Russland von seiner schmutzigsten Seite

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Sogenannte Rankings sollen im Durchschnitt eruieren, wie es um eine bestimmte Sache, einen bestimmten Ort oder eine bestimmte Meinung bestellt ist. Die Ergebnisse können dabei auf unverrückbaren Faktoren beruhen oder auf des Volkes subjektiver Meinung. Während üblicherweise versucht wird, bei solcher Gelegenheit die schönen Seiten von irgendetwas hervorzuheben, soll nun einmal die Schattenseite ans Licht gebracht werden. Es geht um die zehn schmutzigsten Städte Russlands.

So überhäuft wie Russland mit Naturschönheiten und landschaftlichen Reizen auch sein mag, die Größe des Landes und seine schier unerschöpflichen Ressourcen verleiteten die Menschen seit jeher zum Raubbau an seiner fragilen Umwelt. Sicherlich ist das nun wahrlich kein typisch russisches Phänomen. Die Intensität jedoch, mit der, besonders in den Zeiten der damaligen Sowjetunion, die nachhaltige Zerstörung einzelner Landstriche voran getrieben wurde, ist durchaus bemerkenswert.

Das russische Ministerium für Naturresourcen hat jüngst – anstelle einer „Must see“-Reiseempfehlung – eine Statistik veröffentlicht, in der die größten „Dreckschleudern“ des Landes verzeichnet sind. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass in diesem Ranking die wichtigsten Industriestandorte Russlands zu finden sind. Die Emisionswerte stiegen im Jahr 2016 gegenüber dem Vorjahr um 1,1 Prozent auf drastische 31,6 Millionen Tonnen. Immerhin leben in den zwanzig am meisten belasteten Städten gut vier Millionen Menschen. Die unrühmlichen Top 10 der schmutzigsten Städte hier nun im Einzelnen.

10. Bratsk: Die Wirtschaft der Stadt Bratsk im Oblast Irkutsk ist stark von ihren Aluminium- und Chemiefabriken abhängig. 1952 wurde in der Nähe ein großer Stausee angelegt, der ein 4.500 Megawatt-Kraftwerk speist. Der größte Arbeitgeber von Bratsk, RUSAL, betreibt hier eines der größten Aluminiumwerke des ganzen Landes. Laut dem Blacksmith Institute soll die Fabrik die Umwelt dermaßen stark belastet haben, dass die Stadt im Jahr 2001 evakuiert werden musste.

9. Tscheljabinsk: Die Großstadt am Rand des Ural-Gebirges zählt heute etwas mehr als eine Million Menschen und ist die neuntgrößte Stadt Russlands. Die hier ansässigen metallurgischen Kombinate gehören zu den größten metallverarbeitenden Betrieben in ganz Europa. Weitere Wirtschaftsschwerpunkte in Tscheljabinsk sind der Maschinenbau und eine Nahrungsmittel-Industrie sowie die Herstellung von Baumaterialien. In der Umgebung der Stadt befinden sich Lagerstätten von Braunkohle, Marmor und Mineralien, aus denen Seltene Erden gewonnen werden.

Die hohe Luftverschmutzung und zahlreiche, meist unkontrollierte, Mülldeponien der Schwerindustrie sorgen für ein exorbitantes Maß an Umweltzerstörung. Außerdem, als wäre das alleine nicht genug, ereignete sich 1957 ein schwerwiegender Unfall in der Nähe von Tscheljabinsk, bei dem ein Stahltank mit hoch radioaktiver Flüssigkeit explodierte. Dabei gelangten rund 750 Millionen Gigabequerel in die Umwelt, mehr als bei dem Reaktorunfall 1986 im ukrainischen Tschernobyl. Der Kernwaffenkomplex „Majak“ ist sei 1948 Teil der geheimen Atomtest-Sperrzone „Tscheljabinsk 70“.

8. Omsk: Die sibirische Millionenstadt am Zusammenfluss von Om und Irtysch entwickelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem großen Zentrum der Petrochemie-Industrie. Heute ist Omsk Standort des Erdöl-Konzerns Gazprom Neft. Neben der Erdöl-Industrie befinden sich hier zudem große Betriebe für Geräte- und Maschinenbau, Leichtindustrie sowie für Elektronik. Weitere Erwerbsquellen für die Bewohner der Region sind die Holzverarbeitung und Nahrungsmittelproduktion.

7. Krasnojarsk: In der Nähe der fast Einmillionenstadt an Jenissei und Transsibirischer Eisenbahn befindet sich mit der kerntechnischen Anlage „Bergbau- und Chemiekombinat Schelesnogorsk“ einer der größten unterirdischen Industriekomplexe weltweit. Ein abgeschirmter und ehemals geheimer Betrieb, der seit den 1950er-Jahren Material für das russische Kernwaffenprogramm herstellt. Metallverarbeitung und Maschinenbau fallen als Umweltsünder trotz aller Präsenz nicht einmal so ins Gewicht.

Vielmehr ist das Aluminiumwerk KrAS für eine weit stärkere Umweltbelastung verantwortlich. Der Betrieb der heute ebenfalls für RUSAL produziert, ist die zweitgrößte Aluminium produzierende Anlage der Welt. Ein Wasserkraftwerk am eigens dafür aufgestauten Krasnojarsker See deckt den Energiebedarf des Aluminiumwerks. Laut Roman Pukalow, einem Umweltaktivisten der „Grünen Patrouille“ der Umweltpartei Russlands, stoße der Betrieb fast 300 mal mehr Benzopyren aus, als gesetzlich zulässig. Die Belastung durch das besonders gesundheitsschädliche Fluor, das bei der Produktion von Aluminium anfalle, sei erschreckend hoch, so Pukalow.

6. Magnitogorsk: „Die Stadt am magnetischen Berg“, so die wörtliche Übersetzung der Stadt, die ebenfalls im Oblast Tscheljabinsk liegt, ist seit 1930 ein Zentrum der Stahlerzeugung. Der Stahl für die russischen Panzer im Zweiten Weltkrieg stammte fast ausnahmslos aus dem hier ansässigen Stahl- und Eisenwerk, einem der größten in ganz Russland. Heute hat das Unternehmen Magnitogorsk Iron and Steel Works seinen Hauptsitz in der 460.000 Einwohner zählenden Stadt.

Dem Blacksmith Institute zufolge verursachen hohe Konzentrationen an Schwermetallen eine dementsprechend hohe Krebsrate. Auf Grund der extremen Luftverschmutzung sei es in Magnitogorsk schwierig ein Kind lebend zur Welt zu bringen, heißt es. Laut dem örtlichen Krankenhaus schätzt man lediglich bei einem von hundert Kindern auf einen guten gesundheitlichen Zustand.

5. Nischni Tagil: Ebenfalls im Ural, nördlich von Jekaterinenburg, wird Eisen gewonnen und verhüttet. Industriezweige der Stadt mit 360.000 Einwohnern sind demzufolge auch die Metallverarbeitung und der Maschinenbau. Das bedeutendste Unternehmen in Nischni Tagil ist der weltgrößte Panzerfahrzeughersteller Uralwagonsawod. Ebenso hat das Stahlwerk NTMK seinen Hauptsitz in der Stadt. Für die Reorganisation der Metallkombinate sind hauptsächlich deutsche Unternehmen, wie zum Beispiel Thyssenkrupp, verantwortlich.

4. Nowokusnezk: Die Halbmillionen-Stadt im Steinkohlerevier des Oblasts Kemerowo im Südwesten Sibiriens, ist eines der größten Industriezentren Westsibiriens. Hier befinden sich die Metallurgiekombinate der beiden größten Eisenbahnschienen-Hersteller Russlands. Das Aluminiumwerk Nowokusnezk, eine Fabrik für Eisenlegierungen sowie Maschinenbaubetriebe, Nahrungsmittelproduktionen und zwei Heizkraftwerke sorgen für nicht zu unterschätzende Umweltbelastungen. In zwei der Nowokusnezer Steinkohlebergwerke kam es im Jahr 2007 zu folgenschweren Grubenunglücken, als sich Methangas-Explosionen ereigneten. Insgesamt 158 Bergarbeiter verloren dabei ihr Leben.

3. Tscherepowez: Eisenhütten, Stahlwerke, Werften und Chemiebetriebe bestimmen das Bild der nordwestrussischen Stadt, mit etwas mehr als 310.000 die Größte im Oblast Wologda. Eines der weltgrößten integrierten Hüttenwerke wird vom Stahlproduzenten Severstal betrieben. Die hohe Erzeugung von Rohstahl führte zu beträchtlichen Staubemissionen in Tscherepowez. Seit dem Jahr 2012, im Zuge eines Umweltprogramms des Unternehmens, wurde in dem Werk in eine neue Sekundärentstaubung der Firma Siemens investiert.

2. Lipezk: Im Jahr 1805 verlieh man der heutigen Halbmillionenstadt in der Nähe von Woronesch wegen seiner Mineralheilquellen das Prädikat Kurort. Wenn man sich Lipezk jedoch heute als Zentrum eines Eisenerz-Abbaugebiets mit all seinen Stahlwerken, Maschinenbaubetrieben und seiner chemischen Industrie ansieht, mag man daran zweifeln. Der größte Arbeitgeber der Region ist das seit 1992 privatisierte metallurgische Kombinat OJSC Novolipetsk Steel. Im Jahr 2011 wurde in Lipezk das Internationale Umweltschutzforum „ÖkoRegion“  abgehalten.

1. Norilsk: Unrühmlicher Spitzenreiter der Top 10-Städte der Umweltsünden in Russland ist zweifelsohne Norilsk. Nicht weit von der Küste des Nordpolarmeeres entfernt – die durchschnittliche Jahrestemperatur beträgt Minus zehn Grad Celsius – ist der Weltmarktführer der Nickel- und Palladium-Produktion, Norilsk Nickel, zu Hause. Die Produktion von Nickel verursacht extrem nachhaltige Umweltschäden und hat schwerste gesundheitliche Folgen für die 175.000 Einwohner der Industriestadt.

Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt in Norilsk, der nördlichsten Großstadt der Welt, als moderne Planstadt aus Plattenbauten konzipiert, gut zehn Jahre unter der anderer Regionen Russlands. Atemwegserkrankungen sind an der Tagesordnung und die Krebsrate dementsprechend hoch. Waren es zur gründung der relativ jungen Stadt 1935 ausschließlich Gulag-Insassen, die im Nickelabbau tätig waren, bietet Norilsk Nickel heute eine der wenigen Erwerbsmöglichkeiten in der Region.

Den am stärksten verschmutzten Gebieten und Regionen widmete sich unterdessen das russische Umweltministerium, wie die staatliche Zeitung Rossijskaja Gazetta berichtet. Bis Ende des Jahres, dem „Jahr der Ökologie“ in Russland, will man analog zu den russischen Städten ein Umweltranking der russischen Regionen erarbeiten, erklärte der russische Umweltminister Sergej Donskoj. Hierzu soll auch das dazugehörige Umwelt-Management bewertet werden.

[mb/russland.NEWS]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.