Mehr als die Hälfte der Russen glaubt an Verschwörungstheorien

Mehr als die Hälfte der Russen glaubt an Verschwörungstheorien

Eine Umfrage der regierungsnahen Gesellschaft „Wissen“ zeigt, wie weit verschwörungsideologische Deutungen in Russland verbreitet sind. Zwei Drittel der Befragten halten das Coronavirus für künstlich erzeugt, mehr als 40 Prozent glauben an eine geheime Weltregierung. Experten sehen darin eine Reaktion auf Unsicherheit, Kontrollverlust und eine überfordernde Informationsumgebung.

Mehr als die Hälfte der befragten Russen hängt mindestens einer gängigen Verschwörungstheorie an. Das geht aus einer landesweiten Telefonumfrage des Forschungszentrums der Gesellschaft „Wissen“ hervor, über die die Zeitung Kommersant berichtet. Befragt wurden im April 2026 rund 1.600 Menschen aus mehr als 80 Regionen Russlands.

Am weitesten verbreitet ist demnach die Vorstellung, das Coronavirus sei absichtlich in einem Labor erzeugt worden. Zwei Drittel der Befragten teilen diese Ansicht. Mehr als 41 Prozent glauben an die Existenz einer „geheimen Weltregierung“, fünf Prozent halten sogar die Erde für flach.

Besonders stark ist der Glaube an eine geheime Weltregierung in der älteren Generation. Unter den Befragten ab 60 Jahren liegt der Anteil laut Kommersant bei 50 Prozent, bei den 18- bis 24-Jährigen dagegen bei 24 Prozent. Auch der Glaube an eine flache Erde findet sich häufiger bei älteren Menschen und bei Personen ohne Hochschulbildung.

Dmitri Rybaltschenko, erster stellvertretender Generaldirektor der Gesellschaft „Wissen“, erklärt die Verbreitung solcher Vorstellungen unter anderem mit der Rolle von Meinungsführern. Entscheidend sei, wer Informationen vermittle und interpretiere. Gerade bei Themen wie Laborforschung und Viren prägten öffentliche Stimmen stark, welche Versionen Menschen für plausibel hielten.

Die von Kommersant befragten Experten deuten den Befund vor allem psychologisch und gesellschaftlich. Je chaotischer die Welt erscheine, desto stärker werde der Wunsch nach Ordnung, sagte der Politologe Michail Winogradow. Theorien über eine „Weltregierung“ wirkten dabei wie ein Schutz vor der Angst vor Unübersichtlichkeit.

Auch der Politologe Jegor Subakin beschreibt Verschwörungstheorien als Erklärungsmodell in einer als feindlich und zu komplex empfundenen Welt. Die Vorstellung vom künstlichen Ursprung des Coronavirus stütze etwa das Gefühl, „zum Opfer ausgewählt“ worden zu sein. Die Theorie einer Weltregierung treffe zudem einen postsowjetischen Komplex verlorener Souveränität.

Aus Sicht der Kognitionswissenschaft sind solche Denkmuster nicht ungewöhnlich. Konstantin Gnidko vom Moskauer Institut für Physik und Technologie bezeichnete Verschwörungstheorien gegenüber Kommersant als beinahe natürlichen Nebeneffekt menschlichen Denkens. Menschen suchten nach Mustern, Ursachen und Verantwortlichen — auch dort, wo die Wirklichkeit komplexer und weniger eindeutig ist.

Eine wichtige Rolle spielen nach Einschätzung der Experten Medien und soziale Netzwerke. Anna Kostikowa, Leiterin des Lehrstuhls für Sprachphilosophie an der Moskauer Staatsuniversität, verwies darauf, dass Medien ein Interesse daran hätten, Informationslücken hervorzuheben und anschließend Deutungen anzubieten. Klassische Medien hätten ihre Funktion als rationaler Filter von Informationen teilweise verloren, heißt es bei Kommersant.

Damit berührt die Umfrage ein größeres Problem. In Russland wird der öffentliche Raum seit Jahren stark politisiert, kontrolliert und zugleich mit widersprüchlichen Erzählungen gefüllt. Staatliche und staatsnahe Medien warnen regelmäßig vor äußeren Feinden, westlichen Manipulationen, geheimen Plänen und Bedrohungen der nationalen Souveränität. Eine Gesellschaft, die solche Deutungsmuster täglich konsumiert, ist für Verschwörungstheorien besonders empfänglich.

Bemerkenswert ist deshalb weniger, dass viele Menschen an geheime Mächte glauben. Bemerkenswert ist, dass ein regierungsnahes Medium und eine staatstragende Bildungsorganisation diesen Befund nun selbst sichtbar machen. Die Gesellschaft „Wissen“ soll eigentlich Aufklärung, staatsbürgerliche Bildung und patriotische Wissensvermittlung fördern. Ihre Zahlen zeigen jedoch, wie stark irrationale Deutungen im gesellschaftlichen Bewusstsein verankert sind.

Die Ergebnisse lassen sich nicht nur als Bildungsproblem lesen. Sie spiegeln auch ein politisches Klima, in dem Misstrauen zur Grundstimmung geworden ist. Wenn offizielle Kommunikation häufig auf Bedrohung, Abwehr und Feindbilder setzt, entstehen daraus nicht nur Loyalität und Mobilisierung. Es entsteht auch ein Publikum, das hinter Ereignissen fast automatisch geheime Absichten vermutet.

Das kann für den Staat kurzfristig nützlich sein, weil es politische Botschaften anschlussfähig macht: Der Westen ist schuld, geheime Kräfte steuern Entwicklungen, Russland muss sich verteidigen. Langfristig ist es riskant. Wer Menschen systematisch daran gewöhnt, der sichtbaren Wirklichkeit zu misstrauen, kann nicht kontrollieren, welchen unsichtbaren Erklärungen sie am Ende folgen.

So fügt sich die Kommersant-Meldung in ein größeres Bild. Derselbe Staat, der immer neue Verbote erlässt, VPN-Nutzung bekämpft, Literatur mit Warnhinweisen versieht und vor „schädlichen“ Inhalten schützt, steht vor einer Gesellschaft, in der Verschwörungsdenken weit verbreitet ist. Die Kontrollpolitik soll Ordnung schaffen — doch sie produziert zugleich Unsicherheit, Misstrauen und den Wunsch nach einfachen Erklärungen.

Die Umfrage zeigt damit nicht nur, woran viele Russen glauben. Sie zeigt auch, was geschieht, wenn ein öffentlicher Raum über Jahre hinweg auf Angst, Verdacht und ideologische Vereinfachung eingestellt wird. Am Ende glauben viele nicht weniger Unsinn, sondern mehr — nur eben den jeweils passenden.

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