Russen auf Kurzurlaub in Kaliningrad

Foto: tookapic CC0 Public Domain via PixabayFoto: tookapic CC0 Public Domain via Pixabay
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Nicht nur in ihren großen Sommerferien verbrachten die meisten Russen heuer lieber im Inland, als, wie in den vergangenen Jahren noch, im europäischen Ausland. Auch das Gros der Kurzurlauber bevorzugt mittlerweile wieder Reiseziele in der eigenen Heimat. Besonders rekordverdächtig beginnt sich dabei die Exklave Kaliningrad von den anderen Destinationen abzuheben.

Am 4. November feiert man in Russland den Tag der Einheit. Zudem haben Schüler während dieses Zeitraums ihre zweiwöchigen Herbstferien. Und erfahrungsgemäß wird sich in der Woche vor dem Vierten kein Russe zwingend ein Bein mit seiner Arbeit ausreißen. Das ist dann die Zeit, um auf die Datscha zu fahren oder, genauso wie bei uns, einen Kurzurlaub einzulegen. Der russische Ableger des Reiseportals „Skyscanner“ hat herausgefunden, wohin dieses Jahr die Reise bei den Russen geht und auf dieser Grundlage eine Top-Ten der Reiseziele erstellt.

Zuallererst fällt auf, dass sich immer weniger Russen in Richtung Ausland bewegen. So gut wie sämtliche Urlaubsorte, die in den Jahren zuvor noch gut mit dem russischen Klientel verdienen konnten, zeigen sich, mitunter stark, rückläufig in der Gunst der Russen. Die Gründe dafür sind sicherlich in der Krise, sowie der Unsicherheit im Zuge der Sanktionen zu suchen. Wie bereits in den Sommermonaten gesehen, zieht es die russischen Touristen vermehrt in die verschiedenen Regionen des Inlandes. Die großen Profiteure im Sommer waren dabei die Schwarzmeerküste bei Sotschi, sowie die neu hinzugekommene Halbinsel Krim.

Ostsee statt Mittelmeer

Der „Skyscanner“-Statistik zufolge werden die meisten Russen ihre Kurzferien wohl in Kaliningrad verbringen. Die Exklave an der Baltischen See dürfte demnach einen Zuwachs von 86 Prozent gegenüber des letzten Jahres verbuchen. Für Inlandsrussen birgt das ehemals deutsche Königsberg immer noch einen gewissen Hauch von Exotik. Zudem sind die Flüge nach Kaliningrad subventioniert und von dem her äußerst günstig zu bekommen. Hinzu kommt, dass sie dort, wenn sie mit dem Flugzeug kommen, nicht auf das Schengen-Visum angewiesen sind. Das spart Zeit – und vor allem Geld.

Wie Dmitrij Chawanskij, der russische PR-Manager von „Skyscanner“, in einer Pressemitteilung verlauten ließ, habe sich Kaliningrad vom 25. Platz in den Top-10 auf Rang sechs vorgeschoben. Chawanskij weiß, dass viele der Russen bereits in Sotschi oder Simferopol angelandet sind, um von dort aus die nähere Umgebung zu erkunden. „Sie suchen nach neuen und interessanten Reisezielen“, sagt der Touristikfachmann. Die ehemaligen deutschen Städte mit einer mehr als 1000-jährigen Geschichte hätten ihm zufolge bis zu unserer Zeit den Charme des alten Europas bewahrt. Hinzu kämen die Nähe zur Ostsee und der herrliche Nationalpark Kurische Nehrung. Das mache für Chawanskij Kaliningrad zu einem der vielversprechendsten Reiseziele im Inland.

Massive Verluste im Ausland

Bei den Auslandszielen konnte lediglich München einen deutlichen Zuwachs, nämlich um 45 Prozent zum Vorjahr, verbuchen. Das mag daran liegen, dass das angrenzende Österreich in der Gunst der Russen ebenso deutlich gestiegen ist. Sie sind es zudem gewohnt, auch Tagesziele anzusteuern, die einige hundert Kilometer entfernt liegen. Da wird sich noch weisen, ob sich das Verhalten auch im bevorstehenden Wintertourismus äußert, der in den bisherigen Jahren der Sanktionen ja doch stark rückläufig war. Die Gastronomen und Hoteliers in den alpinen Ferienorten würden sich sicherlich die Hände reiben, wenn für sie das Geschäft mit den Russen endlich wieder zurück käme.

Besonders zu spüren bekommen den russischen Urlauberschwund dieses Jahr die Türkei, Italien und Frankreich. Stand 2015 noch Istanbul an erster Stelle im Ranking der Top-Locations, wurde es inzwischen von Moskau eingeholt und auf dem Spitzenplatz abgelöst. Überhaupt musste die Türkei im Allgemeinen auf 64 Prozent der Russen verzichten. Die Gründe für das Umdenken mögen in der unsicheren Position des Landes im Syrienkonflikt zu finden sein.

Auch nach Paris und Rom wollten 2016 wesentlich weniger Russen reisen als vorher. Die Metropole an der Seine musste sich mit der Rückläufigkeit von 55 Prozent abfinden, wobei Frankreich insgesamt 48 Prozent seiner russischen Touristen verlor. Auch Rom beklagt einen Verlust von 44 Prozent, allerdings liegt Italien selbst mit „nur“ Minus 22 Prozent noch einigermaßen gut im Kurs. Punkten konnte indes Georgien. Aus Russland kamen mehr angereist, als in den Vorjahren und bescherten dem kleinen Land stolze 67 Prozent dazu.

[mb/russland.RU]

 

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.