 via Flickr
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Pünktlich und fast ohne Skandale ist in St. Petersburg ein riesiges Straßenbauprojekt vollendet worden: Eine Stadtautobahn führt nun von Nord nach Süd quer durch die Newa-Mündung. Allerdings wird sie alsbald mautpflichtig.

Präsident Putin persönlich kam am Freitag zur Eröffnung des 11,7 Kilometer langen Mittelabschnitts des „Sapadny Skorostny Diameter“- des „Westlichen Schnelldurchmessers“, wie die Nord-Süd-Stadtautobahn amtlich heißt.

Für etwas Aufregung sorgte dabei ein Schwelbrand einer Kabelverkleidung in einem Tunnelabschnitt, der just während der Putin-Visite ausbrach und die Feuerwehr auf den Plan rief. Da der Festakt aber in einem Pavillon auf der neuen Hängebrücke über den Hauptarm der Newa stattfand, war die offizielle Einweihung dadurch nicht beeinträchtigt.

Verkehrsentlastung fürs Stadtzentrum

Bei dem jetzt fertig gestellten Abschnitt handelt es sich um den aufwändigsten und wichtigsten Teil der partiell privat finanzierten, mautpflichtigen Trasse, die insgesamt 47 Kilometer lang ist. Denn dieses Teilstück kann das hoffnungslos überlastete historische Stadtzentrum Petersburgs von einem Gutteil des Nord-Süd-Transitverkehrs entlasten.

Wie viele Autofahrer in Zukunft bereit sein werden, für die schnelle Fahrt quer durch die Stadt Mautgebühr zu bezahlen, muss sich noch zeigen: Zwar soll die neue Autobahn noch an diesem Wochenende für den Verkehr freigegeben werden, doch das neue Teilstück bleibt zunächst drei Monate lang mautfrei.

Ein Problem ist auch, dass die neue Strecke bislang eher bescheiden an das restliche Straßennetz angebunden ist: Auf dem ganzen jetzt eingeweihten Abschnitt gibt es nur eine einzige Abfahrt im Norden der Wassili-Insel. Und auch diese ist zunächst nur auf einer etwas provisorisch anmutenden Routenführung erreichbar. Bis zur Fußball-WM 2018 soll aber eine neue Zubringerstraße in Verlängerung des Makarow-Ufers samt einer neuen Brücke auf die Petrograder Seite gebaut sein. Eine weitere Abfahrt im Süden der Wassili-Insel steht bislang nur auf dem Papier.

Hängebrücken vor der Stadtsilhouette

Fakt ist allerdings, dass sich durch den Bau des SSD die Skyline St. Petersburgs auf der Seeseite merklich verwandelt hat: Denn mit zwei je etwa 600 Meter langen Hängebrücken, getragen von 125 Meter hohen Pylonen, wird die Newa-Mündung gequert. Entlang der Westseite der Wassili-Insel verläuft die Autobahn partiell in einem Graben und unterquert per Tunnel den Newa-Arm Smolenka.

Das Nord- und das Südteilstück des SSD waren zwischen 2008 und 2013 in Betrieb genommen worden. Die Stadtautobahn beginnt im Süden Petersburgs an der Ringautobahn KAD in der Nähe des Flughafens Pulkowo. Über weite Strecken führt sie als Mammutbrücke einige Meter über dem Erdboden zum Hafen, um anschließend über mehrere Kilometer über dem Wasser der Newa-Bucht zu verlaufen. Im Norden quert der SSD ebenfalls die Ringautobahn und hat bei Beloostrow Anschluss an die Fernstraße nach Finnland.

Großbanken finanzieren – und kassieren

Mit dem Bau des entscheidenden Mittelstücks war 2013 begonnen worden. Von den Baukosten in Höhe von 120 Mrd. Rubel (nach heutigem Kurs 1,75 Mrd. Euro) trug der russische Staat 51 Mrd. Rubel. Den Rest brachte ein privates Konsortium namens MSS auf, das zu 50 Prozent der Großbank VTB und zu 41,5 Prozent der Gazprombank gehört. Die restlichen 8,5 Prozent werden von einem zypriotischen Anwalt gehalten, der, so die Webzeitung fontanka.ru, offensichtlich nur eine Strohmannrolle innehat.

Der Konzessionsvertrag mit den Finanziers sieht vor, dass diese bis 2042 auf der Autobahn Maut kassieren dürfen. Allerdings garantiert die Stadt St. Petersburg den Geldgebern eine jährliche Einnahme von 9,6 Mrd. Rubel. Werden hingegen Mauteinnahmen über diese Summe hinaus erzielt, fallen diese zu 90 Prozent an die Stadt.

Gemäß eines ab Sonntag geltenden neuen Tarifschemas kostet die Fahrt für einen Pkw über den gesamten Südabschnitt tagsüber 80 Rubel, über den Nordabschnitt 100 Rubel. Vielfahrer können sich einen elektronischen Transponder anschaffen, von dem die Mautgebühr mit deutlicher Ermäßigung automatisch abgebucht wird. Mit dieser Technik muss man an den Mautstellen auch nicht anhalten, sondern kann sie einfach langsam durchfahren.

[ld/russland.NEWS]

Über den Autor

Lothar Deeg
Lothar Deeg geboren 1965 und gebürtig aus Bad Mergentheim. 1991 infizierte ich mich als frisch gebackener Diplom-Journalist auf einer Reise nach Wladiwostok mit dem Russland-Virus. Rudimentär mit VHS-Russischkenntnissen ausgestattet hängte ich 1994 meinen Redakteursposten beim „fliegermagazin“ an den Nagel und siedelte von München nach St. Petersburg um. Dort schreibe ich seitdem als freier Journalist über alles, was mir aus Stadt und Land berichtenswert erscheint – unter anderem als Korrespondent des epd und des Logistik-Fachblatts „Verkehrsrundschau“. Momentan arbeite ich an meinem dritten und vierten Reiseführer über St. Petersburg. Meine Lieblingsjobs sind aber Städte- und Personenporträts für das Bordmagazin der Airline Swiss.