Russland öffnet Akten aus dem Dritten Reich

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Moskau – Man nennt sie auch „Trophäendokumente“, die Akten aus dem Dritten Reich, die von den Alliierten nach der Kapitulation Hitlerdeutschlands am 8., beziehungsweise 9. Mai 1945 aus den Archiven in alle Himmelsrichtungen verbracht wurden. Den Sowjets fiel dabei die besondere Ehre zuteil, in ihrem Sektor den Berliner Reichstag zu plündern. Somit dürften sich die wichtigsten Unterlagen aus dieser Zeit heute in Russland wiederfinden. Anlässlich des 70. Jahrestags des Kriegsendes hat sich Moskau nun entschlossen, diese Dokumente frei zugänglich zu machen.

Begonnen wurde mit dieser beispiellosen Aktion bereits im Jahr 2011. Seitdem wird im Rahmen eines wissenschaftlichen Projekts ein gut zwei Millionen Blatt schwerer Stapel ausgewertet und digitalisiert. Bisher sind davon die ersten 200.000 Blatt Papier ins Netz gestellt worden und damit für jedermann ohne Kosten und ohne Beschränkung frei zugänglich. Mitunter konnten von der Roten Armee Dokumente gerade noch sichergestellt werden, bevor sie die Nationalsozialisten beseitigen und vernichten konnten. Darunter auch beeindruckend viel geheime Dossiers direkt aus dem Führerhauptquartier.

Originaldokumente von unschätzbarem Wert

Demzufolge befinden sich in diesen Unterlagen auch viele Äußerungen Adolf Hitlers, diesen unseligen Weltkrieg siegreich beenden zu können. Aber nicht nur die Beuteakten aus der Führeretage sprechen Bände, sondern auch die der SS, der Geheimpolizei und aus sämtlichen anderen Archiven der Wehrmacht. Auch deren „Dependancen“, wenn man so will, in Österreich, Polen, Frankreich legten sich ein umfassendes Zeugnis über die Überwachung und Beobachtung von linksgerichteten Parteien und Verbänden, Gewerkschaften und Jugendorganisationen in ihre Aktenschränke.

Die Besonderheit dieser Dokumente begründet sich sicherlich in erster Linie darin, dass die Originaldokumente nicht ausschließlich aus der Sichtweise der Siegermächte interpretiert sind, sondern deren unverfälschten Inhalt wiedergeben. Für Historiker und zeitgeschichtlich Interessierte stellt diese Veröffentlichung somit einen unermesslichen Wert dar, der noch so einen oder anderen Aspekt der deutschen Politik in einem anderen Licht beleuchtet. Ursprünglich wurden die Unterlagen in den 1940er bis 1960er Jahren in das Zentralkomitee der KPdSU verbracht. Mittlerweile lagern die Dokumente im Zentralarchiv des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation.

Aber nicht nur die Akten des Zweiten Weltkriegs sind in Moskau eingelagert, sondern auch die Sammlung „Deutsche Dokumente zum Ersten Weltkrieg“, bestehend aus 36.000 Blättern. Hierbei handelt es sich um Akten aus den Jahren 1910 bis 1919, die aus der Heeresleitung, verschiedenen Kommandoebenen sowie diversen Behörden stammen. Diese Dokumente lagern ebenfalls im Zentralarchiv des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation in Moskau. Unter folgenden Links gelangen Sie auf die digitalisierten Datensätze der jeweiligen Unterlagen:

Deutsche Beuteakten zum Zweiten Weltkrieg im Zentralarchiv des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation (CAMO)

Dokumentensammlung der deutschen Geheimpolizeien und Nachrichtendienste 1912- 1945 die sich im Russischen Staatsarchiv für sozialpolitische Geschichte befindet (RGASPI, Bestand 458, Findbuch 9)

Deutsche Beuteakten zum Ersten Weltkrieg im Zentralarchiv des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation (CAMO)

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.