Prof. Wassilij Borisowitsch Nesterenko, ein Portrait

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Träger des Preises für öffentliches Wirken für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung« der Stiftung »Die Schwelle« (2005)
(auch bekannt als Bremer Friedenspreis)

Als es 1986 in Tschernobyl zur Katastrophe kam, war Prof. Nesterenko Direktor des Instituts für Kernenergetik der Akademie der Wissenschaft der Republik Belarus. In den Tagen nach der Katastrophe war er vor Ort am brennenden Reaktor tätig. Von Juli 1987 bis Oktober 1990 war er Leiter des Strahlensicherheitslabors im Institut für Kernenergetik.

1990 wurde das Wissenschaftstechnische Zentrum für Strahlensicherheit »Radiometer« gegründet. Prof. Nesterenko wurde zu dessen Direktor und verließ auf eigenen Wunsch das Institut für Kernenergetik, um sich dem Schutz der Bevölkerung vor der Strahlenbelastung zu widmen. Mit Unterstützung des Physikers Andrej Sacharov, des weißrussischen Schriftsteller Ales Adamowitsch und des Schachgroßmeisters Anatolij Karpov wurde das Zentrum »Radiometer« 1992 in das nichtstaatliche Institut für Strahlensicherheit »BELRAD« umgewandelt. Dies ermöglichte eine größere Unabhängigkeit in der Arbeit.

Von 1991 bis 1994 war Nesterenko Vorsitzender eines Vereinigten Experten-Komitees bestehend aus 200 führenden Spezialisten aus Belarus, der Ukraine und Russland. Im Unterschied zu den Beschlüssen des internationalen Tschernobyl-Projektes (1991) haben die Ergebnisse des Komitees gezeigt, dass die Tschernobyl-Katastrophe sehr ernste negative Folgen für die Gesundheit der Menschen hat.

Von Anfang an hat das Institut »BELRAD«, finanziert durch den Staat parallel zum bereits existieren-den Strahlenkontrollsystem ein gesellschaftliches Netz der örtlichen Meßstellen zur radioaktiven Kontrolle der Lebensmittel in der Bevölkerung (insgesamt 370 Meßstellen) aufgebaut. Die Informationen über die Verseuchung der Lebensmittel werden der Regierung mit konkreten Forderungen seit 1991 vorgelegt. Über 300 000 Messungen zeigen, dass z.B. 15-20% der Milch und bis 80% der Pilze auf dem betroffenen Territorium die erlaubten Cäsium – 137 Grenzwert um das mehrfache überschritten. Die Messung der Strahlenbelastung der Kinder zeigt überdeutlich, welchen Gesundheitsgefahren die rund 500 000 Kinder in der strahlenbelasteten weißrussischen Zone ausgeliefert sind.

Prof. Nesterenko versteht sich nicht mehr als Wissenschaftler sondern in erster Linie als humanitärer Helfer, dessen Mitarbeiter vor Ort in den betroffenen Dörfern mit den Menschen sprechen und ihnen Wissen vermittelt, wie sie sich selbst möglichst gut vor der Strahlenbelastung schützen können. LehrerInnen werden zu MultiplikatorInnen ausgebildet, die vor Ort die Lebensmittel der Menschen messen. »Strahlung sieht und fühlt man nicht, wenn man die Belastung aber konkret misst und die Resultate vorliegen hat, dann sind die Menschen eher bereit ihren Lebenswandel zu verändern«, so Prof. Nesterenko. Konkrete Handlungsmöglichkeiten, wie z.B. die strahlenreduzierende Weiterverarbeitung von Lebensmitteln gibt es, sie sind aber weitgehend umbekannt. Dies zu ändern hat sich Prof. Nesterenko zum Ziel gemacht. Ein Beispiel: Rund 60 % der Strahlenbelastung nehmen die Kinder durch die Milch zu sich. Wenn Milch aber zu Sahne weiter verarbeitet wird, so wird über die Molke über 90 % des Cäsiums 137 und über 95 % des Strontiums 90 aus der Nahrungskette entfernt. All dies wird durch das Messstellennetz von Prof. Nesterenko vermittelt.

Tschernobyl war nicht nur eine Katastrophe
für die Welt, sondern auch meine persönliche Lebenkatastrophe.
Ich hatte für die Atomkraft gelebt,
aber sie wird immer zu gefährlich sein.

Von Anfang an hat Prof. Nesterenko den staatlichen Umgang mit den Folgen von Tschernobyl kritisiert. Eine Folge sind bis heute Schwierigkeiten mit den Behörden, die die Arbeit des Instituts erschweren. Die weißrussische Regierung spricht davon, das die Umsiedlung der rund 130 000 Menschen aus den am stärksten belasteten Gebieten ein Fehler gewesen sei und das es nun zur Wiederbelebung der »Muttererde« kommen müsse.

Durch die stetige Kritik an der Tschernobylpolitik der Regierung hat sich der Druck auf Prof. Nesterenko immer weiter erhöht. Die staatlich finanzierten Messstellen wurden dem Institut von Prof. Nesterenko weggenommen und anschließend wurden die meisten geschlossen. Die Akademie der Wissenschaften, Gründungsmitglied des Instituts, wurde von staatlicher Seite dazu gedrängt seine Mitgliedschaft im Institut aufzugeben. Dadurch wurde eine aufwändige Neuregistrierung erforderlich. Das Gesundheitsministerium hat ferner versucht BELRAD zu verbieten die Strahlenbelastung der Kinder zu messen und BELRAD vergeblich angewiesen, nach Gomel umzuziehen.

Wie unbequem und unwillkommen die Wahrheit über Tschernobyl ist zeigt das Schicksal von Prof. Jurij Bandazhewsky, mit dem Nesterenko eng kooperiert hat. Prof. Bandazhewsky war Dekan (Rektor) der Medizinischen Fakultät (Institut) von Gomel. Seine Untersuchungen an Verstorbenen und Kindern in der strahlenbelasteten Zone haben gezeigt, dass große Akkumulationswerte von Cäsium 137 im Körper der Kinder bedeutende negative Folgen für die Gesundheit der Kinder haben. Die Untersuchungen haben zum ersten Mal gezeigt, das bedeutende Störungen vieler Organe bei den Akkumulationswerten von Cäsium 137 bereits beginnen, wenn die Kinder eine Körperstrahlenbelastung zwischen 30 – 50 Bq/Kg aufweisen.

Im Gegensatz zu Nesterenko, der in Weißrussland sehr renommiert ist und dem diverse Preise / Orden verliehen wurden (1975: Orden »Znak Potschjota«, 1979: Verdienter Wissenschaftler und Techniker der BSS, 1986: Staatspreis der BSSR für Innovationen im Strahlenschutz) und vom weißrussischen Fernsehen auch als »Don Quichote von Tschernobyl« bezeichnet wird, wurde Bandazhewsky unter Korruptionsverdacht verhaftet und 2001 zu acht Jahren Arbeitslager verurteilt. Vorgeworfen wurde ihm Schmiergelder angenommen zu haben, um jungen Leuten das Studium an der Hochschule zu ermöglichen. Prof. Bandazhewsky wird von amnesty international als »Gewissensgefangener« anerkannt und unterstützt. Er ist mittlerweile Ehrenbürger von Paris und weiteren französischen Städten. Das Europäische Parlament setzte sich mehrfach für Bandazhewsky ein. In Weißrussland war es vor allem Nesterenko, der sich öffentlich für seine Freilassung einsetzte, Anwälte suchte und Bandazhewskis Frau, ebenfalls Medizinerin, in seinem Institut aufnahm. Prof. Bandazhewsky wurde am 5. Mai 2005 auf internationalen Druck unter Auflagen freigelassen.

Aufgrund der Arbeit vor Ort, durch die vielen Forschungsergebnisse, bei denen Strahlenmessungen und medizinische Untersuchungen Hand in Hand gingen, können die beiden Professoren nachweisen, dass Kinder mit einer Strahlenbelastung von 30 – 50 Bq Cäsium 137 pro Kilogramm Körpergewicht bereits starke gesundheitliche Probleme bekommen.

Dieses Ergebnis wird national wie international bekämpft, denn wie ich selbst im Rahmen eines Streitgesprächs zwischen Prof. Nesterenko und deutschen Strahlenexperten in einem Nebengespräch zweier deutscher Wissenschaftler hörte: » Wenn das stimmt, dann ist Atomenergie nicht tragbar«. Dieser Meinung ist Prof. Nesterenko seit langem.