Russlands Industrie krankt am Werkzeugmaschinenbau

Staatliche Entwicklungsprogramme greifen vorerst zu kurz / Es fehlt an Krediten und Zulieferstrukturen

[Von Ullrich Umann Moskau-gtai] – Russlands Industrie benötigt im Zeitraum 2014 bis 2020 Maschinenbauerzeugnisse im Wert von 615 Mrd. Rubel (11,8 Mrd. Euro), schätzt das Ministerium für Industrie und Handel. Diese Nachfrage soll aus industrie- und geopolitischen Gründen aber vorwiegend durch russische Hersteller gedeckt werden. Um das zu erreichen, unterstützt das Industrieministerium die Gründung eines einheitlichen Föderalen Zentrums für Engineering und die Entwicklung von Maschinenbau-Clustern.

Der Anteil der verkauften Werkzeugmaschinen aus heimischer Produktion ist in Russland über die letzten Jahre gesunken. Trotz aller Gegenmaßnahmen der Regierung. Nach Angaben der Wirtschaftszeitschrift „Expert“ betrug der Anteil inländischer Hersteller am Umsatz mit Werkzeugmaschinen 2008 etwa 19%. Vier Jahre später, 2012, hat er sich auf 9% mehr als halbiert. Dieser Sinkflug setzte sich in jüngster Zeit fort, wie das Journal weiter ausführte. Den Bedarf an Maschinenbauerzeugnissen beziffert das Ministerium für Industrie und Handel für den Zeitraum 2014 bis 2020 mit 615 Mrd. Rubel (etwa 11,8 Mrd. Euro). Nach Angaben der Holding Stankoprom benötigt das Land insbesondere Maschinen zum Schleifen und Gewindeschneiden sowie Dreh- und Fräsmaschinen. Diese Nachfrage soll aus industrie- und geopolitischen Gründen vorwiegend durch Hersteller in Russland gedeckt werden, hat die russische Regierung beschlossen.

Um das zu erreichen, unterstützt das Ministerium für Industrie und Handel die Gründung eines einheitlichen Föderalen Zentrums für Engineering sowie die Entwicklung von Maschinenbau- Clustern in den Gebieten Tatarstan, Uljanowsk, Swerdlowsk und Rostow am Don. Darüber hinaus wurden 17 Maschinenbauunternehmen organisatorisch in der Holding Stankoprom zusammengefasst.

Um in Zeiten sanktionsbedingter Importeinschränkungen aus westlichen Industriestaaten die Entwicklung eigener Maschinentypen zu fördern, stellt das Ministerium für Industrie und Handel bis 2016 insgesamt 15 Mrd. Rubel (etwa. 288 Mio. Euro) an Zuschüssen für die Forschung zur Verfügung. Derzeit liegt Russland beim Import von Werkzeugmaschinen weltweit auf dem 7. Platz, ist bei der Produktion aber weit abgeschlagen.

Zulieferindustrie ist unzureichend entwickelt

Wie die Praxis aber zeigt, krankt der russische Werkzeugmaschinenbau weniger an Defiziten im Forschung und Entwicklung, sondern mehr an der zu langsamen Überführung der Forschungsergebnisse in die Serienfertigung. Hierzu mangelt es an Finanzierungen und einer Zulieferindustrie.

Russische Hersteller von Werkzeugmaschinen beklagen immer wieder die unstetige Nachfrage nach ihren Erzeugnissen während der letzten Jahre. So wurde der tiefe Nachfrageeinbruch aus dem Krisenjahr 2009 von einer stürmischen Nachfragesteigerung zwischen 2010 und 2012 abgelöst, bevor es 2013 erneut steil bergab ging. Diese Konjunkturausschläge hätten nach Unternehmensangaben verhindert, dass sich Investitionen und Produktion kontinuierlich entwickelten. Der Ruf nach der helfenden Hand der Regierung wird daher immer lauter, zumal die Politik der Importsubstitution amtlich verkündet wurde.

Protektionismus führte nicht zum gewünschten Ergebnis

Im konjunkturschwachen Jahr 2013 zog das Ministerium für Industrie und Handel einen ersten Schutzwall um den heimischen Werkzeugmaschinenbau. Per Regierungsdirektive Nr. 1224 vom 24.12.2013 wurde dem weitaus größten Abnehmer von Werkzeugmaschinen, der Verteidigungsindustrie, der Import von Technologie untersagt, wenn analoge Maschinenbauerzeugnisse im Inland hergestellt werden.

Seither verweigerte das Ministerium für Industrie und Handel die Einfuhrerlaubnis in etwa 300 Fällen. Doch stellten die Antragsteller als Reaktion auf das Verbot ihre Anschaffungen entweder zurück oder formulierten ihre Importanträge an das Ministerium nach Absprache mit Juristen komplett neu. Auch soll über politische und parlamentarische Kanäle Druck auf das Ministerium ausgeübt worden sein, so dass fallweise doch Einfuhrerlaubnisse erteilt wurden. Am schlechten Zustand des russischen Werkzeugmaschinenbaus hat die protektionistische Maßnahme jedenfalls nichts ändern können.

Russische Maschinenkunden aus der Staatsindustrie bevorzugen aber nicht allein aus qualitativen oder technologischen Gründen importierte Werkzeugmaschinen, sondern auch wegen des russischen Haushaltsrechts. Demnach müssen staatliche Investitionshilfen innerhalb des Kalenderjahres abfließen, sonst verfallen sie. Doch treffen Projekt- und Fördermittel aus dem Staatshaushalt in der Regel erst im 2. oder gar 3. Quartal bei den begünstigten Unternehmen ein. Folglich müssen sie schnell handeln: Die Maschinenorder muss raus, kurze Lieferfristen sind einzuhalten. Ausländische Werkzeugmaschinenhersteller sind zu kurzfristigen Lieferungen aber besser in der Lage als russische Anbieter, die meist nicht über Lagerbestände verfügen.

Neuentwicklungen gehen zu langsam in Serie

Ein weiteres Problem für russische Werkzeugmaschinenhersteller ist die Tatsache, dass Neuentwicklungen nur langsam in die Serienproduktion überführt werden können. Entweder fehlt es an geeigneten Zulieferern oder an Finanzen, manchmal sogar an beidem. Russische Banken gewähren Kredite nur mit einer Verzinsung in zweistelliger Höhe. Gerade erst hat die Zentralbank den Leitzins von 8,0 auf 9,5% angehoben. Oft reichen die in Russland nachgefragten Stückzahlen nicht aus, um eine Serienproduktion finanziell überhaupt rechtfertigen zu können.

Selbst die etwa 100 Maschinenmodelle, die im Rahmen staatlicher Forschungsprogramme in den zurück liegenden vier Jahren entwickelt wurden, können mangels Finanzkraft der Hersteller und technologischer Engpässe nur langsam in Serie gehen. Doch schreibt das Ministerium für Industrie und Handel den Hauptabnehmern, den Betrieben der Verteidigungsindustrie vor, den Anteil der vor Ort bezogenen Maschinen von derzeit 10% bis 2020 auf 60% zu erhöhen. Fehlende Finanzierungen erklären ebenfalls das Phänomen, dass russische Werkzeugmaschinenbauer vorerst mehr Absatzerfolge im Ausland erzielen als auf dem heimischen Markt. So sind sie nicht in der Lage, russischen Kunden eine Anzahlung von 20% des Maschinenpreises anzubieten und den Rest zu einer niedrigen Verzinsung im Laufe von zwei bis drei Jahren, wie es die ausländische Konkurrenz tut. Bei Exportgeschäften erhalten sie dagegen die volle Summe auf einen Schlag, da sich der ausländische Kunde selbst im Ausland refinanziert, meist zu viel günstigeren Bedingungen als in Russland.

Der russische Werkzeugmaschinenbau besteht immer mehr darauf, dass die Regierung finanzielle Risiken aus den heimischen Maschinenbauunternehmen auslagert und in die eigenen Bücher nimmt. Doch bleibt der Regierung im Jahr 2014 nur noch wenig finanzieller Spielraum im Staatshaushalt aufgrund fallender Ölpreise und sinkender Steuereinnahmen bei gleichzeitig steigenden Ausgaben für Rüstung, Sozialmaßnahmen und ursprünglich überhaupt nicht vorgesehenen Großinvestitionen zur Anbindung der Krim. Die staatliche Hilfe für den Werkzeugmaschinenbau erfolgt daher selektiv.

Russische Maschinenbaubetriebe stoßen zudem bei der Serienfertigung von Werkzeugmaschinen schnell auf das Problem der nur ungenügend entwickelten Zulieferindustrie. So können zum Beispiel Hochleistungsspindeln hergestellt werden, die dazu notwendigen präzise laufenden Wälzlager aber nicht. Für Elektroantriebe fehlen Produzenten für Magneten aus seltenen Erden. Um eine Serienfertigung für Zulieferteile in ausreichender Qualität aufzubauen, sind wiederum Werkzeugmaschinen vonnöten, deren Einfuhr durch die 2014 verhängten Sanktionen behindert ist.

Elektronische Steuerungen fehlen fast komplett

Defizite bestehen zudem bei Automatisierungstechnik, Steuerelementen, Elektronikbausteinen und den dazu notwendigen Softwareprogrammen. Um diese Lücken aus eigener Produktion zu schließen, braucht es etwa drei Jahre, schätzt die Regierung. Insbesondere fehlt es an der Serienfertigung von Rechenchips, die zur Steuerung von Maschinenteilen und Fertigungsprozessen geeignet sind.

Anfang Oktober 2014 kündigte der Geschäftsführer der Holding Stankoprom, Sergej Makarow, auf einer Pressekonferenz an, dass seine Unternehmensgruppe bis Ende 2015 eine eigene digitale Maschinensteuerung entwickeln wird. Zwar gäbe es schon eine Reihe von russischen Analogien in diesem Bereich. Doch erwiesen sich diese als unzureichend funktional und weniger zuverlässig als Importprodukte, so Makarow.

Großabnehmer von Werkzeugmaschinen, sofern sie Technologie im westlichen Ausland sanktionsbedingt nicht mehr erhalten und auf den asiatischen Märkten keine geeigneten Analogien finden, sehen sich bei russischen Maschinenbauern um, die seit längerem mit ausländischen Technologielieferanten kooperieren. Dazu gehören etwa das russisch-tschechische Joint Venture OOO MTE Kovosvit MAS im Gebiet Rostow (Fräs- und Bohrmaschinen), FGUP Priborostroitelny Zawod (Schleif-, Bohr- und Fräsmaschinen, unter anderem in Kooperation mit DMG) und das russisch-deutsche Gemeinschaftsunternehmen SP Donpressmasch, ebenfalls aus dem Gebiet Rostow (Pressen und Schneidmaschinen, STS-Turnpress Werkzeugmaschinen & Handels GmbH).