Nawalny: 30 Tage Haft und kein Depeche Mode

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Ein Moskauer Gericht verurteilte den Kremlkritiker Alexej Nawalny zu 30 Tagen Arrest wegen „Verstoßes gegen die öffentliche Ordnung“. Nachdem der russische Oppositionelle am vergangenen Montag zu landesweiten Protesten aufgerufen hatte, wurde er in Moskau von der Polizei in Gewahrsam genommen worden.

Das Urteil gegen den Kreml-Kritiker Alexej Nawaly war schnell gesprochen. 30 Tage Haft muss der 41-jährige nun hinter Gittern absitzen, weil er wiederholt gegen die Regeln zur Organisation von Demonstrationen verstoßen hatte. Die Nachricht wurde unmittelbar nach der Urteilsverkündung medienwirksam von seiner Sprecherin Kira Jarmysch aus dem Gerichtssaal auf Twitter veröffentlicht. Viele der ebenfalls festgesetzten Demonstranten, darunter der populäre Oppositionelle Ilja Jaschin der ebenfalls in Moskau festgenommen wurde, würden noch auf ihre Verhandlung warten, so hieß es aus den Agenturen.

Für Alexej Nawalny scheint es ein Spiel zu sein, wenn er sich publikumswirksam verhaften lassen kann. Selbst hartgesottene Kritiker der russischen Regierung zweifeln allmählich daran, dass die regelmäßigen Selbstinszenierungen Nawalnys lediglich einem politischen Zweck geschuldet seien. Vielmehr hat es inzwischen den Anschein, als würde er sich im Blitzlichtgewitter um seiner selbst willen aalen, ungeachtet der Konsequenzen für seine Mitstreiter. Er selbst twitterte im Anschluss an seine Verurteilung: „30 Tage. Schlimm genug, dass sie das Land ausplündern. Ich verpasse deswegen auch noch das Konzert von Depeche Mode in Moskau“.

Nawalny selbst mag es witzig finden, wenn er regelmäßig die Konfrontation mit dem Gesetz provoziert. Nicht anderes geschah auch jüngst in Moskau und St. Petersburg, als er die von den Behörden bewilligten Orte eigenmächtig dorthin verlegte, wo Zusammenstöße mit den nicht gerade zimperlichen Sicherheitskräften vorprogrammiert waren. Es sind vor allem junge Leute, die Nawalny um sich schart, sehr junge sogar. Seine „Gefolgschaft“ rekrutiert sich überwiegend aus Schülern, die bis vor kurzem an Politik noch gar kein Interesse zeigten, schlechthin als apolitisch galten. Es liegt in der Natur der Jugend aufzubegehren. Gegen wen und was ist zunächst zweitrangig, es gilt das Gefühl „dabei zu sein“.

Ohnehin kam es in Moskau zu grotesken Szenen. Da die Straßen im Zentrum der Hauptstadt wegen den Feierlichkeiten zum Nationalfeiertag mit Menschenmassen gefüllt waren, fielen die Demonstranten laut Augenzeugenberichten nicht wirklich ins Gewicht. Grund genug für die New York Times, Panzersperren und eine Wand aus Sandsäcken, die Teil einer Inszenierung zur russischen Geschichte darstellten, als Straßensperre gegen Nawalny zu interpretieren. „Die Barrikade wurde auf einer wichtigen Moskauer Prachtstraße aufgestellt, um kremlkritische Protestler vom Kreml und Roten Platz fernzuhalten“, kommentierte Neil MacFarquhar, der Chefredakteur des Moskauer Büros der Zeitung auf Twitter in journalistischem Übereifer.

Da nicht zu erwarten steht, dass Nawalny nach Verbüßung seiner Strafe von seinem eitlen Treiben ablässt, darf man gespannt sein, wie lange es dauert, bis er das Katz und Mausspiel mit den Behörden aufs Neue aufnimmt. Ebenso darf man gespannt sein, wie lange es noch dauern wird, bis die mediale Aufmerksamkeit allmählich erloschen sein wird. Denn, auf Dauer wird es selbst für einen Alexej Nawalny schwer werden, den ernstzunehmenden Oppositionellen zu mimen ohne an Glaubwürdigkeit zu verlieren.

[Michael Barth/russland.NEWS]

 

 

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.