Nach dem Krieg zum Pflichtgespräch: Russland bereitet sich auf seine Veteranen vor

Nach dem Krieg zum Pflichtgespräch: Russland bereitet sich auf seine Veteranen vor

Russlands Gesundheitsministerium will die psychologische Untersuchung von Veteranen des Ukrainekriegs dauerhaft in die allgemeine Gesundheitsvorsorge aufnehmen. Was in einem umfangreichen Katalog neuer Früherkennungsmaßnahmen beinahe wie ein Detail erscheint, verweist auf eine weit größere Aufgabe: Der russische Staat beginnt, sich institutionell auf die langfristigen psychischen und gesellschaftlichen Folgen des Krieges vorzubereiten.

Nach einem vom Gesundheitsministerium vorgelegten Entwurf soll vom 1. März 2027 an für Veteranen eine Konsultation bei einem medizinischen Psychologen zum festen Bestandteil der ersten Stufe der Vorsorgeuntersuchung werden. Das Gespräch soll möglichst am selben Tag wie die übrigen Untersuchungen stattfinden.

Verpflichtend ist die Konsultation innerhalb der Vorsorgeuntersuchung. Eine zwangsweise Vorladung sämtlicher Veteranen ist damit nicht gemeint; auch die allgemeine russische „Dispansersacija“ bleibt grundsätzlich eine freiwillige medizinische Untersuchung. Entscheidet sich ein Veteran für die Untersuchung, soll das psychologische Gespräch jedoch nicht mehr ausgelassen werden können.

Der Entwurf befindet sich noch in der öffentlichen Beratung. Wird er in der vorliegenden Form beschlossen, ersetzt er die seit 2021 geltende Regelung.

Aus einer Empfehlung wird eine feste Regel

Ganz neu ist die psychologische Betreuung der Kriegsheimkehrer nicht. Bereits 2026 hatte das Gesundheitsministerium die Regeln für die Untersuchung von Veteranen präzisiert. Medizinische Einrichtungen sollen tätig werden, nachdem sie über die Rückkehr eines Veteranen in ihre Region informiert wurden. Eine Konsultation beim medizinischen Psychologen sollte möglichst schon am ersten Untersuchungstag stattfinden; war dies organisatorisch nicht möglich, konnte sie nachgeholt werden.

Bislang war das Gespräch damit vor allem eine Empfehlung. Der neue Entwurf macht es zum regulären Bestandteil der Untersuchung und verankert es dauerhaft im landesweiten Vorsorgeprogramm.

Untersucht werden sollen insbesondere Anzeichen von Angstzuständen, Depressionen und posttraumatischen Belastungsstörungen. Werden Auffälligkeiten festgestellt, können weitere therapeutische, rehabilitative oder vorbeugende Maßnahmen veranlasst werden.

Medizinisch ist das sinnvoll. Kriegserfahrungen, Verwundungen, der Tod von Kameraden und die lange Gewöhnung an Gewalt können auch nach der Rückkehr ins zivile Leben schwere Folgen haben. Verlässliche öffentliche Angaben über die Zahl der psychisch erkrankten russischen Kriegsteilnehmer gibt es bislang allerdings nicht.

Gerade deshalb ist die neue Regel politisch bemerkenswert. Psychische Kriegsfolgen werden nicht länger nur als Problem einzelner Soldaten behandelt, die von sich aus Hilfe suchen. Der Staat baut ein flächendeckendes Verfahren auf, mit dem eine große Gruppe von Heimkehrern untersucht, nach Risiken eingestuft und bei Bedarf weiterbehandelt werden kann.

Helden und Risikogruppe

In der staatlichen Öffentlichkeit werden die Teilnehmer der von Moskau sogenannten „militärischen Spezialoperation“ als Helden, Erzieher und künftige gesellschaftliche Elite präsentiert. Veteranen sollen in Schulen auftreten, öffentliche Ämter übernehmen und Führungspositionen besetzen.

Das Gesundheitswesen arbeitet mit einer anderen, nüchterneren Perspektive. Dort erscheinen dieselben Männer als eine Bevölkerungsgruppe, bei der psychische Verletzungen so häufig zu erwarten sind, dass ein eigenes standardisiertes Untersuchungsverfahren notwendig wird.

Beide Sichtweisen widersprechen sich nicht zwangsläufig. Ein Staat kann seine Soldaten ehren und ihnen zugleich medizinische Hilfe anbieten. Die Diskrepanz zeigt jedoch, wie weit die öffentliche Heldenerzählung und die praktische Verwaltung der Kriegsfolgen auseinanderliegen. Im Fernsehen verkörpern die Veteranen Opferbereitschaft und Patriotismus; in den Polikliniken werden sie auf Depressionen, Angststörungen und Kriegstraumata untersucht.

Das geplante Inkrafttreten im März 2027 ist dabei kein Hinweis auf einen vorgesehenen Zeitpunkt für das Ende des Krieges oder eine große Demobilisierung. Die Rückkehr einzelner Soldaten findet längst statt. Der Entwurf zeigt aber, dass die Behörden mit einem langfristigen und wachsenden Betreuungsbedarf rechnen.

Medizinische Hilfe und staatliche Kontrolle

Besondere Aufmerksamkeit verdient eine weitere Regelung im selben Entwurf. Stellt eine medizinische Einrichtung bei einem Besitzer einer legalen Schusswaffe gesundheitliche Gegenanzeigen fest, soll sie den Betroffenen informieren, eine außerordentliche Tauglichkeitsprüfung veranlassen und die Nationalgarde benachrichtigen. Das zuvor ausgestellte medizinische Gutachten würde aufgehoben.

Als mögliche Gründe nennt der Bericht neben bestimmten Augenkrankheiten auch psychische Störungen. Diese Bestimmung gilt für alle Waffenbesitzer und nicht speziell für Veteranen. Beide Bereiche können sich jedoch überschneiden, wenn ein Kriegsteilnehmer eine zivile Waffenbesitzgenehmigung besitzt.

Nicht jedes auffällige Gespräch mit einem Psychologen führt automatisch zum Verlust einer Waffenerlaubnis. Dafür müsste eine medizinisch und rechtlich relevante Gegenanzeige festgestellt werden. Ebenso enthält der Entwurf keinen Hinweis darauf, dass die Ergebnisse sämtlicher Veteranengespräche an Sicherheitsbehörden weitergeleitet würden.

Dennoch entsteht ein heikles Spannungsfeld. Eine wirksame psychologische Behandlung setzt voraus, dass der Patient offen über Ängste, Aggressionen, Schlafstörungen oder Suchtprobleme sprechen kann. Wenn Betroffene befürchten, ein Befund könne staatliche oder berufliche Folgen haben, könnten sie gerade jene Beschwerden verschweigen, die erkannt werden sollen. Aus einem Hilfsangebot kann so in der Wahrnehmung der Veteranen eine Kontrolluntersuchung werden.

Der Krieg kehrt in die Verwaltung zurück

Der übrige Entwurf liest sich wie eine klassische Reform der Gesundheitsvorsorge. Vorgesehen sind unter anderem regelmäßige Tests auf Hepatitis C, genauere Untersuchungen der Blutfette sowie zusätzliche Früherkennungsmaßnahmen für Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen. Zehn Millionen Menschen könnten davon betroffen sein.

Doch das psychologische Pflichtgespräch für Veteranen besitzt eine andere Dimension. Es zeigt, dass der Krieg nicht mit der Rückkehr eines Soldaten aus dem Einsatzgebiet endet. Seine Folgen gelangen in Familien, Betriebe, Arztpraxen und Behörden.

Russland bereitet sich damit nicht erkennbar auf das Ende des Krieges vor – wohl aber auf ein Land, in dem immer mehr Menschen nach dem Krieg in ihrem eigenen Leben weiterleben müssen

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