Medinski über den „Nutzen“ sowjetischer Zensur: Der Staat soll Filme wieder strenger kontrollieren

Medinski über den „Nutzen“ sowjetischer Zensur: Der Staat soll Filme wieder strenger kontrollieren

Wladimir Medinski hat an den „künstlerischen Nutzen“ der sowjetischen Zensur erinnert. Der frühere russische Kulturminister und heutige Präsidentenberater sagte dem Wirtschaftsmagazin „Expert“, die sowjetischen Kontrollorgane hätten nicht nur ideologische Abweichungen überwacht, sondern auch die Qualität von Filmen. Minderwertige Produktionen seien damals nicht in den Verleih gekommen. Daraus leitet Medinski nun eine aktuelle Forderung ab: Die russische Filmproduktion brauche wieder deutlich mehr staatliche Kontrolle.

Nach Ansicht Medinskis steckt die Branche zwischen Sozialismus und Kapitalismus fest. Es gebe zu viel staatliches Geld, aber zu wenig echte Marktmechanismen. Das Ergebnis seien „Berge mittelmäßiger Filmprodukte“. Wenn der Staat Filme finanziere, müsse er deshalb nicht nur Geld geben, sondern alle Phasen kontrollieren: Idee, Drehbuch, Dreharbeiten und Verwertung. Wer mit staatlichen Mitteln schlechte Filme produziere, dürfe damit nicht einfach durchkommen.

Medinski formulierte es in seiner bekannten Direktheit: Wer „Schrott“ drehe, solle nacharbeiten. In der Sowjetunion habe es für fertige Filme Kategorien gegeben, von denen auch die Honorare der Beteiligten abhingen. Heute dagegen gebe es in Russland keine „reale Filmökonomie“. Gerade deshalb müsse der Staat stärker auf Qualität achten.

Bemerkenswert ist weniger die Klage über schlechte Filme – darüber lässt sich in fast jedem Land Einigkeit herstellen – als die vorgeschlagene Medizin. Medinski erinnert an ein System, dessen Hauptzweck nicht Filmkunst, sondern politische Kontrolle war, und hebt daraus ausgerechnet den angeblichen Qualitätsvorteil hervor. Dass Zensur auch Meisterwerke verhinderte, Karrieren zerstörte und ganze Themenbereiche aus dem öffentlichen Raum verbannte, bleibt in dieser Argumentation am Rand.

Die Aussage passt allerdings gut zur kulturpolitischen Linie der vergangenen Jahre. Seit Beginn des Ukraine-Krieges ist der russische Kulturbetrieb deutlich stärker auf Loyalität, „traditionelle Werte“ und staatlich erwünschte Themen ausgerichtet worden. Gleichzeitig wird die Filmbranche massiv aus öffentlichen Mitteln gestützt. Nach Angaben von „Expert“ erhielten 2025 insgesamt 172 nationale Filme staatliche Unterstützung. Die Kinokassen erzielten im selben Jahr fast 50 Milliarden Rubel Umsatz; russische Filme kamen auf 29 Milliarden Rubel und damit auf rund 74 Prozent der offiziellen Einnahmen.

Der Staat ist also längst nicht nur Zensor oder Aufseher, sondern einer der wichtigsten Finanziers des russischen Kinos. Genau daraus entsteht Medinskis Argument: Wer bezahlt, soll auch entscheiden. Kritiker würden wohl ergänzen: Wer entscheidet, bestimmt am Ende nicht nur über Qualität, sondern auch über Themen, Tonfall und politische Zumutbarkeit.

Medinski war von 2012 bis 2020 russischer Kulturminister und fiel schon damals durch scharfe Urteile über Filme auf. Den international ausgezeichneten Film „Leviathan“ von Andrej Swjaginzew nannte er einst „maßlos konjunkturell“; nach dem Anschauen habe man das Gefühl, „als hätte jemand in die Seele gespuckt“. Auch westliche Filme wie „Joker“ oder „Hunter Killer“ kritisierte er als künstlerisch schwach oder politisch absurd.

Sein neuer Vorstoß ist deshalb mehr als eine kulturpolitische Randbemerkung. Er zeigt, wie offen in Russland inzwischen wieder über staatliche Kontrolle als Qualitätsinstrument gesprochen wird. Ausgerechnet die sowjetische Zensur wird dabei nicht als Warnung, sondern als Vorbild präsentiert – zumindest in jenem Teil, in dem sie angeblich schlechte Filme verhinderte.

Der Witz daran ist bitter: In einem System, das Kunst wieder stärker nach staatlicher Brauchbarkeit bewertet, könnte am Ende nicht weniger Mittelmaß entstehen, sondern nur besser kontrolliertes.

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