Russland in Europa: Kalter Krieg in den Köpfen?

Umfrage der Körber-Stiftung in drei Ländern: Deutsche, Russen und Polen uneins über Wege aus der Krise

Moskau von Moskwarezki Uferstrasse © wietek

Nur knapp jeder zweite Russe (49 Prozent) findet, Russland gehöre zu Europa, in Deutschland (56 Prozent) und Polen (57 Prozent) glaubt das mehr als die Hälfte der Bevölkerung. Als wichtigstes Argument für die Zugehörigkeit wird die geografische Lage genannt, gemeinsame Werte und Kultur scheinen dagegen kaum relevant.

Das zeigt die repräsentative Umfrage »Russland in Europa: Kalter Krieg in den Köpfen?« die die Körber-Stiftung von Kantar Public im September 2017 in Deutschland, Russland und Polen durchführen ließ. In Deutschland ist die Zustimmung zur Aussage »Russland gehört zu Europa« im Vergleich zu einer Befragung 2016* um acht Prozent gestiegen. Neben der Geografie nennen Deutsche als weitere Gründe dafür vor allem enge wirtschaftliche Verflechtungen und eine gemeinsame Geschichte. Das Geschichtsverständnis der Russen dagegen führt eher zu einer Abgrenzung: »In Russland wächst das Bewusstsein für eine nicht-europäische Identität aufgrund einer anderen Geschichte«, sagt Gabriele Woidelko, Leiterin des Fokusthemas »Russland in Europa« der Körber-Stiftung. »Nur der kritische Dialog über Gemeinsamkeiten und Unterschiede kann zu einer erneuten Annäherung führen«, so Woidelko weiter.

Keine Wertegemeinschaft, aber Wunsch nach regierungsnahen Medien

Geteilte Meinungen gibt es zu demokratischen Werten. Dass Fremdenfeindlichkeit nicht in die moderne Gesellschaft gehört, findet in Deutschland (86 Prozent) und Russland (83 Prozent) eindeutige Zustimmung, in Polen sagen das 57 Prozent. Den Medien sprechen erstaunliche 43 Prozent der Deutschen, 53 Prozent der Polen und 76 Prozent der Russen eine dienende Rolle zu: sie sollen die Regierung unterstützen und ihre Entscheidungen mittragen. Im Vergleich zum Vorjahr sinkt in Russland die Zahl derer, die Streiks und Demonstrationen verbieten wollen, um 18 Prozent. Homosexuelle Partnerschaften lehnen 86 Prozent der in Russland Befragten ab, in Polen tut das nahezu jeder Zweite, in Deutschland rund jeder Fünfte.

Polen zeigt klare Kante bei Sanktionen gegen Russland

Der Ukraine-Konflikt und die daraus resultierenden Sanktionen sind schuld an der politischen Eiszeit zwischen Russland und der EU – darin sind sich die Befragten in allen Ländern weitgehend einig. Die Frage, wie weiter mit den Wirtschaftssanktionen umzugehen ist, spaltet die drei Länder jedoch: Während 58 Prozent der Polen für Beibehalten oder Verschärfen plädieren, wollen 61 Prozent der Russen die Sanktionen lockern oder aufheben. Die Deutschen sind in dieser Frage gespalten (46 Prozent beibehalten/verschärfen, 45 Prozent lockern/aufheben), allerdings unterstützen deutlich mehr Westdeutsche als Ostdeutsche eine harte Gangart gegen Russland. Eine Wiederannäherung zwischen der EU und Russland ist in allen drei Ländern jedoch mehrheitlich gewünscht. »Drei Jahre nach der Annexion der Krim bleibt der Ukraine-Konflikt die größte Belastung für die russisch-europäischen Beziehungen. Der eindeutige Wunsch nach Wiederannäherung ist ein deutliches Signal an die Politik, dass bald eine Lösung für den Konflikt gefunden werden muss«, so Gabriele Woidelko.

Bilaterale Zusammenarbeit: Umgekehrter Erdoğan-Effekt in Deutschland und Russland

Gefragt danach, mit welchen außenpolitischen Partnern mehr zusammengearbeitet werden soll, nennen mehr Deutsche Paris (90 Prozent) als Moskau (78 Prozent). Für die Russen ist China besonders wichtig (69 Prozent), Frankreich und Deutschland folgen fast punktgleich mit 62 bzw. 61 Prozent. Unterschiedlicher Meinung sind Deutsche und Russen was die Türkei betrifft: 78 Prozent in Deutschland wollen weniger zusammenarbeiten, 52 Prozent in Russland sind für mehr Kooperation. Die Polen sehen mit 84 Prozent die USA und Großbritannien gleichermaßen an der Spitze der Prioritätenliste, Russland steht unter acht Ländern zur Auswahl an vorletzter Stelle.

Jeder Dritte in Polen und Deutschland will einen Schlussstrich unter die Beschäftigung mit dem Zweiten Weltkrieg

Die Frage, ob es über 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs angemessen sei, dieses Kapitel der Geschichte ruhen zu lassen, stößt in Russland auf Widerstand. 85 Prozent sprechen sich dort gegen den sogenannten Schlussstrich aus. In Deutschland und Polen befürworten ihn jeweils mehr als ein Drittel der Befragten.

Das Meinungsforschungsinstitut Kantar Public befragte im September 2017 zeitgleich 1006 Personen in Deutschland, 1000 in Polen und 1016 in Russland, jeweils Wahlberechtigte ab 18 Jahren. Die Ergebnisse sind repräsentativ.

* 2016 ließ die Körber-Stiftung eine ähnliche Umfrage durchführen. Die Ergebnisse von »Russland in Europa: Annäherung oder Abschottung?« sind hier zu finden