Russlandreise zur Stalinzeit

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Im Jahr 1947 – Stalin saß fester im Sattel denn je – bereisten die beiden amerikanischen Reporter John Steinbeck und Robert Capa die Sowjetunion. Ihr bemerkenswerter Reisebericht ist nun unter dem leider etwas unauffälligen Titel „Russische Reise“ erneut als Taschenbuch erschienen.

Es ist die Zeit des beginnenden radikalen Antikommunismus in den USA. Die UdSSR wandelte sich Ende der 40er Jahre in dortigen Bild gerade vom ehemaligen Verbündeten zum „Reich des Bösen“. Gerade deswegen brechen Steinbeck und Capa dorthin auf und wollen das Russland abseits der Politik entdecken.

Genau das gibt ihnen die Möglichkeit, Russland, die Ukraine und Georgien auf eine offene Art und Weise zu bereisen, wie es einem politischen Journalisten zur Zeit Stalins nie und nimmer möglich gewesen wäre. Zwar kritisch beäugt, jedoch mit viel Bodenhaftung und echtem Bevölkerungskontakt geht es für die beiden von Moskau nach Stalingrad, Kiew, Georgien und sie schaffen es, eine echte Brücke zwischen den neuen Feinden zu schlagen, trotz der schwierigen Rahmenbedingungen.

Steinbeck und Capa sind keine gläubigen Kommunisten und wahren im Gegensatz zu offiziellen Delegationen der kommunistischen Bewegungen durchaus eine kritische Distanz. Diese jedoch ohne die tumben Antikommunismus ihrer Landsleute, sondern mit Offenheit und größtmöglicher Objektivität. Was sie negativ erleben, schildern sie auch so, versuchen jedoch die Zusammenhänge und Hintergründe des Erlebten zu erforschen und zu verstehen. Anders als oberflächliche Moskau-Journalisten das damaligen (und heutigen) Zeit gelingt ihnen so ein tieferer Blick in das Russland hinter dem „bösen“ Kreml.

So entsteht die damalige UdSSR vor dem Auge des Lesers erstaunlich real. Und dem Russland-kundigen Reisenden wird manches bekannt vorkommen, was sich bis heute als russische Eigenart bewahrt hat, etwa bei erlebten Feiern oder auch im Straßenverkehr. Hier ist zu spüren, dass Steinbeck („Früchte des Zorns“, „Von Mäusen und Menschen“) nicht nur Reporter, sondern ein talentierter Schriftsteller ist, der übrigens später im Jahr 1962 den Literaturnobelpreis bekam. Seinem Begleiter Capa, der sich in Russland als notorischer Bücherdieb erweist, blieben solche Ehren verwehrt, da er 1954 als Fotojournalist im Indochinakrieg umkommt. Von ihm stammen auch zahlreiche Originalfotos im Buch. Gerade das Dasein als Schriftsteller kommt Steinbeck auf seiner Reise übrigens zugute, denn er spürt überrascht, dass Schriftsteller in der Sowjetunion im Gegensatz zu den USA ein hohen Ansehen genießen.

Von der Reisehandlung soll nicht zu viel verraten werden. Nur so viel. Abenteuerliche Flüge, Autofahren, Dauerfeiern und ein isoliertes Ausländermilieu in Moskau sind dabei. Wie gesagt, so manches hat sich in Russland seitdem stark gewandelt, aber so einiges eben nicht. Man erfährt auch einiges über die direkte russische Nachkriegszeit, in der vieles noch durch die Zerstörung der deutschen Invasion in Schutt und Asche lag und mühsam wiederaufgebaut wurde. Gerade in Deutschland vergisst man gerne, dass nicht nur das eigene Land zu dieser Zeit in Trümmern lag und die Trümmer anderswo deutschen Ursprungs war. Das Mitleid mit den zerlumpten, aufräumenden deutschen Kriegsgefangenen, die das selbst angerichtete Chaos wieder beseitigen, hält sich übrigens bei den beiden Journalisten in Grenzen. Interessant sind auch ihre Spekulationen über Stalins Nachhall nach seinem Tod, mit denen sie völlig falsch liegen.

Alles in allem ist „Russische Reise“ ein absolutes Muss für alle, die selbst ein Fable für Russlandreisen haben und einem solch einen Trip in einer völlig anderen Epoche hautnah miterleben wollen.

Daten zum Buch: John Steinbeck, Robert Capa – Russische Reise – mit 69 Fotografien von Robert Capa, Unionsverlag Zürich, 2013; ISBN 978-3293206007