Rubel unter Druck

[Von Dr. Christian Wipperfürth] Die russische Zentralbank interveniert täglich am Devisenmarkt, um den Kurs des Rubels innerhalb einer festgelegten Schwankungsbreite zu halten. Russland war seit 2001/02 hierzu einerseits in großem Umfang in der Lage, weil der Überschuss der Handelsbilanz dank der stark steigenden Energiepreise in die Höhe schoss. Dies kam auch den Devisenreserven der Zentralbank zu Gute. Sie intervenierte andererseits, um das angeschlagene Vertrauen der Bevölkerung in die heimische Währung nach dem Zusammenbruch von 1998 (wieder) herzustellen und Investoren mehr Planungssicherheit zu ermöglichen.

Die Rubel-Euro-Relation bewegte sich zwischen 2005 und dem Spätsommer 2008 in einem recht engen Korridor. Die Zentralbank versuchte, den Rubelkurs auch im Herbst 2008 stabil zu halten und setzte hierfür – sage und schreibe! – 100 Milliarden US-Dollar ein. Sie konnte sich der weltweit einsetzenden Panik aufgrund der Finanzkrise aber nicht dauerhaft entgegenstemmen und kapitulierte im Spätherbst 2008. Danach verlor die russische Währung im Vergleich zum Euro innerhalb weniger Wochen 30% an Wert.

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Zwischen 2010 und 2013 blieb die Rubel-Euro-Relation recht konstant, wenngleich mit größeren Ausschlagen als vor der Finanzkrise.

2013 griff die russische Zentralbank insgesamt mit 27 Milliarden US-Dollar in den Devisenmarkt ein. Seit vergangenem Herbst gab es deutliche Signale, dass die Notenbank ihre Interventionen zwar nicht aufgibt, jedoch dabei ist sie deutlich zurückzufahren, um die Inflation besser bekämpfen zu können. Am 13. Januar 2014 gab die Zentralbank bekannt, ab 2015 die Währung frei schwanken zu lassen. Daraufhin begann der Rubel beträchtlich zu rutschen.

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Elwira Nabiullina, Die Chefin der russischen Zentralbank, versuchte zunächst Gelassenheit zu verbreiten: Nicht der Rubel werde schwächer, sondern der Euro bzw. der US-Dollar gewönnen an Wert.

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Der deutliche Abwärtstrend blieb jedoch erhalten. Das bisherige Allzeittief des Rubels vom 3. Februar 2009 (47,25) wurde am 28. Januar 2014 noch unterboten. An diesem 28. Januar erklärte der Finanzminister, Russland nehme von den Plänen Abstand, den Kurs ab kommendem Jahr frei schwanken zu lassen. Die Zentralbank erklärte am gleichen Tag, ab sofort in unbegrenzter Höhe zugunsten des Rubels zu intervenieren. Sie gab hierfür in der vergangenen Woche an einigen Tagen 1 Milliarde US-Dollar aus. Wie auf der obenstehenden Graphik zu sehen ist kam die Abwärtsbewegung der Währung zum Stillstand.

Warum geriet der Rubel überhaupt unter Druck? Die Beobachter führen dies vor allem auf die Währungspolitik der USA zurück: Die US-Notenbank kündigte im Mai 2013 an, dem Markt in Zukunft weniger Geld zur Verfügung zu stellen. Daraufhin gerieten die Währungen einer ganzen Reihe von Schwellenländern unter Druck. Milliarden begannen aus den Schwellenländern in die USA zu fließen, da sich eine Wirtschaftsbelebung und steigende Zinsen ankündigten.

Der Rubel verlor innerhalb der vergangenen 12 Monate 16% seines Werts gegenüber dem US-Dollar, die Währung Brasiliens fiel um 21%, diejenige Südafrikas um 23%, die türkische Lira um 32% und beispielsweise der argentinische Peso gar um 60%.

Nun befindet sich Russland im Grunde nicht in derselben Risikoklasse wie Brasilien, Südafrika, die Türkei, Argentinien oder andere wachsende große Volkswirtschaften. Russland hat im Gegensatz zu diesen Ländern einen hohen Leistungsbilanzüberschuss, sehr hohe Devisenreserven und nur geringe Auslandsschulden.

Die Wirtschaft Russlands befindet sich aber in einer Wachstumsschwäche. Ihr Ende ist noch nicht abzusehen und die Ursachen sind zu einem hohen Teil strukturell bedingt. Aufgrund der nur noch moderaten Wachstumsraten hat die russische Zentralbank ausgeschlossen, die Zinsen zu erhöhen, was etwa die Türkei getan hat, um die Lira zu stützen. Die Moskauer Notenbank verfügt in Form von Devisenreserven in Höhe von 500 Milliarden US-Dollar auch aller Voraussicht nach über genügend Mittel, um die Gemüter am Devisenmarkt wieder zu beruhigen.

Die Anzeichen für eine Panik waren eine unangenehme Überraschung für die russischen Währungshüter, kamen aber auch für neutrale Beobachter unerwartet. Zwar verfügen nur 5% der russischen Bevölkerung über Ersparnisse in US-Dollar und nur 3% in Euro. 40% der Bevölkerung haben Rubel-Sparkonten. Diese 8% der Bevölkerung, vermutlich die Wohlhabenden, erhalten nun deutlich weniger Rubel für ihre Ersparnisse in US-Dollar bzw. Euro. Der Rückgang des Rubels verteuert auch Aufenthalte im Euro-oder US-Dollarraum für Bürger Russlands – während für uns Russlandreisen günstiger werden.

Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist der jüngste Rückgang des Rubels jedoch eher positiv. Die Inflation bewegt sich in Russland beträchtlich über derjenigen des Euroraums, sodass eine Kursanpassung wünschenswert war, wenn nicht erforderlich. Denn die russische Währung war bis vor kurzem überbewertet, was russische Produzenten benachteiligte. Es gilt zudem als unwahrscheinlich, dass die Importeure von Waren aus dem Euro- oder US-Dollarraum ihre erhöhten Kosten großenteils an die Verbraucher weitergeben könnten. Die gestiegenen Importpreise werden die Inflation aller Voraussicht nach nicht befeuern. Diese alles in allem leichten Vorteile des Rubelrückgangs treten aber nur dann ein, wenn sich die Gemüter in den kommenden Wochen wieder beruhigen. Ansonsten droht die Gefahr einer Abwärtsspirale.

Über den Autor

Dr. Christian Wipperfürth
Arbeitet als Freier Publizist, Er hat zuvor für das Europäische Parlament bzw. den Deutschen Bundestag gearbeitet und Internationale Beziehungen an der Universität in St. Petersburg gelehrt.