Russe knackt Ballon-Weltrekord

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[Von Michael Barth] – Einigen unserer Lesern wird sicherlich noch die Geschichte von Phileas Fogg geläufig sein, der in dem Roman von Jules Verne die Erde seinerzeit in 80 Tagen umrundet hat. Ein Russe tat es ihm annähernd gleich und schaffte die gleiche Strecke in nur 11 Tagen. Anders als Mr. Fogg aus dem Roman stand im jedoch nur ein einziges Transportmittel zur Verfügung – ein Heißluftballon.

Fjodor Konjuchow, ein Russe aus Tschakalowo, tief unten im Südosten der Ukraine, ist ein sportlicher Allrounder. Solange es nur spektakulär genug ist und sich vom Breitensport abhebt, ist ihm jede Unternehmung recht, das Abenteuer am äußersten Rand der Leistungsgrenze einzugehen. Sportlichen Höchstleistungen also, die schon längst ihr Letztes abverlangt haben, denen will er noch eins draufsetzen. Wenn der normale Leistungssportler vor Ehrfurcht abwinkt, dann schlägt die Stunde für Konjuchow.

Erlebt hat er ja schon einiges, der „Freak am Limit“, in seinen 65 Lebensjahren. Konjuchow, der aussieht wie Rasputin zu seinen besten Zeiten, kämpfte in jungen Jahren im Vietnamkrieg an der Seite des Vietcongs, bevor er sich ganz seinen sportiven Ambitionen zuwandte. So gelang es ihm als erstem Russen der Welt die legendären „Seven Summits“, das sind die jeweils höchsten Berge der sieben Kontinente, zu bezwingen. Als erster Russe an Nord- und Südpol? Pfff – höchstens eine ausgedehnte Wanderung für Fjodor Konjuchow.

Allrounder des Extremsports

Die Antarktis hat der Extremsportler dann auch noch gleich umsegelt. Überhaupt, bleiben wir doch noch ein wenig beim Wassersport. Einer Nonstop-Weltumseglung mit einer Yacht folgte der Sieg beim Antarctica Cup Race Track. Bei einer von seinen insgesamt fünf Atlantik-Überquerungen stellte Konjuchow einen Weltrekord auf. Er benötigte 46 Tage für die Strecke – in einem Ruderboot! Logischerweise blieb auch der Pazifik nicht von dem umtriebigen Allrounder verschont. In 159 Tagen und 15 Stunden ruderte er sich einmal mehr zum Weltrekord. Natürlich alles als erster Russe, wie sich versteht.

Aber auch abseits seines Muskelspiels glänzt Konjuchow mit Extremen. 3000 Zeichnungen und Bilder kreierten seine Hände, neun Werke veröffentlichte das Mitglied im Russischen Schriftstellerverband als Autor. Mit fortgeschrittenem Alter ließ er sich dann auch noch zum orthodoxen Priester ausbilden. Selbstverständlich ist Fjodor Konjuchow auch Mitglied der angesehenen Russischen Geographischen Gesellschaft. Jules Verne hätte an dem Russen seine hellste Freude gehabt.

Eben erst hat Konjuchow einen weiteren seiner Weltrekorde eingetütet. 35.000 Kilometer in einer Höhe von bis zu 10.000 Metern überwand er binnen 11 Tagen in einem Heissluftballon. Damit knackte er den bisherigen Rekord des Amerikaners Steve Fosset, der für die selbe Distanz vor 12 Jahren zwei Tage mehr benötigte. Nebenher überwand er auch noch dessen Höhenrekord von 10.200 Metern um 400 Meter. Und das bei einer Temperatur von bis zu minus 35 Grad. Sogar einem Zyklon vermochte er auf seinen letzten 3000 Reisekilometern standzuhalten.

In 11 Tagen um die Erde

Die letzten 24 Stunden seiner triumphalen Weltrekordfahrt seien recht ereignislos gewesen, sagt der Rekordhalter rückblickend, aber „die zehn Tage davor waren schrecklich“. Stellenweise musste er gegen Schnee und Eis ankämpfen, in extremen Höhen garantierte nur die Sauerstoffmaske sein Überleben. An den Weltrekord will der russisch-orthodoxe Priester nicht gedacht haben, „das Ziel war einfach, um die Welt zu fahren“. Auch Konjuchows 40-jähriger Sohn Oskar darf stolz auf seinen Vater sein. Ihm zufolge läge die Chance die Soloweltumrundung im Ballon sofort beim ersten Versuch zu schaffen bei „eins zu einer Milliarde“.

Mit stellenweise über 300 Kilometern in der Stunde in der winzigen Kabine eines 52 Meter hohen Gefährts, das nur mit Helium und warmer Luft gefüllt ist, um die Welt zu fahren, ist nicht gerade ein Zuckerschlecken.Hinzu kommt viel zu wenig Schlaf. Lediglich vier Stunden täglich, jeweils 45 Minuten am Stück, waren für den Piloten vorgesehen. Oskar Konjuchow, der die Ballonfahrt als Projektmanager der Expedition vom Boden aus begleitete, plaudert aus dem Nähkästchen. „Man darf nicht glauben, dass man in einem Ballon in zehn Kilometer Höhe die Welt im T-Shirt umrunden kann, gut isst und die Aussicht genießt“, da ginge es nur noch darum die Reise zu überleben, sagt er.

Todeszonen“ und Briefmarken

Gegen die Kälte schütze seinen Vater die gleiche Wäsche, die er beim Aufstieg zum Mount Everest trug, nur dass man sich beim Bergsteigen bewege. Hinzu käme die Höhe. Jeder Bergsteiger wisse, dass man in der sogenannten „Todeszone“ über 8.000 Metern nicht lange verbleiben könne. „Mein Vater ist seit neun Tagen auf dieser Höhe. Das ist mental und physisch sehr schwierig“, wie er in einem Interview erzählte. Auch sei der Abenteurer seit seinem Start nicht mehr auf der Toilette gewesen. „Der Körper ist unter solch enormer Anspannung, dass er die Reserven von Fett und Muskeln anzapft, weiß er als Wissenschaftler, man esse sich quasi selbst auf.

Ob dann Fjodor Konjuchow nach seiner geglückten Landung erst einmal gepflegt aufs Klo ging, ist uns leider nicht bekannt. In Australien jedoch, von wo aus Fjodor Konjuchow startete und 11 Tage später auch wieder landete, gingen am Ende die Sonderbriefmarken mit dazugehörigem „Balloon Mail“- Poststempel weg wie warme Semmeln.

Nicht, dass sich der 65-jährige Extremsportler nun auf sein Altenteil zurück ziehen würde. Zwar versprach er bei seiner Ordination zum Priester, seine Abenteuer künftig ruhen zu lassen, aber dafür ist Fjodor Konjuchow dann doch zu umtriebig. Nein, zwei große Projekte stünden laut seinem Sohn sowieso noch an. Zum einen planen sie, um beim Ballonfahren zu bleiben, mittels einer Druckkapsel bis in 25 Kilometer Höhe aufzusteigen.

Des weiteren gedenken die beiden einen Tauchgang im Marianengraben, dem tiefsten Punkt der Erde zu unternehmen – rund 11.000 unter dem Meer. Nur am Rande: Haben wir eigentlich schon erwähnt, dass Jules Verne seine hellste Freude an diesem Russen gefunden hätte…

[Michael Barth/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.