Russlands größter Lkw-Hersteller Kamaz investiert in neue Fahrerkabinen und Motoren

Produktionsanlagen sollen bis 2020 umfassend modernisiert werden / Abwrackprämie und Leasing fördern Absatz

KamAZ Werk in Nabereschnyje Tschelny

[Von Ullrich Umann – Moskau gtai] – Der russische Lkw-Produzent Kamaz will bis 2017 neue Lkw-Modelle, neue Fahrerkabinen und Motoren nach Euro-6-Norm entwickeln. Die Motorenproduktion soll komplett modernisiert werden und bis 2020 ein neues Werk zur Montage von Fahrerkabinen entstehen. Insgesamt umfasst das Investitionsprogramm 70,1 Mrd. Rubel (1,45 Mrd. Euro). Die russische Regierung unterstützt Kamaz mit Staatsgarantien von 35 Mrd. Rubel (725 Mio. Euro).

Aktuell bricht der Lkw-Markt in Russland jedoch ein. Das Investitionsprogramm von KamAZ sieht die Entwicklung neuer Lkw-Modelle, den Bau eines neuen Montagewerks und die Modernisierung des gesamten technologischen Produktionszyklusses vor. Insbesondere ist ein komplettes Re-Engineering der Motorenproduktion geplant. Dabei werden Teile des Fertigungsprozesses an externe Hersteller ausgelagert und gleichzeitig der technologische Ablauf räumlich optimiert. Das geplante Werk für Fahrerkabinen soll unter anderem Linien zum Stanzen und Schweißen von Metallteilen umfassen.

„Das Reengineering ist ein integraler Bestandteil der strategischen Entwicklung von KAMAZ bis 2020“, betont Projektleiter Peter Moser. „Zunächst werden die Kräfte auf die Entwicklung neuer Produkte konzentriert – einer neuen Generation von Lastkraftwagen, und parallel dazu auf neue, flexible, effiziente High-Tech-Fertigungsprozesse, damit die Produktion rentabel ist. Wir werden schrittweise vorgehen, intelligent investieren: insbesondere wird die Ausrüstung parallel zum Wachstum der Produktion erworben werden“. Der Generaldirektor von KamAZ, Sergej Kogogin, teilte unterdessen mit, dass die Arbeiten an dem Investitionsprojekt schon laufen; ein Teil des Maschinen- und Anlagenparks sei ausgesucht beziehungsweise bereits bestellt worden.

Bereits im Februar 2015 will KamAZ drei neue Lkw-Modelle präsentieren, die als Basisfahrzeuge für Muldenkipper oder andere Spezialfahrzeuge dienen können. Zum Einsatz kommen sollen  dabei neue Motoren, neue Getriebe und eine neue Fahrerkabine, die gemeinsam mit Daimler entwickelt worden ist.

Im Zusammenhang mit den angekündigten Modernisierungen ist auch die Mitteilung vom 19.8.2014 zu verstehen, wonach KamAZ und die österreichische Palfinger AG zwei Joint Venture gründen. Dabei handelt es sich erstens um ein Unternehmen für die Herstellung, den Einbau und Vertrieb von Lkw-Aufbauten (Lade- und Handlinggeräte) und zweitens um ein Unternehmen zur Zylinderproduktion. Die Herstellung von Lkw-Aufbauten wird am KamAZ-Stammsitz in Nabereshnye Chelny (Republik Tatarstan) angesiedelt. Ziel ist es, jährlich bis zu 3.000 Aufbauten zu fertigen und auszuliefern. Zusätzlich zum bestehenden Händlernetz von KamAZ soll ein eigenes Netz an Händlern und Servicestellen aufgebaut werden. Das Joint Venture „Mounting“ wird zu 51% von der KamAZ Gruppe und zu 49% von der Palfinger Gruppe gehalten.

Beim zweiten Gemeinschaftsunternehmen erwirbt Palfinger einen 51%-Anteil an der Zylinderherstellung von KamAZ am Standort Neftekamsk (Republik Baschkortostan). Beide Unternehmen haben sich geeinigt, die dortigen Produktionsanlagen zu modernisieren und künftig jährlich 80.000 Hydraulik- und Teleskop-Zylinder für Krane, Lkw und Baumaschinen herzustellen (Zielgröße für das Jahr 2019).

Staat gewährt Garantien zur Fremdmittelaufnahme

Im August 2014 gewährte die russische Regierung KamAZ Staatsgarantien in Höhe von 35 Mrd. Rubel mit einer Laufzeit von 15 Jahren. Diese Garantien benötigt KamAZ, um sich Fremdkapital für sein Modernisierungsprogramm zu beschaffen. Der Hersteller will in den nächsten drei Jahren insgesamt neun Unternehmensobligationen mit Laufzeiten von je 15 Jahren emittieren. Die Zinsbelastung soll für KamAZ zwischen nominal 10,0 und 10,5% ausfallen, was günstiger als bei der Aufnahme von Krediten wäre. Da die Lage auf dem Kapitalmarkt aktuell aber angespannt ist, wird mit der ersten Emission abgewartet, wie das Unternehmen verlauten ließ.

KamAZ ist auf dem russischen Markt für Lastkraftwagen mit Nutzlasten zwischen 14 und 40 Tonnen der wichtigste Anbieter und liegt im weltweiten Vergleich auf Rang 11. Seine Lkw exportiert KamAZ auch nach Asien und Lateinamerika. Der Marktanteil bei schweren Lkw liegt gemessen an den Verkaufszahlen in Russland aktuell bei 43,3%. KamAZ ist darüber hinaus an Gemeinschaftsunternehmen mit Daimler (ist zu 15% an KamAZ beteiligt), Mercedes Benz Trucks Wostok, und mit Mitsubishi, Fuso KamAZ Trucks Rus, zu je 50% beteiligt. Das japanische Mutterhaus der Nutzfahrzeugsparte von Mitsubishi, Mitsubishi Fuso Trucks & Bus Corporation, wird wiederum durch Daimler zu 89,29% kontrolliert.

Die beiden russischen Joint Venture montierten 2013 jeweils 3.676 Lkw der Marke Mercedes Benz und 2.619 Lkw der Marke Mitsubishi Fuso Canter. Im Juli 2014 gingen Meldungen durch die Presse, wonach KamAZ und die Daimler AG die Fusion der beiden Joint Venture erwägen. Dadurch könnten Verwaltungskosten in Millionenhöhe eingespart werden. Beide Montagewerke liegen am Standort Nabereshnye Chelny in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander.

Kooperation zwischen KamAZ und MAZ rückt näher

Weitere Einsparungen und Synergieeffekte für KamAZ sollen Kooperationen über die Landesgrenzen hinweg bringen. Im Sommer 2014 hatten sich Meldungen über Gespräche zwischen dem russischen Hersteller und dem belarussischen Wettbewerber MAZ gehäuft. Allerdings zieht sich der Annäherungsprozess schon über drei Jahre hin, immer wieder gezeichnet von Fort- und Rückschritten. Eigens wurde die Idee zur Gründung einer Holding unter dem Namen RosBelAvto geboren. In diese Holding könnte KamAZ 49,9% seiner Anteile und MAZ 75% plus  eine Aktie einbringen.

Der Vorteil für MAZ läge unter anderem im direkten Zugang zum weit verzweigten KamAZHändlernetz im In- und Ausland. Ebenfalls gäbe es gemeinsame Interessen im Bereich Forschung  und Entwicklung. Vorerst beschäftigt sich eine gemischte Regierungskommission mit der  Gründungsidee, die auch vor dem Hintergrund der Eurasischen Wirtschaftsunion zu sehen ist.

Russischer Lkw-Markt bricht ein

Optimierungen sind wegen der rückläufigen Verkaufszahlen auf dem russischen Lkw-Markt für alle Hersteller geboten. Der Absatz fiel bereits 2013 und das laufende Jahr ist noch schwieriger. Von Januar bis September 2014 schrumpfte das Marktvolumen für schwere und mittelschwere Lkw um 8,8% auf 52.400 Stück. Dabei sanken die Verkäufe von KamAZ überdurchschnittlich um 13,5% auf 23.013 Lkw (14 bis 40 Tonnen: 22.707 Stück, 8 bis 14 Tonnen: 306 Stück). Der Marktanteil von KamAZ bei Lkw mit 14 bis 40 Tonnen Gewicht fiel von 45,5 auf 43,3%. Potenzielle Kunden  halten sich mit Kaufentscheidungen zurück – wegen verteuerter Finanzierungen und des stagnierenden Frachtaufkommens. Im Ergebnis geht KamAZ für das Gesamtjahr 2014 von einem Einbruch des russischen Lkw-Marktes um 18 und 20%, eventuell sogar 30%, aus. Und arbeitet deshalb seit 24. November nur in einer 4-Tage-Woche.

Belieferung des Händlernetzes wird durch Factoring finanziert

Fehlende oder teure Finanzierungen haben KamAZ im August 2014 dazu veranlasst, mit der Factoring-Tochter der Bank VTB, VTB Factoring, einen sogenannten Generalvertrag zu unterzeichnen. Demnach nimmt VTB Factoring die ausstehenden Zahlungen der Autohändler an KamAZ bis zu einer Gesamthöhe von 1 Mrd. Rubel (20,7 Mio. Euro, 1 Euro = 48,2786 Rubel, Stand: 5.9.2014, Zentralbank Russland) in die Bücher. Diese Obergrenze kann bei Bedarf angehoben werden, wie es bei VTB Factoring hieß. Weitere Vereinbarungen dieser Art bestehen zwischen KamAZ und der Factoring-Bank NFK sowie der Alfa-Bank.

KamAZ bezeichnete als Vorteil von Factoring den zügigen Zahlungseingang nach Auslieferung der Ware, was die Liquidität des Unternehmens erhöht. Für die Autohändler entfällt die Notwendigkeit, Sicherheiten zur Finanzierung ihrer Geschäftsabläufe beizubringen. Einige Händler, vor allem im Moskauer Raum, wo ein hoher Umsatz gewährleistet ist, ziehen dem Factoring aber Bankkredite vor, um von KamAZ fabrikneue Lkw in Vorauskasse übernehmen zu können. Dafür erhalten sie vom Hersteller einen Preisnachlass.

KamAZ bezifferte die Höhe seiner offenen Gesamtforderungen an das Händlernetz zum 30.6.2014 mit 18,6 Mrd. Rubel (385,26 Mio. Euro). Das entspricht einer Zunahme der Außenstände um 30%.

Staat fördert Lkw-Absatz

Für zumindest etwas Aufwind auf dem Lkw-Markt sorgt seit 1.09.2014 die von der Regierung eingeführte Abwrackprämie. Lkw-Käufe sind ausdrücklich durch das Programm abgedeckt. KamAZ konnte so bis 19.10.2014 rund 3.600 Lkw losschlagen. Daneben setzt KamAZ auf den Export. Turkmenistan hat Mitte November angekündigt, 14.92 Lkw und Spezialfahrzeuge im Wert von 125 Mio. US$ von KamAZ zu kaufen. Die indische KamAZ-Tochterfirma wird in Kürze mit dem Export von Lkw nach Myanmar und Bangladesch beginnen.

Dem Abwrackprogramm soll sich zeitlich ein technisches Regelwerk anschließen, wonach das höchstzulässige Betriebsalter für Lkw auf 28 Jahre (davon befinden sich noch 8.000 Fahrzeuge auf der Straße), für leichte Nfz auf 18 Jahre (30.000 Einheiten) und für Busse auf 25 Jahre (7.000) festgelegt wird. Eine entsprechende gesetzliche Regelung könnte nach ersten Einschätzungen aus der Staatsduma schon 2015 in Kraft treten.

Der Staat hatte bereits im 1. Halbjahr 2014 etwa 3,7 Mrd. Rubel Subventionen an Regionalverwaltungen ausgeschüttet, wenn sie fabrikneue Lkw und Busse für öffentliche Zwecke angeschafft haben. Wie die rückläufigen Verkaufszahlen auf dem Lkw-Markt aber zeigen, war diese Maßnahme nicht viel mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein. Im Vorjahr hatte der Staat zeitlich befristet Zinsen subventioniert, wenn Kredite für Pkw-Käufen genutzt wurden – ebenfalls mit mäßigem Erfolg für den Neuwagenabsatz.

Für mehr Planungssicherheit in der russischen Automobilindustrie sollen nach Ansicht des zuständigen Ministeriums für Industrie und Handel nationale Lieferklauseln bei Beschaffungen der öffentlichen Hand und von staatlichen Unternehmen sorgen. Importfahrzeuge sind in diesen Fällen nur aus den Mitgliedsstaaten der Zollunion, Kasachstan und Belarus, zugelassen. Die Konkurrenz bleibt bei staatlichen Beschaffungen von Lkw für Händler und Hersteller damit überschaubar.