Wachstum durch verhinderten Schwund: Russlands neuer Plan für den Fernen Osten

Wachstum durch verhinderten Schwund: Russlands neuer Plan für den Fernen Osten

Russland will den jahrzehntelangen Bevölkerungsrückgang im Fernen Osten stoppen. Ein neuer Maßnahmenplan verbindet günstige Eigenheimkredite, Familienförderung, betriebliche Kinderbetreuung und eine bessere medizinische Versorgung. Die Zielmarke verrät allerdings, wie bescheiden die Hoffnungen inzwischen geworden sind: Bis 2030 soll die Einwohnerzahl rechnerisch um gerade einmal einige Tausend Menschen steigen.

Zu Beginn des Jahres 2026 lebten im Föderationskreis Fernost rund 7,86 Millionen Menschen. Nach einem von der Regierung beschlossenen Plan sollen es 2030 etwa 7,866 Millionen sein. Das wäre gegenüber dem heutigen, gerundeten Stand kaum mehr als Stagnation. Ohne zusätzliche Maßnahmen rechnet die Regierung allerdings nur noch mit 7,675 Millionen Einwohnern.

Der angekündigte Zuwachs besteht somit vor allem aus verhindertem Schwund. Gelingt das Programm, würden bis 2030 rund 190.000 Menschen mehr im Fernen Osten leben als im sogenannten Trägheitsszenario. In mehreren Regionen verliert der Föderationskreis derzeit jährlich zwischen 0,5 und 1,5 Prozent seiner Bevölkerung.

Mehr als 60 Maßnahmen

Der Aktionsplan für die Jahre 2026 bis 2030 umfasst mehr als 60 Einzelmaßnahmen. Zu seinen Zielen gehören ein ausgeglichener natürlicher Bevölkerungssaldo, eine Geburtenziffer von mehr als 1,6 Kindern je Frau und eine Stabilisierung der Einwohnerzahl.

Im Unterschied zu vielen allgemeinen Appellen an Familien enthält das Programm einige konkrete Instrumente. Eine zentrale Rolle spielt das Wohneigentum. Die sogenannte Fernosthypothek, die Kredite zu einem Zinssatz von zwei Prozent ermöglicht, wurde auch auf den Bau privater Wohnhäuser ausgeweitet.

Der Gouverneur der Region Kamtschatka, Wladimir Solodow, will die Förderung zusätzlich mit der Beseitigung baufälliger Wohnungen verbinden. Familien könnten anstelle einer Wohnung in einem abrissreifen Gebäude ein Grundstück erhalten und darauf ein eigenes Haus bauen.

Hinzu kommt das regionale Programm „Eine Million für das dritte Kind“. Bei der Geburt eines dritten Kindes können Familien eine Million Rubel zur Tilgung ihrer Hypothek erhalten. Damit verbindet die Regierung Familien- und Wohnungspolitik: Wer sich für ein weiteres Kind entscheidet, soll zugleich stärker an die Region gebunden werden.

Auch die Unternehmen sollen helfen

Die Verantwortung soll jedoch nicht allein beim Staat liegen. Unternehmen, die eigene Kinderkrippen einrichten oder Müttern Heimarbeit ermöglichen, könnten künftig einen vergünstigten sozialen Investitionskredit erhalten. Bislang handelt es sich dabei allerdings um einen Vorschlag aus der Gesellschaftskammer und nicht um ein beschlossenes flächendeckendes Förderprogramm.

Die Überlegung ist dennoch nachvollziehbar. Eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf kann nicht nur Eltern entlasten, sondern angesichts des Arbeitskräftemangels auch Unternehmen zugutekommen. Kinderbetreuung wird damit zugleich zur demografischen und wirtschaftlichen Infrastruktur.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Gesundheitsversorgung. In den dünn besiedelten Regionen des Fernen Ostens sollen telemedizinische Angebote, mobile Vorsorgeuntersuchungen und medizinische Einrichtungen an Schulen ausgebaut werden. Viele dieser Ansätze könnten später auf andere russische Regionen übertragen werden, die ebenfalls Einwohner verlieren.

Über dem Durchschnitt reicht nicht

Der Ferne Osten steht bei der Geburtenrate derzeit etwas besser da als Russland insgesamt. 2025 lag die zusammengefasste Geburtenziffer dort bei 1,43 Kindern je Frau, landesweit waren es 1,36. Die Regierung wertet dies als Hinweis darauf, dass einzelne regionale Fördermaßnahmen bereits Wirkung zeigen könnten.

Von einer dauerhaft stabilen Bevölkerungsentwicklung ist der Föderationskreis damit jedoch weit entfernt. Selbst das angestrebte Niveau von mehr als 1,6 Kindern läge deutlich unter den ungefähr 2,1 Kindern je Frau, die langfristig zur Bestandserhaltung einer Bevölkerung notwendig wären.

Zudem können finanzielle Zuschüsse den Zeitpunkt einer ohnehin geplanten Geburt vorziehen, ohne die endgültige Zahl der Kinder wesentlich zu erhöhen. Eine günstige Hypothek nützt wenig, wenn es am Wohnort keine ausreichende medizinische Versorgung, keine Schule oder keinen sicheren Arbeitsplatz gibt. Und Telemedizin kann Entfernungen überbrücken, aber weder Ärzte noch Krankenhäuser vollständig ersetzen.

Das fehlende Wort heißt Zuwanderung

Der natürliche Bevölkerungssaldo soll bis 2030 auf null steigen. Angesichts der Altersstruktur und der weiterhin niedrigen Geburtenrate ist dieses Ziel äußerst anspruchsvoll. Ein nennenswertes Bevölkerungswachstum wäre deshalb nur durch Zuwanderung aus anderen russischen Regionen oder aus dem Ausland möglich.

Gerade junge Menschen verlassen den Fernen Osten jedoch seit Jahren auf der Suche nach Ausbildung, höheren Einkommen und besseren Lebensbedingungen. Um diesen Trend umzukehren, reichen Geburtsprämien und verbilligte Kredite nicht aus. Entscheidend sind dauerhafte Arbeitsplätze, erreichbare Schulen und Krankenhäuser, Verkehrsanbindungen und das Vertrauen, in der Region eine langfristige Zukunft aufbauen zu können.

Solche strukturellen Voraussetzungen werden in den Diskussionen zwar erwähnt, bleiben aber schwerer zu schaffen als eine zusätzliche Zahlung oder ein neues Kreditprogramm. Auch die allgemeine wirtschaftliche Unsicherheit und die Folgen des Krieges kommen in der präsentierten demografischen Rechnung kaum vor.

Der neue Plan ist deshalb nicht bloß naiv. Er enthält mehrere vernünftige und konkrete Ansätze. Doch sein Erfolg würde zunächst keine demografische Wende bedeuten. Schon das Verhindern des erwarteten Verlusts von fast 200.000 Einwohnern wäre ein beachtliches Ergebnis.

Russlands Ferner Osten soll nach dem Willen der Regierung wieder wachsen. Vorerst besteht dieses Wachstum darin, dass möglichst wenige Menschen verschwinden.

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