Ostukraine: Weiter Demonstrationen und Pressekrieg [mit 3 Videos]

Prorussische und Euromaidan-Aktionen - Austausch vieler Funktionäre durch Regierung - Verhaftungen prorussischer Demonstrationsführer - Austritte aus "Partei der Regionen"

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Im russischsprachigen Osten der Ukraine herrschte auch gestern und heute weiter Unruhe. Je nach politischer Couleur berichten ukrainische und russische Medien stets nur über den Teil der Geschehnisse, der ihnen passt.

Hinweis: Dieser Artikel beruht ausschließlich auf Recherchen in zahlreichen Onlinezeitungen in der Süd- und Ostukraine selbst, die dort bereits vor Beginn der aktuellen Ereignisse aktiv waren, um ein möglichst genaues Bild der Stimmung vor Ort zu geben, umabhängig von westlicher oder russischer Propaganda

So schreibt die Onlinezeitung „CNA“ in Charkow von einer neuen prorussischen Demonstration in der Stadt vor dem russischen Konsulat mit 1.000 Teilnehmern, die der örtliche Sender ATN Charkow auf gefilmt hat:

Diese wird von den Kiewer Medien tot geschwiegen, die wiederum  große Serien über 500 Pro-Euromaidan-Demonstranten in Donezk am gestrigen Abend machen, das sonst Schlagzeilen mit wesentlich größeren prorussischen Kundgebungen machte – nicht jedoch in von Kiew kontrollierten Medien. Von den Euromaidanern liest man natürlich wiederum in Russland nichts, denn solche gibt es laut russischen Offiziellen in Ukraines Osten ja nicht. Die Ermittlung der Wahrheit zwischen russischer und ukrainischer Propaganda wird zusehends schwerer, da es nur wenige unabhängige Berichterstatter und Online-News gibt, die nicht im Sold entweder der russischen oder westukrainischen Seite stehen und beides im Inhalt haben. Gestrige auch prorussische Aktionen in Donezk mit großer Polizeipräsenz beweist dieses Amateurvideo

Weiter liest man in Charkow, der größten Stadt der russischsprachigen Ostukraine, nur in einem Teil der Medien über einen neuen Aufmarsch prorussischer Aktivisten vor einer örtlichen Armeeeinheit, um diese davon abzuhalten, auf der Krim gegen die dortigen Seperatisten gewaltsam vorzugehen. Darunter waren auch Mitglieder des örtlichen Stadtrates. Obwohl die Aktion friedlich verlaufen sei, ermittle die ukrainische Staatsanwaltschaft nun gegen die Organisatoren. Die von Kiew aus oder von anti-seperatistischen Offiziellen regierten Organe verschweigen diese Vorkomnisse, die sich jedoch übereinstimmend bei mehreren unabhängigen Zeitungen finden.

Besonders kritisch zu sehen ist dabei, dass westukrainische Medien ja stets den Kampf für Presse- und Meinungsfreiheit auf ihre Fahnen schreiben, diese jedoch selbst nicht praktizieren, wo sie die Oberhand besitzen. Schlagzeilen machen in verschiedenen Städten auch der Autausch führender Funktionäre in den Gebietsverwaltungen durch die Maidan-Regierung, wo die „Neuen“ durchwegs sofort gegen seperatistische Tendenzen zu Felde ziehen. Berichtet wird auch von Verhaftungen prorussischer Demonstrationsführer. So wurden in Odessa gleich der leitende Staatsanwalt, der Polizeichef und der Leiter der örtlichen Hochschule ausgetauscht – alle drei durch der neuen Regierung ergebene Westukrainer. Hier fragt sich, ob die Euromaidan-Regierung damit die Lage nicht noch weiter aufheizt. Die alten Posteninhaber standen meist Janukowitschs „Partei der Regionen“ nah, deren Stellung vor Ort immer schwächer wird. Von Austritten Prominenter aus dieser Partei liest man ebenfalls häufiger in ostukrainischen Medien, wobei meist unklar bleibt, ob diese ihr Fähnchen nun in den Euromaidan- oder den seperatistischen Wind hängen.

Eine wichtige Nachricht in der Hafenstadt Odessa in Ukraines ebenfalls russischsprachigem Süden ist die dortige Ankunft offensichtlich von der Krim abgezogener Einheiten der Ukrainischen Küstenwache. Hierzu gibt es auch ein kurzes Video der Küstenwache selbst:

Weiter besteht große Sorge wegen der Zahlung der Renten. Die ukrainische Rentenkasse könne laut durch die Stadt laufenden Gerüchten, pleite sein und nichts mehr zahlen können, wodurch viele Rentner ins Elend gestürzt würden, berichtet die örtliche Onlinezeitung Tajmer. Wie angespannt die Lage in der Stadt ist, sieht man an einem Appell der Behörden nun unter Euromaidan-Leitung, die die Bevölkerung zur Abgabe aller Schusswaffen auffordert. Wie in Russland sind in der Ukraine zahlreiche Waffen illegal im Privatbesitz. Während man die Gegner entwaffnen will, sollen jedoch örtliche Euromaidan-Anhänger in Odessa laut dortiger Medien Kampfausbildung erhalten. Die Situation in Odessa ist besonders brenzlig. Im russischsprachigen Süden der Ukraine gelegen, ist hier die nationalistisch gesinnte Westukraine nicht weit und so prallen hier die innerukrainischen Fronten aufeinander.

Ein kleines Unikum war in Odessa gestern Abend eine Demonstration von 70 Anarchisten, die weder russische noch ukrainische Fahnen mitführten. Sie besetzten friedlich ein öffentliches Gebäude und sprachen mit dortigen Offiziellen. Auch Ansammlungen prorussischer und proukrainischen Demonstranten wurden aus der Stadt berichtet, jedoch ohne nähere Zahlenangaben. Zu einer offenen Konfrontation wie am Sonntag ist es offensichtlich nicht gekommen.