Ob Telekom oder Katar – klar ist dass es Russland war

Foto: TV-Screenshot
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Heute hat das Landgericht Köln einen 29-jährigen Briten für seinen spektakulären Cyberangriff auf die Telekom Ende November 2016 zu einem Jahr und acht Monaten auf Bewährung verurteilt. Dem geständigen Angeklagten wurde gewerbsmäßige Computersabotage vorgeworfen. Über eine Million Telekom-Kunden waren betroffen – Internet, Telefon und Fernsehen waren gestört. Gehandelt hat der Mann nach eigenen Aussagen im Auftrag eines liberianischen Telekommunikationsunternehmens. Für sein Vorgehen habe er 10.000 Dollar bekommen. Der angerichtete Schaden beläuft sich auf zwei Millionen Euro.

Umgehend wurde damals Russland beschuldigt, Angela Merkel erging sich in Vermutungen, BND-Chef Bruno Kahl warnte vor aus Russland gesteuerten Hacker-Angriffen. Innenminister Thomas de Maizière hingegen distanzierte sich jedoch am selben Tag von diesen Spekulationen: „Im Moment steht der genaue Urheber noch nicht fest.“ Aus Sicherheitskreisen hieß es, man besitze keine Erkenntnisse über mögliche Zusammenhänge mit russischen Hackergruppen. Der Kölner Staatsanwalt Vollmert erklärte, dass „aus der Struktur der Schadsoftware kaum noch Rückschlüsse auf den Urheber eines Angriffs möglich seien“.

Dennoch verweisen Sicherheitsexperten immer wieder auf Machenschaften russischer Gruppierungen. Das Bundesamt für Verfassungsschutz warnte im März vor der seit 2007 aktiven Hackertruppe Sofacy. Man hatte Hinweise auf „Vorbereitungshandlungen“ für Angriffe von Sofacy erhalten. Sicherheitskreise vermuten russische Vergeltung für die gegen das Land verhängten Sanktionen. Da der Angriff des 29-Jährigen auf seinen Server und seine E-Mail-Adresse zurückzuverfolgen war, erfolgte am Londoner Flughafen im Februar 2017 die Festnahme von Daniel K.

Wer bei Spiegel-online, das vor einer Woche auf den Prozess hinwies und heute vom Urteil berichtete, auf den Hinweis wartete, dass damals Russland bezichtigt wurde – Fehlanzeige.

Anfang Juni stand Russland erneut am Hacker-Pranger. Die Nachrichtenagentur Qatar News Agency war im April über Smartphones mit einer Datei infiziert worden. Am 24. Mai morgens veröffentliche die QNA auf ihrer Webseite eine Nachricht über den katarischen Monarchen Emir Tamim bin Hamad Al Thani. Während einer Militärparade habe dieser unter anderem gesagt, der Emir setze sich für die Verbesserung der Beziehungen zum Iran ein und bezeichne die palästinensische Organisation Hamas sowie die libanesische Miliz Hisbollah als Widerstandsbewegungen. Bereits 45 Minuten später warnte die katarische Regierung vor dieser Falschmeldung. Inzwischen hatte es die Nachricht als Ticker in einem Video bereits auf Youtube geschafft. Auch via Twitter verbreitete sich der brisante Inhalt schnell.

Trotz aller Dementis aus Katar reagierte Saudi-Arabien umgehend. Die gefälschte Nachricht wurde auf allen Kanälen kommuniziert, alle katarischen Medien, inklusive Al Jazeera, wurden vom Netz genommen. Binnen kurzer Zeit formierte sich eine Allianz aus Saudi-Arabien, den Vereinigten Emiraten, Ägypten, Bahrain und Jemen. Mit dem Vorwurf der „Unterstützung des Terrorismus“ und „Destabilisierung der Lage im Nahen Osten“ brachen diese Länder die diplomatischen Beziehungen zu Katar ab, belegten Katar mit diversen Boykottmaßnahmen und stellten ein Ultimatum mit 13 unverhandelbaren Forderungen, inklusive der Schließung des Senders Al Jazeera – mit Frist zum 23. Juni.

Zurück blieb ein diplomatischer Scherbenhaufen, nachdem es geglückt war einen schwelenden Brand mit einer Falschmeldung zu entzünden. Die arabische Halbinsel ging aufeinander los. Trump war vor der Zündelei vom 20. bis 22. Mai im Rahmen eines Staatsbesuchs bei den Saudis gewesen, man munkelt sie hätten sich vom US-Präsidenten grünes Licht für die harte Gangart geholt.

Das FBI schickte ein Team von Experten nach Doha, um die Hacker ausfindig zu machen. Über CNN ließen US-Sicherheitsbehörden wissen, alle Anzeichen deuteten auf Hacker aus Russland. Wenn sie auch nicht angaben, wie genau geschehen ist, wusste man bereits, warum: Die Russen wollen einen Keil zwischen die USA und seine engsten Verbündeten am Golf treiben. Noch nicht erwiesen sei, ob es russische Kriminelle oder staatliche Einrichtungen waren.

Der Sprecher des Kremls Dmitry Peskow wies den Vorwurf der CNN umgehend zurück: „Fake, Lüge, keinen Bezug zur Realität“. Ein Sprecher aus dem Oberhaus interpretierte den Cyberangriff als Versuch, die Spannungen zwischen Russland und den USA zu verschärfen. Russland habe absolut kein Interesse daran, Amerika und Katar voneinander zu entfremden.

Auch die deutsche Presse übernahm den US-Vorwurf „Russland-war-es“, obwohl Offizielle aus Katar mit Vorwürfen stets sehr vorsichtig waren.

Ungefähr drei Wochen später, am 28. Juni, bestätigte Katar Russland offiziell, dass es nicht hinter den Hackerangriffen Ende Mai stecke. Der katarische Außenminister Scheich Mohammed bin Abdulrahman al Thani sagte in einem Interview mit CBS News das FBI sei nach den Untersuchungen zu dem Ergebnis gekommen, dass Russland nicht für den Hack Ende Mai verantwortlich ist: „The information we have – it is not a Russian hacker.“ Die Spuren führen eher in die Länder, die jetzt über uns die Blockade verhängt haben. Namen nannte er keine, auch das FBI hielt sich bedeckt.

Erst knapp drei Wochen später, am 16. Juli, meldet die Washington Post unter Hinweis auf Quellen in amerikanischen Nachrichtendiensten, der Hackerangriff vom 24. Mai auf die katarische staatliche Nachrichtenagentur Qatar News Agency (QNA), der die diplomatische Krise ausgelöst hat, sei von den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) ausgelöst worden. Es sei unklar, ob die VAE den Hackerangriff selbst begangen haben oder dafür dritte Personen eingestellt wurden.

Die VAE dementierten umgehend. „Die VAE waren an dem mutmaßlichen Hackerangriff nicht beteiligt“, so deren Botschafter in Washington. Auch in dem ausführlichen Artikel der Washington Post fehlte jeder Hinweis auf die Anschuldigungen von CNN vor ein paar Wochen, dass es Russland gewesen sei. Postwendend reagierten russische Medien auf die Russland entlastenden Nachrichten. Auch hier, man staune, kein Hinweis auf die Gerüchteküche aus dem Hause CNN.

Inzwischen hat der Saudi-Block seine Liste aus dreizehn Forderungen an Katar wesentlich abgemildert. Auf der Liste stehen nur noch sechs Punkte. Die vorherige Forderung, endlich Al-Jazeera abzuschalten, ist nicht mehr auf der Liste.

Was in den letzten Wochen hinter den Kulissen der beteiligten Akteure beraten, verhandelt und beschlossen wurde – Historiker werden es vielleicht in hundert Jahren wissen. Da tappt man auch als Journalist im Dunkeln. Neben dem reflexhaft vorgetragenen „Russland-war-es“ liefern die Fälle Telekom und Katar ein gutes Beispiel, wie das Thema „Fake News“ mittlerweile politisch instrumentalisiert wird. Mal taucht es in den Schlagzeilen der großen Medien auf, mal wird es auf niedriger Flamme geköchelt – je nach militärischen, wirtschaftlichen oder politischen Hintergrundszenarien.

Angela Merkel hatte nach dem Cyber-Angriff auf die Telekom empfohlen, Deutschland dürfe sich von solchen Attacken „nicht irritieren lassen“. Man müsse sich nur darüber im Klaren sein, „dass es so etwas gibt“

Und es ist klar, dass es so etwas gibt. Und ebenso klar ist, dass es so etwas auch in Russland gibt – so wie in allen anderen Ländern mit großen Geheimdiensten, was ebenso klar ist. Gestern, Heute, Morgen – vorhin, jetzt, gleich. Und noch klarer ist, dass es so bleiben wird.

Erst gestern hat die Agentur Reuters vermeldet, Russland habe via Facebook Einfluss auf die französischen Wahlen genommen. Die Karawane zieht weiter.

[hub/russland.NEWS]