Rio 2016: Brot und Spiele im Rausch der Farben

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[Von Michael Barth] – Die wohl umstrittensten Olympischen Spiele aller Zeiten sind eröffnet. Das heilige Feuer des Sports ist entfacht. Die Wettkämpfe um die Lorbeerkränze können denn beginnen. Die Herzen sollen erreicht werden in den kommenden 16 Tagen, in denen doch nicht alles Gold ist was glänzt.

Es wäre in so einem Moment nur allzu müßig zum x-ten Mal die Missstände an der prächtigen Copacabana anzuprangern. Aufs Neue auf Armut und Kriminalität in Rio de Janeiro hinzuweisen. Zu farbenfroh, zu eindrucksvoll die Inszenierung der Eröffnungsfeier, um einen Gedanken an Slums und Prostitution aus Verzweiflung zu verschwenden. Das Auge isst mit, da reizt es nicht an diejenigen zu denken, die nichts zu essen haben.

Die Größten die fantastischsten Spiele aller Zeiten sollen es werden. Das sagte man in Rio ohne Rot zu werden. Der Farbenrausch lässt Vergessen, das Spektakel drängt das Politikum im Vorfeld der Spiele weit nach hinten. Mit zweierlei Maß wurde gemessen, als es um die Teilnahme Russlands ging. In gute Athleten und böse Athleten teilte man das Starterfeld. Natürlich war es nur Russland, das das Böse auf die Reise an den Zuckerhut schicken wollte. Eine komplette Nation sollte gar vom Ereignis ausgesperrt werden.

Rehabilitierte Russen

Jedoch, der russische Bär hat sich gewehrt. Mit Erfolg konnte sowohl eine nationale Katastrophe abgewendet, als auch ein erschreckender Klüngel quer durch Institutionen offengelegt werden. Und nun liefen sie dennoch ein ins vollbesetzte Stadion. Obgleich die Olympioniken stark dezimiert wurden, folgten immerhin weit über 250 Sportler stolz der Trikolore der russischen Föderation. Angetreten, um sich mit designierten Favoriten und vermeintlichen Außenseitern zu messen. Die Enttäuschung darüber stand manchen Offiziellen ins Gesicht geschrieben.

Wir erinnern uns nur allzu gut an die Missgunst, die die Olympischen Winterspiele vor zwei Jahren im russischen Sotschi überschattete. „Putins Spiele“, wie sie damals despektierlich bezeichnet wurden, waren das gefundene Fressen für die Kritiker, um Menschenrechtsverletzungen und unsägliche Arbeitsverhältisse in den Vordergrund zu rücken. Selbst die deutsche Berichterstattung, allen voran das ZDF, sparte seinerzeit nicht mit Häme ob der geringsten Kleinigkeit, die ein Haar in der Suppe hätte sein können.

Und nun in Rio möchte man Glaubhaft machen, dass alles in bester Ordnung sei. Ein Ausrichter in der „freien“ Welt, Freiheit, Friede, Freude, Eierkuchen also. Ein Sicherheitskreis aus schwerbewaffneten Polizisten und dem Militär um Maracana-Stadion macht es möglich, Demonstrationen werden gleich gewaltsam im Keim erstickt. Was soll’s, Bunt übertüncht, Farbe schönt die Welt.

und die Kehrseite der Medaille

Licht und Schatten, wie nah liegt das das beisammen. Jede Medaille, die den Besten um den Hals gehängt wird, hat auch eine Kehrseite. Angesicht der 11 Milliarden Euro für Baukosten und Organisationosten, sah sich die Ausrichterstadt gezwungen die endgültige Insolvenz anzumelden. Über die Hälfte der Brasilianer lehnen die Spiele unisono ab und hätten das Geld lieber in sozialen Bereichen investiert gesehen. Der Volksheld ist sowieso Pele, der aber hat mit Olympia nun gar nichts zu tun.

Jetzt sind sie also eröffnet, die XXXI Olympischen Sommerspiele. Zwar gleichen die Hochhäuser des Olympischen Dorfes noch einer Baustelle, aber zumindest fährt schon eine U-Bahn hin. Auch der kilometerlange Sandstrand der Postkarten-Idylle der Copacabana ist noch genauso verdreckt wie eh und je und Kleinkriminelle spechten nach wie vor auf leichte Beute bei den vielen Angereisten.

In den kommenden zwei Wochen aber wird das alles an den Rand gedrängt, zu sehr dominiert der blendende Druck des Geldes. Ruhm und Ehre sind Geschichte, abgelöst von Sponsoring und Politik, der Lorbeerkranz nennt sich heute Werbevertrag. Für den Unbedarften jedoch gilt immer noch die römische Kampfansage an das Volk – Brot und Spiele eben.

[Michael Barth/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.