Russland räumt das Weltall auf

Abbildung: CC0 Public Domain via PixabayAbbildung: CC0 Public Domain via Pixabay
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[Von Michael Barth] – Na wenn das mal keine frohe Kunde ist, die die russische Raumfahrtbehörde „Roskosmos“ zum Entmüllen des Alls verlauten ließ. Sicherlich, bei der Behörde dürfte nicht der ökologische Gedanke und Reinlichkeit im Vordergrund gestanden haben, sondern wohl eher die „Verkehrssicherheit“ in solch luftigen Höhen.

Rund 720.000 Müll-Objekte finden sich mittlerweile im Orbit. Trümmer von einer Größe von einem bis zu über 10 Zentimetern. Hinzu kommen noch über eine Milliarde Müllstücke, die größer als einen Millimeter sind. Der Weltraum scheint so endlos demnach nicht zu sein. Noch ist die Raumfahrt noch kein Vabanque-Spiel, Gott sei Dank, aber niemand mag sich ausmalen, was geschähe, gäbe es eine Kollision mit so einem Teilchen.

Laut „Roskosmos“ gibt es zwar eine Art Frühwarnsystem, das automatisch auf Gefahren im erdnahen Weltraum hinweist, aber um sicherzugehen entschied man sich 2014 zum Bau eines Raumschiffes, bei dem der martialische Name Programm ist. „Liquidator“ taufte man den neuen Stolz der russischen Weltraumflotte. Dummerweise liquidierte der „Liquidator“ auch Unsummen an Geld. Über 150 Millionen Euro wäre der galaktische Müllwagen teuer geworden.

Teure kosmische Müllabfuhr…

Nachdem das Budget letztes Jahr jedoch um ein Drittel gekürzt wurde, mussten die Pläne für die kosmische Müllabfuhr vorerst auf Eis gelegt werden. Nun entschied man sich stattdessen für eine günstigere Variante. Die würde nurmehr knapp vier Millionen Euro kosten, soll ihre Aufgabe aber dennoch genauso präzise verrichten. Bis 2018 soll dieses Raumschiff nach Angaben der Behörde realisiert werden, um dann endlich sowohl große als auch kleine Müllstücke aus der Umlaufbahn zu entfernen.

Russland wäre damit die erste Nation der Welt, die einen Markt für Weltraummüll-Entsorgung schaffen würde. Weltraumschrott aus abgenutzten Raumfahrzeugen, abgeworfenen Raketenstufen sowie durch deren Zerstörung entstandenen Trümmerteilen könnten damit für immer der Vergangenheit angehören. Denn, in der Tat sind die Gefahren für die Weltraumfahrt nicht zu unterschätzen.

Man hat ausgerechnet, dass die meisten erdnahen Satelliten selbst dem Einschlag eines Stückes ab fünf Millimeter Größe nicht mehr standhalten könnten. Bei Aufprallgeschwindigkeiten von bis zu 36.000 Stundenkilometern würde schon eine kleine Schraubenmutter zum vernichtenden Geschoss. Infolge einer derart hohen Geschwindigkeit erzeugt ein Teilchen mit 1 g Masse eine Energie von 50 Kilojoule. Die Sprengkraft entspräche dann der von rund 12 g TNT. Bei einer Kollision würde demnach die Energie einer explodierenden Handgranate freigesetzt.

mit kosmischem Öko-Treibstoff

Erst vor etwa gut drei Monaten hatte ein Müllpartikel von der Größe eines Staubkorns das Bordfenster der internationalen Raumstation ISS beschädigt. Man geht davon aus, dass vermutlich ein Farb- oder Metallteilchen für die, glimpflich ausgegangene, Kollision ausschlaggebend war. Schon letztes Jahr musste sich die ISS-Besatzung in die Sojus-Rettungskapsel zurückziehen, als ein Splitter eines Wettersatelliten der Raumstation gefährlich näherkam. Die Liste derartiger Vorfälle ließe sich inzwischen endlos fortsetzen.

Jetzt, nachdem das Müllproblem im Weltall gelöst zu sein scheint, geht Russland auch noch dazu über, einen umweltfreundlichen Raketentreibstoff zu entwickeln. Zwar sei man lange noch nicht soweit, trat „Roskosmos“ gleich auf die Euphoriebremse, aber das Raketentriebwerk gelte als eine neue Generation beim Antrieb einer Trägerrakete. Der russische Raketentriebwerkbauer „Energomasch“ entwickelt seit 2014 in einem Sonderlaboratorium einen Raketenantrieb auf der Grundlage von Flüssigkeitstreibstoff.

Die ersten Tests wurden bereits erfolgreich mit einer Mischung aus Sauerstoff und Kerosin in der Brennkammer durchgeführt. Laut Wladimir Tschwanow, dem Chefkonstrukteur von „Energomasch“, seien Triebwerke dieser Art die Zukunft der Weltraumfahrt. Übrigens, so neu ist die Idee nicht. Schon zu Zeiten der Sowjetunion begann man über eine gezielte Nutzung des Klopfens bei gesteuerten Detonationen, nicht anders als bei einem herkömmlichen Verbrennungsmotor, für Raketentriebwerke nachzudenken.

Nicht umsonst gilt Russland als Weltspitze in der Produktion und Entwicklung von Raketenantrieben. Das leidige Müllproblem im Weltall auch noch mittels eines umweltfreundlichen Antriebs zu lösen, ist wahrlich ein kosmischer Meilenstein. Zwei Fragen bleiben aber indes noch offen. Niemand vermochte uns bislang zu sagen, ob der eingesammelte Müll dann auch ganz im ökologischen Sinne getrennt werden soll und wann Russland endlich gedenke, sein irdisches Müllproblem zu lösen.

[Michael Barth/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.