Russland aus dem Kreis führender Weltraummächte ausgeschieden?

Russland aus dem Kreis führender Weltraummächte ausgeschieden?

Russlands Raumfahrt steckt nach Einschätzung eigener Experten in einer tiefen strategischen Krise. Während Vertreter der Russischen Akademie der Wissenschaften offen einräumen, dass das Land nicht mehr zum Kreis der führenden Weltraummächte gehört, werden zugleich ehrgeizige Projekte zusammengestrichen oder ganz aufgegeben. Offizielle Erklärungen aus dem Kreml zeichnen dagegen weiter das Bild einer Branche, die angeblich Souveränität, Sicherheit und technischen Fortschritt des Landes stärke.

Besonders deutlich fiel die Bestandsaufnahme auf dem Russischen Weltraumforum aus. Dort erklärte der wissenschaftliche Leiter des Moskauer Instituts für Weltraumforschung der Akademie der Wissenschaften, Lew Seljony, in den kommenden zehn Jahren seien in Russland keine bemannten Flüge ins All vorgesehen, auch nicht zum Mond. Als einziges größeres Vorhaben bleibe damit im Grunde der Bau einer neuen russischen Raumstation. Seljony sprach offen davon, dass Russland aus der Gruppe der Vorreiter herausgefallen sei und nun nach „nicht einfachen, unkonventionellen Lösungen“ suchen müsse, um wieder Anschluss zu finden.

Diese Einschätzung wird durch die Startzahlen untermauert. Russlands Anteil an den weltweiten Raumfahrtstarts ist seit dem Ende der Sowjetära dramatisch eingebrochen: von 53 Prozent im Jahr 1990 auf nur noch 5,4 Prozent im Jahr 2025. Im vergangenen Jahr entfielen lediglich 17 der weltweit 317 erfolgreichen Raketenstarts auf Russland. Die USA kamen auf 194 Starts, China auf 90. Damit liegt Russland bei einem der zentralen Indikatoren technologischer und industrieller Leistungsfähigkeit inzwischen weit hinter den beiden Spitzenreitern zurück.

Hinzu kommt, dass die russische Raumfahrtpolitik ihre eigenen Zielmarken mehrfach verfehlte. Der frühere Roskosmos-Chef Juri Borissow hatte Anfang 2024 noch 40 Raketenstarts pro Jahr angekündigt. Später genehmigte Wladimir Putin das nationale Projekt „Kosmos“, das eine Steigerung von 46 Starts im Jahr 2025 auf 66 bis 2030 und 113 bis 2036 vorsieht. Doch schon der spätere Roskosmos-Leiter Dmitri Bakanow reduzierte die Erwartung für 2025 auf 20 Starts – und selbst dieses bescheidenere Ziel wurde nicht erreicht.

Parallel dazu wird auch bei Prestigeprojekten zurückgerudert. So wurde die Entwicklung einer wiederverwendbaren Version der schweren Trägerrakete Angara-A5 eingestellt. Denis Deniskin, Generaldirektor des Chrunitschew-Zentrums, begründete dies mit fehlender wirtschaftlicher Perspektive und unklarer Nachfrage potenzieller Kunden. Damit verabschiedet sich Russland zumindest vorerst auch von einem technologischen Feld, das in der internationalen Raumfahrt längst als Schlüsselbereich gilt.

Umso auffälliger wirkt der Kontrast zur offiziellen Rhetorik aus dem Kreml. In einer von Vizepremier Denis Manturow verlesenen Erklärung erklärte Präsident Wladimir Putin, das Weltraumpotenzial Russlands trage zunehmend zur Wirtschaft, zur Lebensqualität sowie zur Sicherheit und Souveränität des Staates bei. Genannt wurden ein zuverlässiger Betrieb von Trägerraketen und Raumschiffen, eine verbesserte Infrastruktur im Orbit, der Ausbau der Satellitenflotte und die Entwicklung neuer Systeme. Zugleich räumte Manturow selbst ein, Russland müsse seine Position in zentralen Bereichen der Raumfahrtindustrie in den kommenden Jahren deutlich verbessern – etwa bei Satellitenkommunikation, Internet, Navigation, Erdbeobachtung, Weltraumbasen und dem bemannten Programm.

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