Opfer von Flugboot-Absturz nach 81 Jahren beerdigt

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[Von Lothar Deeg] – 1935 war ein Flugboot auf dem Weg von Sachalin nach Chabarowsk über den menschenleeren Weiten des Russischen Fernen Ostens spurlos verschwunden. Erst letztes Jahr barg eine Expedition zur Absturzstelle in der Taiga die letzten Opfer. Nun hat man sie feierlich beigesetzt.

Am 25. Juni, dem 81. Jahrestag des Absturzes, wurden die geborgenen Überreste der drei Besatzungsmitglieder und der neun Passagiere an Bord auf einem Friedhof in Chabarowsk beigesetzt – mit allen militärischen Ehren, denn der Pilot der Maschine war einer jener Flieger, die 1934 über 100 im polaren Packeis eingeschlossene Menschen des untergegangenen Expeditionsschiffs „Tscheljuskin“ gerettet hatten.

Abenteuerliches Fluggerät

Pilot Alexander Swjatogorow steuerte eine nach heutigen Maßstäben abenteuerlich aussehende Maschine: ein italienisches Flugboot des Typs Savoia-Marchetti S.55. Die Sowjetunion hatte fünf dieser leistungsfähigen doppelrumpfigen Flugboote erworben, bei denen die Passagiere oder die Fracht in den beiden Rümpfen untergebracht waren, die zugleich die Schwimmer darstellten. Die Crew saß hingegen in einem Cockpit im Flügel unter der aufgeständerten Gondel mit den beiden Motoren.

Der letzte Flug der Maschine sollte von Alexandrowsk, der damaligen Hautstadt der Insel Sachalin nach Chabarowsk führen. Dabei verlor der erfahrene, aber offenbar aufgrund zu häufiger Einsätze völlig übermüdete Pilot bei schlechtem Wetter die Orientierung. Das Flugzeug rammte einen Hügel etwa 70 Kilometer westlich des Dorfes Lazarjew. Es liegt an der engsten Stelle der Meerenge, die Sachalin vom Festland trennt. Üblicherweise querten Flugzeuge den Tatarensund viel weiter südlich, weil dort die Berge im Hinterland niedriger sind.

Geldtransport bei miesem Flugwetter

An Bord befanden sich neben sieben Zivilisten auch zwei Beamte des Geheimdienstes NKWD, die eine Bargeldsendung im Umfang von 2 Millionen Rubel begleiteten.

Suchaktionen nach dem verschollenen Flugboot hatten zunächst nichts erbracht. Erst einige Monate später stießen zwei Jäger auf das Wrack. Unter strenger Geheimhaltung wurde 1936 eine Expedition zur Absturzstelle geschickt, deren Hauptaufgabe es offenbar war, das Geld sicherzustellen. Dann kamen erst in den 1970er Jahren wieder zwei Expeditionen zu der Stelle.

Tote lagen 70 bis 80 Jahre in der Taiga

Ernsthaftes Interesse bei Luftfahrtenthusiasten und Heimatforschern erregte die Absturzstelle dann erst wieder vor zehn Jahren: 2006 wurde dort beispielsweise die silberne Schweizer Uhr des Piloten gefunden. Einheimische Aktivisten bargen damals auch zahlreiche Knochen der Absturzopfer; 2009 wurden sie in Privatinitiative unidentifiziert auf einem Friedhof in Lazarjew beigesetzt.

Erst als die letzte Expedition einer professionell ausgestatten Suchgruppe im letzten Herbst weitere Überreste von vier Opfern am Ort des Crashs fand, nahmen sich auch die Behörden des 80 Jahre zurückliegenden Flugunfalls an: Unter Aufsicht der Staatsanwaltschaft wurden an dem Steilhang in der Taiga alle sterblichen Überreste gesichert. Auch exhumierte man das Massengrab auf dem Friedhof, um gerichtsmedizinische Untersuchungen zu ermöglichen.

Nun wurden die nach Angaben der Ermittlungsbehörde als offiziell identifiziert geltenden Absturzopfer in Chabarowsk beigesetzt – und bekamen auch einen Gedenkstein mit ihren Namen.

Das 13. Todesopfer des Absturzes wird darauf allerdings nicht erwähnt: Der Chef des „Hydroports“ von Alexandrowsk-Sachalinski, der dem telegrafisch nach Chabarowsk zurückgeorderten Flugzeug trotz schlechten Wetters die Startgenehmigung erteilt hatte, wurde zum Tode verurteilt und erschossen. Das ganze geschah schließlich 1935…

[Lothar Deeg/russland.NEWS]

Über den Autor

Lothar Deeg
Lothar Deeg geboren 1965 und gebürtig aus Bad Mergentheim. 1991 infizierte ich mich als frisch gebackener Diplom-Journalist auf einer Reise nach Wladiwostok mit dem Russland-Virus. Rudimentär mit VHS-Russischkenntnissen ausgestattet hängte ich 1994 meinen Redakteursposten beim „fliegermagazin“ an den Nagel und siedelte von München nach St. Petersburg um. Dort schreibe ich seitdem als freier Journalist über alles, was mir aus Stadt und Land berichtenswert erscheint – unter anderem als Korrespondent des epd und des Logistik-Fachblatts „Verkehrsrundschau“. Momentan arbeite ich an meinem dritten und vierten Reiseführer über St. Petersburg. Meine Lieblingsjobs sind aber Städte- und Personenporträts für das Bordmagazin der Airline Swiss.