Polarstation von Eisbären belagert

Foto: David CC BY 2.0 via FlickrFoto: David CC BY 2.0 via Flickr
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Nachdem der Sommer nun, wenngleich auch mit solider Verspätung, doch noch seinen Weg ins westliche Mitteleuropa gefunden hat, laben wir uns natürlich an einer Meldung wie dieser wie an einem Eis am Stiel. Des einen Freud, des anderen Leid.

Auf der arktischen Forschungsstation „Iswetij ZIK“ auf der Insel Trojnoj im Süden der Karasee, ist im Moment nichts mehr wie es sein sollte. Bereits 1953 errichtete Russland diese Polarstation auf dem Eiland, rund 150 km nördlich der Küste Sibiriens, um Daten über die Arktis zu erlangen. Die Inseln der Karasee sind Teil des Komplexes „Arctic State Nature Reserve“, einem großen Naturreservat rund um den Nordpol.

Ist die Arbeit der Wissenschaftler in diesen Gefilden bei einer durchschnittlichen Jahrestemperatur von -12,2 Grad Celsius an sich schon kein Zuckerschlecken, müssen sich die Bewohner der Station seit geraumer Zeit mit noch ganz anderen Launen der Natur herumplagen. Vor etwa zwei Wochen begannen sich Eisbären für die menschliche Behausung zu interessieren und machen seitdem die Arbeit auf „Iswetij ZIK“ nahezu unmöglich. Anscheinend haben die Tiere auch nicht groß vor, mit den Menschen zu kooperieren.

Auf den Geschmack gekommen

Anfangs schlichen sie ja nur um die Anlage herum, drei ausgewachsene Tiere mit ihrem Nachwuchs, und inspizierten ihr mögliches neues Schlaraffenland. Dann jedoch haben sie ernst gemacht und fielen über das Lebensmittellager der Menschen her. Der Jahresvorrat an Lebensmitteln sei akut gefährdet, hieß es aus den Reihen der Forscher. Vertreiben ließen sich die Bären auch nicht, die Schreckschuss-Munition, die die Tiere vertreiben hätte sollen, ist sowieso schon längst aufgebraucht und einer der beiden Hunde aufgefressen worden.

Mittlerweile hätten sich die fünf Wissenschaftler, darunter zwei Ehepaare, bereits in das Überwinterungs-Segment der Station geflüchtet und dessen Fenster mit Brettern vernagelt. Messgeräte ließt hier schon lange niemand mehr ab. Denn inzwischen lagern die Eisbären bereits an den möglichen Zugängen in die Behausung. „Ich benutze den Traktor, um die Bären wegzujagen“, funkte Wadim Plotnikow, der Chef der Station, an die russischen Medien. Weiter wie 200 Meter lassen sich die Tiere aber eh nicht zurückdrängen, dann kommen sie einfach wieder. Das Spiel beginnt von neuem.

Sicherlich, Vorfälle mit den heimischen Eisbären hätte es immer wieder einmal gegeben, so ein Sprecher der Behörde „Sevgidromet“, die die Station betreibt, aber nie in diesem Ausmaß. Normalerweise leben hier auf der kleinen Insel während der eisfreien Zeit meist drei bis vier Eisbären, erklären die Meteorologen der Messstation. Diesen Polarsommer jedoch seien es mindestens zehn ausgewachsene Exemplare und mehrere Jungtiere, die Trojnoj besiedeln. Es steht somit zu befürchten, dass sich noch weitere der rund 500 Kilogramm schweren und bis zu drei Meter großen Raubtiere zu dem Stelldichein hinzugesellen werden.

Ausharren bis das Packeis kommt

Bis Ende Oktober, beziehungsweise Anfang November werde sich an der fatalen Situation für die Besatzung von „Iswetij ZIK“, die nun selbst besetzt wurde, auch nichts ändern. Erst dann wird die Arktische See um die Insel herum soweit zugefroren sein, dass sich die Eisbären wieder auf die Jagd nach Robben begeben können. Bis dahin bleibt ihnen nur der Mensch als Nahrungslieferant. Aufgrund der Erderwärmung werden die Eisflächen rund um den Nordpol ohnehin immer kleiner und der Lebensraum der vom Aussterben bedrohten Tiere schwindet.

Biologen haben errechnet, dass diese Bärengattung bis zum Jahr 2025 ganz von dem Planeten verschwunden sein wird, sofern nicht schleunigst etwas dagegen unternommen wird. Rings um den Arktischen Ozean konnte bereits beobachtet werden dass Eisbären aus der Not heraus damit begonnen haben, ihr Verhalten auf der Suche nach neue Futterressourcen anzupassen – der Konflikt mit dem Menschen scheint vorprogrammiert. Deshalb ist das Problem der russischen Polarstation mittlerweile zur Chefsache erklärt worden. „Uns wurde empfohlen, selbständig zu handeln – je nach den Umständen“, ließ Wadim Plotnikow verlauten.

Der russische Minister für natürliche Ressourcen und Umwelt, Sergej Donskoj, hat sich viel vorgenommen, als er anordnete die Sicherheit der Forscher zu gewährleisten, dabei aber auch tunlichst darauf zu achten, dass den Tieren dabei kein Haar gekrümmt werde. Somit ist Donskoj in eine Zwickmühle geraten, da Eisbären in Russland seit 1957 unter besonderem Tierschutz stehen. Den Forschern auf der Polarstation bleibt also nichts anderes übrig, als auf Hilfe von Außen zu warten. Laut der Agentur „Tass“ sei zwar bereits das Versorgungsschiff „Michail Somov“ auf dem Weg, werde aber frühestens in einem Monat auf der Insel Trojnoj erwartet.

Unterdessen setzte sich ein Helikopter in Bewegung, der mit Hilfsgütern für die Belagerten von jenem Schiff aus gestartet war. Mit der wertvollen Unterstützung in Gestalt von Leuchtfackeln und drei Hunden soll nun die erste Gefahr gebannt werden und die Eisbären vertrieben. Ob mit den Hunden in der Zwischenzeit der Bären erster Hunger gestillt werden soll, war bisher nicht in Erfahrung zu bringen. Eines aber ist gewiss: Freiwillig wird derzeit keiner der Stationsinsassen das schützende Gebäude verlassen wollen.

[mb/russland.RU]

 

 

 

 

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.