Österreich hat einen Präsidenten mit russischen Wurzeln

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CC-BY-SA-2.0Foto: Wikimedia.commons/Franz Johann Morgenbesser CC-BY-SA-2.0
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[Von Lothar Deeg] – Alexander van der Bellen ist mit hauchdünner Mehrheit zum österreichischen Bundespräsidenten gewählt worden. Auch wenn sein Name holländisch klingt: Seine Vorfahren gehörten zum russischen Adel – und er selbst wurde als estnischer Staatsbürger geboren.

Ursprünglich geht der Familienname van der Bellen allerdings schon auf einen Holländer zurück: Ein Glaser dieses Namens, so die Familienlegende, zog 1763 ins russische Reich – wie so viele Fachkräfte, Handwerker und Bauern aus Mitteleuropa in dieser Zeit. Seine Nachkommen arbeiten sich hoch – und rücken schließlich in den erblichen russischen Adelstand auf. Das geschah in Russland damals automatisch, wenn sich jemand aufgrund seiner Verdienste oder seiner Position im Staatswesen auf der offiziellen Rangliste beispielsweise bis zum Titel eines Geheimen Staatsrates aufgestiegen war.

Ein Alexander von der Bellen, der Großvater des nun frisch gewählten österreichischen Staatsoberhaupts, lebte im westrussischen Pskow und leitete seit 1913 den örtlichen Semstwo, ein Selbstverwaltungsorgan der Großgrundbesitzer, berichtete die ZEIT im März in ihrer Österreich-Ausgabe in einem Artikel über die Familiengeschichte des grünen Präsidentschaftskandidaten.

Großvater war Regierungs-Chef in Pskow

Nach der Februar-Revolution 1917 übernimmt der liberal eingestellte Aristokrat im Auftrag der neuen bürgerlichen Machthaber die Leitung der Lokalregierung in Pskow. Noch vor der Oktoberrevolution tritt er zurück, aus gesundheitlichen Gründen. Pskow wird zunächst von deutschen Truppen besetzt, doch im Sommer 1919 rücken auch hier die Bolschewiken ein. Die adelige Familie von der Bellen mit den drei Söhnen Georg, Alexander und Konstantin entschließt sich kurz vorher zur Flucht ins nahe Estland – das zu dieser Zeit gerade seine Unabhängigkeit erlangt.

Die Familie ändert ihren Namen in van der Bellen und beruft sich nun auf ihre holländische, absolut bürgerliche Herkunft. Offenbar befürchtete man, in Estland als Russen oder auch vermeintliche Angehörige des deutsch-baltischen Adels benachteiligt zu sein. Alexander senior stirbt 1924, sein zweiter Sohn Alexander studiert zu dieser Zeit Wirtschaft in Tartu und arbeitet in den 1930er Jahren für eine britische Bank in Tallinn. Er heiratet eine Estin und nimmt 1934 auch die estnische Staatsbürgerschaft an.

Mit den Baltendeutschen „heim ins Reich“

Doch 1940 rückt die Sowjetarmee in Estland ein, die drei baltischen Staaten werden von der Sowjetunion annektiert. Die britische Bank stellt deshalb ihre Geschäfte ein, dem Bankmanager mit russischer Adelsvergangenheit droht – wie so vielen Vertretern der damaligen Oberschicht – die Deportation nach Sibirien. Eine Möglichkeit zur Flucht ergibt sich aber erst im Januar 1941, als Hitler-Deutschland und die Sowjetunion eine Vereinbarung über die Rückführung der Baltendeutschen „heim ins Reich“ treffen.

Per Bahn geht es zunächst nach Ostpreußen, dann weiter in ein Übergangslager in Werneck bei Würzburg. Schließlich lässt sich die Familie van der Bellen in Wien nieder. Dort wird im Januar 1944 auch der jetzt zum Präsidenten gewählte Sohn geboren – der wiederum Alexander getauft wird.

Dritte Flucht vor den Sowjetrussen

Als im Winter 1944/45 die Rote Armee auf Wien vorrückt, entschließt sich die Familie erneut zur Flucht – diesmal allerdings nur innerhalb Österreichs: Sie lassen sich in Tirol nieder. Der Vater des grünen Bundespräsidenten war also innerhalb von 25 Jahren dreimal vor den Sowjets geflohen. Während der Besatzungszeit steckt diese Furcht den van der Bellens noch tief in den Knochen: Der heute 72 Jahre alte Alexander van der Bellen erinnert sich, dass er von seinen Eltern angehalten war, auf dem Schulweg in Innsbruck immer einen Bogen um das sowjetische Konsulat zu machen – er verstand nicht warum, aber unheimlich war ihm das Gebäude schon.

Auch vermieden es die Eltern, mit den Kindern Russisch zu sprechen, obwohl dies eigentlich ihre Muttersprache war – nichts sollte darauf hinweisen, dass sie Flüchtlinge sind. Bis 1958 bleiben die van der Bellens Bürger des nur noch auf dem Papier existenten estnischen Staates, erst dann besorgen sie sich österreichische Pässe. Heute könnte Alexander van der Bellen jederzeit wieder die estnische Staatsbürgerschaft beantragen – Estland gesteht sie jedem zu, dessen Vorfahren am 16. Juni 1940 selbst Bürger Estlands waren.

Und „Sascha“ van der Bellen, Österreichs neuer grüner Bundespräsident mit russischem Migrations- und Aristokratiehintergrund, hat bis heute Verwandtschaft in Estland: Eine gleichaltrige Cousine lebt dort bis heute.

[Lothar Deeg/russland.RU]

Über den Autor

Lothar Deeg
Lothar Deeg geboren 1965 und gebürtig aus Bad Mergentheim. 1991 infizierte ich mich als frisch gebackener Diplom-Journalist auf einer Reise nach Wladiwostok mit dem Russland-Virus. Rudimentär mit VHS-Russischkenntnissen ausgestattet hängte ich 1994 meinen Redakteursposten beim „fliegermagazin“ an den Nagel und siedelte von München nach St. Petersburg um. Dort schreibe ich seitdem als freier Journalist über alles, was mir aus Stadt und Land berichtenswert erscheint – unter anderem als Korrespondent des epd und des Logistik-Fachblatts „Verkehrsrundschau“. Momentan arbeite ich an meinem dritten und vierten Reiseführer über St. Petersburg. Meine Lieblingsjobs sind aber Städte- und Personenporträts für das Bordmagazin der Airline Swiss.