Russlands IT-Firmen spannen Clouds auf

Auslagerung von Rechen- und Speicherleistung erzeugt schnelles Marktwachstum

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Von Ullrich Umann Moskau (GTAI) – Cloud-Dienste treiben das Wachstum in Russlands IT-Sektor an. Im Jahr 2015 haben Anbieter mit dem Verkauf von Cloud-Dienstleistungen 22,7 Mrd. Rubel eingenommen. Das entspricht einer Zunahme um 66,9% gegenüber dem Vorjahr. Diese Zahlen stammen vom spezialisierten Unternehmensberater IDC. In US-Dollar umgerechnet ist die Entwicklung – trotz starker Rubelabwertung seit 2014 – mit 5,2% und einem erzielten Marktvolumen von 370 Mio. US$ immer noch ansehnlich.

Die Experten von IDC sagen ein weiteres Wachstum des Cloud-Marktes von jährlich knapp 12% auf 650 Mio. US$ im Jahr 2020 voraus. Die starke Rubelabwertung lässt die Preise auf Server und damit die Umsätze sogar noch zusätzlich steigen. Denn die Einfuhr von IT-Hardware, darunter Server, verteuerte sich durch die Rubelabwertung der Jahre 2014 und 2015 um ein Mehrfaches.

Dagegen blieben die Rubel-Preise auf Cloud-Leistungen nahezu gleich. Dies veranlasste Anwender aus der Unternehmenswelt, auf die Modernisierung oder den Ausbau eigener Server-Einheiten zu verzichten und Datenbestände per Cloud-Lösungen an spezialisierte Fremdfirmen auszulagern. Rostelekom, ein wichtiger Anbieter, rechnet seinen Kunden vor, dass sie bei einer Auslagerung ihrer Server-Infrastruktur Einsparungen im IT-Budget zwischen 30 und 70% erzielen können.

Cloud-Lösungen bringen Kunden Einsparung und Anbietern Wachstum

Das Interesse an Cloud-Lösungen reißt 2016 nicht ab. Bei Rostelekom stiegen die Einnahmen im 1. Halbjahr 2016 um fast 42%. Um dem Ansturm der Kunden standzuhalten, investiert der Konzern 850 Mio. US$ in Rechenzentren.

Auch andere Marktteilnehmer wie SAP und Microsoft verdienen in Russland nach eigenen Angaben mit der Cloud gutes Geld. SAP hat Ende 2014 zwei Rechenzentren für 20 Mio. Euro eingerichtet. Davon dient ein Rechenzentrum für das Backup in kritischen Situationen. Der Bau beider Rechenzentren wurde schon deshalb notwendig, da der Gesetzgeber inzwischen alle Unternehmen zwingt, persönliche Kundendaten auf dem Territorium der Russischen Föderation zu speichern.

Softwareschmieden und Telekomfirmen kooperieren

SAP kooperiert mit Rostelekom beim Ausbau von Cloud-Lösungen. Rostelekom als nationaler Operator verfügt über die wesentlich größere Infrastruktur, darunter mehr Rechenkapazitäten in Datenzentren und mehr Breitbandkanäle. SAP wiederum kann Softwarelösungen und Cloud-Programme anbieten, die sich weltweit bewährt haben. Somit gereicht die Zusammenarbeit beiden Unternehmen zum Vorteil.

Zu den wichtigsten Branchen, die auf die Cloud setzen, gehören der Handel (unter anderem getrieben durch den boomenden E-Commerce B2B) und die Finanzwirtschaft. Einerseits sparen Russlands Banken durch die Auslagerung von IT-Dienstleistungen Geld. Andererseits zeichnen sich dadurch Strukturverschiebungen innerhalb ihrer verbleibenden IT-Budgets ab.

Handel und Banken erkennen Vorteile der Cloud

Überwiesen die Banken voriges Jahr etwa 5% ihrer IT-Budgets zur Begleichung von Rechnungen an externe Dienstleister von Cloud-Lösungen, steigt dieser Anteil 2016 wahrscheinlich auf 10%. Je mehr positive Erfahrungen die IT-Abteilungen der Banken mit externen Dienstleistern machen, desto umfangreichere Fremdleistungen kaufen sie ein. SAP geht auf dieser Grundlage von einer kurzfristigen Verdoppelung der Cloud-Geschäfte mit Banken aus. Im Jahr 2015 war der Markt für Cloud-Leistungen für Banken mit 51 Mio. US$ allerdings noch recht überschaubar.

Werden die Unternehmenskunden, die sich bereits für Cloud-Lösungen entschieden haben, nach ihrer Größe analysiert, überwiegen noch kleine und mittlere Firmen. Große Konzerne gehen vorerst vorsichtig und recht skeptisch an diese Lösungen heran. Das Wachstumspotenzial für Cloud-Lösungen liegt damit in Russland eindeutig bei den Großunternehmen mit komplizierten IT-Strukturen und einem hohen Datenaufkommen.

Anbieter müssen mit Datensicherheit überzeugen

Der wichtigste Grund für die Skepsis potenzieller Großkunden ist das Thema Datensicherheit und das damit verbundene mangelnde Vertrauen in externe Dienstleister. Doch ist ein vorsichtiger Anfang gemacht worden – im Flugzeugbau sowie in der Energie- und Rohstoffwirtschaft.

Im zunehmenden Maße setzt auch die staatliche Verwaltung auf die Cloud, nachzulesen im Programm „Informationsgesellschaft“ für den Zeitraum bis 2020. Eingerichtet werden in diesem Zusammenhang regionale und föderale Rechenzentren, die der Staat in eigener Regie betreibt.

Einen für jeden Steuerzahler spürbaren Start haben die Finanzämter hingelegt. Diese sind schon weitgehend digitalisiert. Auch die Versendung von Mahn- und Strafgebühren für Verkehrsdelikte läuft bereits weitgehend automatisiert.

Server aus der VR China bevorzugt

Was die Server-Hardware anbelangt, die zum Ausbau der Rechenzentren gebraucht wird, haben Hersteller aus Asien, insbesondere aus der VR China, die Nase vorn. Dies liegt einerseits an den westlichen Sanktionen, die eine Einfuhr von Hochtechnologie zwar nicht verbieten, jedoch erschwert. Zudem will sich Russland von westlichen Technologielieferungen weniger abhängig machen. Damit geht Hand in Hand, dass Russland mit dem Ausbau inländischer Kapazitäten für die Produktion von Hardware begonnen hat.

Bei der länderübergreifenden Kooperation werden chinesische IT-Unternehmen bevorzugt, zum Beispiel der Konzern Sugon. Den Vertrieb und den Service für Sugon-Produkte hat in Russland der Distributor RRC übernommen. Server dieses Herstellers können wahlweise mit Prozessoren der Hersteller Intel, AMD oder auch mit dem chinesischen Prozessor Loongson ausgestattet werden.