Russische Gastfreundschaft – wer bekommt das Geld der chinesischen Touristen?

Meinungen aus der russischen oppositionellen Medienlandschaft

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In Russland gibt es immer mehr Touristen aus China. Die Oppositionszeitung „Republic“ sieht dahinter ein „geschlossenes Ökosystem“.

„Alljährlich besuchen mehr als eine Million Chinesen Russland. Hotels und Einkaufszenten übersetzen ihre Aushängeschilder ins Chinesische, Reisebüros erstellen für sie spezielle Routen. Die Chinesen selbst interessieren sich in Russland nicht nur für Sehenswürdigkeiten, sondern auch für Details aus Lenins Biografie, Shopping und die Polarnacht. All das erbringt für die Geschäftswelt Milliarden Dollar im Jahr, aber die chinesische Tourismusindustrie ist so aufgebaut, dass ein bedeutender Teil der Gelder, auch wenn sie im Ausland ausgegeben wurden, trotzdem in China bleibt.

Spendable Touristen

Chinesen gelten als sehr freigebig – bei ihren Reisen geben sie mehr aus als Touristen aus jedem beliebigen anderen Land. Im letzten Jahr ließen sie 26 Milliarden Dollar im Ausland – doppelt so viel wie zum Beispiel Touristen aus den USA.

Noch vor ein paar Jahren brachte man die Großzügigkeit der Gäste aus China mit den hohen Steuern und Zöllen auf Importwaren in Zusammenhang. Kleidung bekannter Marken, Kosmetika und Schmuck waren günstiger im Ausland zu erstehen: In Frankreich waren solche Waren im Durchschnitt 72 Prozent günstiger, in den USA 51 Prozent.

Aber jetzt reisen Chinesen vor allem, um neue Eindrücke zu gewinnen: Shopping ist nach der Besichtigung von Sehenswürdigkeiten und „Erholung“ auf Platz drei der Prioritätenliste zurückgerutscht. Grund ist die Entwicklung des Internet-Handels: Alles Nötige kann man heute Online kaufen. Einfluss nimmt auch die Demokratisierung der Tourismus-Branche: Zu den ins Ausland reisenden Chinesen gesellen sich immer mehr Vertreter des wachsenden Mittelstands hinzu.

In Russland hielten sich im letzten Jahr etwas mehr als eine Million Chinesen auf. Der Touristenstrom wächst stabil seit 2014, als der Rubel abgewertet wurde. Seit 2016 belegen die Chinesen den ersten Platz unter allen ausländischen Touristen in Russland. In diesem Jahr wird ihre Zahl ebenfalls zunehmen – im ersten Halbjahr sind 36 Prozent mehr Touristen aus China gekommen als in der entsprechenden Vorjahresperiode.

Warum Russland?

Die Chinesen haben kein gesondertes Interesse an Russland, meint Alexander Makljarowski, Leiter des Departments für Incoming-Tourismus beim Verband der Reiseveranstalter Russlands. Wichtig ist wohl am ehesten die Tatsache, dass man in einem anderen Land Urlaub machen und eine Zeitlang die übervölkerte Großstadt mit ihrer schlechten Ökologie hinter sich lassen kann. Meistens fahren Chinesen nach Moskau oder St. Petersburg sowie in die Gebiete nahe der chinesischen Grenze – zum Beispiel an den Baikalsee. Dazu trug Li Jiangs Lied „Am Ufer des Baikalsees“ bei, wo es um ein Liebespaar geht, das sich viele Jahre nach der Trennung am Ufer des Baikalsees wiedersieht. Eine andere Reisevariante ist ein Besuch in Murmansk, um das Nordlicht zu sehen.

Eine einwöchige Gruppenreise nach Russland kostet etwa 1200 Dollar, sagt Anna Sibirkina, Leiterin des Programms China Friendly, das Russland auf dem chinesischen Tourismusmarkt popularisiert. Aber es geht auch günstiger: Es gibt Billigreisen für sechs Tage nach Moskau und St. Petersburg, die ganze 690 Dollar kosten. Im Programm: Roter Platz, Kreml, Basilius-Kathedrale, Mausoleum, Christ-Erlöser-Kathedrale, Winter- und Sommerpalast. Einen Teil der Sehenswürdigkeiten sehen sich die Touristen aus der Ferne an, einen Teil im Schnelldurchlauf (für die Christ-Erlöser-Kathedrale haben sie zehn Minuten Zeit).

Begleitet werden die Touristen von einem chinesischen Reiseleiter, die Verpflegung ist ebenfalls chinesisch. (In einer Reportage der Zeitschrift „New Yorker“ geht es um Busfahrten für chinesische Touristen durch Europa: Gewöhnlich essen die Teilnehmer in der Woche, die sie zwischen Deutschland, Italien und Frankreich verbringen, nur in spezialisierten chinesischen Restaurants, die an der Strecke liegen.)

Die Reiseveranstalter warnen vor unfreundlichen Zugbegleitern und raten, dem Reiseleiter das Gespräch mit ihnen zu überlassen. Außerdem wird vorher abgesprochen, dass im Vierbettabteil ein Einheimischer einen Platz neben ihnen haben kann. Hätten die chinesischen Reiseveranstalter die Möglichkeit, auf der Strecke von Moskau nach Petersburg einen eigenen Zug einzusetzen, wäre dies wahrscheinlich schon längst geschehen.

Außer gewöhnlichen Reisen gibt es den sogenannten „roten Tourismus“, auf den Spuren der Geschichte des Kommunismus – überwiegend für die ältere Generation. Eine der aktuellen Routen sieht den Besuch von Moskau, St. Petersburg, Uljanowsk und Kasan vor. Neben dem Kreml und dem Mausoleum besuchen die Touristen Lenins Geburtshaus und die Kasaner Universität, wo er studierte. In den Pausen zwischen den Exkursionen legen die Chinesen am Lenin-Denkmal Blumen nieder, auf Wunsch kann man den Reihen der „Leninisten“ beitreten – dafür gibt es eine eigene Festzeremonie. (In Europa ist das Geburtshaus von Karl Marx in Trier das Mekka der Chinesen.)

Der ökonomische Effekt

2015 gaben Reisende aus China etwa zwei Milliarden Dollar aus, das ist ein Fünftel aller Ausgaben von ausländischen Touristen in Russland.

Nach der Abwertung des Rubels sind Einkäufe in Russland für Chinesen besonders günstig geworden. In den Foren raten die Reisenden dazu, praktisch alles aus Russland mitzubringen – von elektrischen Wasserkochern bis zu Schmuck, denn in China sind diese Dinge teurer. Aber am meisten kaufen Chinesen in Russland Kosmetika bekannter Marken, Süßigkeiten (Schokolade „Aljonka“) und Schmuck, sagt Sibirkina. Der größte Hit ist Bernstein, der als Zeichen für Wohlstand angesehen und als „nördliches Gold“ bezeichnet wird.

Ungeachtet dessen, dass Shopping im Ausland die Chinesen immer weniger interessiert, setzen viele russische Verkäufer von Luxuswaren nach wie vor auf sie. Nach Schätzungen bringen Touristen aus China manchen Einkaufszentren in Moskau und St. Petersburg zwischen fünf und 20 Prozent des Erlöses ein.

Die wichtigste Besonderheit des chinesischen Tourismus liegt aber darin, dass er ein geschlossenes Ökosystem darstellt. Wenn man vom organisierten Massentourismus spricht, steigen die Gäste in eigens eingerichteten Hotels ab, besuchen chinesische Restaurants (europäisches Essen empfinden sie als ungewohnt) und Souvenirläden, die von Chinesen geführt werden, und bei Exkursionen werden sie von chinesischen Reiseleitern begleitet.

Laut Vertretern der Branche verkaufen chinesische Veranstalter Russlandreisen unter dem Selbstkostenpreis, aber die für diese Unternehmen tätigen Reiseleiter bringen die Touristen in Geschäfte, die diesen Firmen gehören, und dort kaufen die Gäste Schmuck und Souvenirs zu überhöhten Preisen. In manchen Geschäften, die Bernstein verkaufen, werden nur chinesische Kunden bedient. Dadurch verliert die russische Wirtschaft jährlich etwa 500 Millionen Dollar, hat die Assoziation „Welt ohne Grenzen“ berechnet, die mit der Entwicklung des russisch-chinesischen Tourismus befasst ist.

Chinesen, die selbstständig reisen, treten natürlich anders auf. Heute sind etwa zehn Prozent der Ausländer, die das Museum für sowjetische Spielautomaten in St. Petersburg besuchen, Chinesen, erzählt Museumsdirektor Igor Kowalewski. In der Regel kommen junge Menschen unter 30 in dieses Museum, die ohne die Hilfe von Reiseveranstaltern ins Ausland fahren. Sie interessieren sich nicht besonders für Ausstellungen sowjetischer Plakate oder alte Computerspiele, aber sie verbringen viel Zeit an Spielautomaten. Und danach bestellen sie im Museumscafé Eis oder Milchshakes, die mit einem sowjetischen Mixer zubereitet werden.“