Sberbank-Chef German Gref hat den russischen Föderationsrat auf einen tiefgreifenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel durch künstliche Intelligenz eingestimmt. Zahlreiche bisher erfolgreiche Geschäftsmodelle würden verschwinden, prognostizierte der Banker. Russland sei zugleich nicht ausreichend auf KI-gestützte Cyberangriffe vorbereitet.
Unmittelbar vor Grefs Auftritt hatte die obere Kammer des russischen Parlaments ein Rahmengesetz zur Förderung der Entwicklung künstlicher Intelligenz verabschiedet. Der für Digitalisierung zuständige stellvertretende Ministerpräsident Dmitri Grigorenko erklärte, beim Einsatz der neuen Technologie konkurrierten inzwischen nicht mehr lediglich einzelne Unternehmen miteinander, sondern ganze Staaten.
Ein russischer Konzern wie die Sberbank stehe daher letztlich im Wettbewerb mit China und den USA. Entsprechend programmatisch hatte Gref seinen Vortrag unter den Titel „Globale Herausforderungen und Chancen Russlands im Zeitalter der künstlichen Intelligenz“ gestellt.
Als technologischen Maßstab nannte der Sberbank-Chef ausgerechnet das US-Unternehmen Anthropic. Dessen Sprachmodelle hätten seiner Einschätzung nach inzwischen die Systeme von OpenAI überholt. Gref ließ dabei erkennen, dass er die Produkte des Unternehmens auch selbst verwendet. Anthropic entwickelt den KI-Assistenten Claude und gehört damit zu den wichtigsten Konkurrenten von ChatGPT.
Im Mittelpunkt seiner Rede stand jedoch weniger der Wettstreit einzelner Modelle als die bevorstehende Veränderung der Wirtschaft. „Die Geschäftsmodelle einer riesigen Zahl von Unternehmen werden sterben“, warnte Gref. Durch KI verschwänden zwei Grundlagen, auf denen viele Unternehmen bisher ihre Marktposition aufgebaut hätten: Wissensvorsprünge und die ungleiche Verteilung von Informationen.
Ein KI-Agent könne innerhalb weniger Minuten die Angebote zahlreicher Unternehmen untersuchen, Preise und Bedingungen vergleichen und anschließend den günstigsten Lieferanten oder Dienstleister auswählen. Für Vermittler, Berater und Unternehmen, deren Geschäftsmodell vor allem auf schwer zugänglichen Informationen beruht, könnte dies nach Grefs Darstellung existenzbedrohend werden.
Zugleich werde künstliche Intelligenz praktisch alle Lebensbereiche verändern. Gref nannte insbesondere Bildung, Gesundheitswesen, Unternehmensführung und staatliche Verwaltung. Mit Unterstützung der Sberbank würden KI-Systeme bereits heute in russische Verwaltungsprozesse eingebunden.
Der Bankchef ordnete sich dabei selbst ausdrücklich dem Lager der technologischen Antreiber zu. Bei neuen Entwicklungen gebe es stets eine Auseinandersetzung zwischen „Motoren“ und „Bewahrern“. Die Sberbank gehöre eindeutig zu den Motoren.
Wie weit die Automatisierung in Russlands größtem Geldinstitut bereits fortgeschritten ist, verdeutlichte Gref mit Zahlen: Sämtliche Entscheidungen im Geschäft mit Privatkunden würden inzwischen unter Beteiligung künstlicher Intelligenz getroffen. Bei Firmenkunden liege der Anteil bei 70 Prozent. Eine Kennzeichnung von Leistungen, die mithilfe von KI erbracht werden, hält er deshalb zumindest für seine Bank kaum noch für sinnvoll. Eher müsse die Sberbank jene seltenen Entscheidungen markieren, an denen keine künstliche Intelligenz beteiligt war.
Die Senatoren teilten Grefs Optimismus allerdings nur bedingt. Während Föderationsratschefin Walentina Matwijenko erklärte, Russland werde dank künstlicher Intelligenz in fünf Jahren „in einem neuen Leben“ angekommen sein, drehten sich die Fragen ihrer Kollegen vor allem um die Risiken.
Auf die Frage, ob Russland auf Cyberangriffe vorbereitet sei, bei denen künstliche Intelligenz eingesetzt wird, antwortete Gref ungewöhnlich knapp: „Nicht vorbereitet.“ Die neuen technischen Möglichkeiten verschärfen damit nicht nur den wirtschaftlichen Wettbewerb, sondern auch die Bedrohung kritischer Infrastruktur und staatlicher Systeme.
Noch grundsätzlicher fiel die Debatte über militärisch eingesetzte KI aus. Senator Alexej Puschkow verwies auf einen US-Raketenangriff auf eine Schule im iranischen Minab, bei dem mehr als 150 Menschen ums Leben gekommen sein sollen. Nach Medienberichten seien bei der Auswahl des Ziels Algorithmen des US-Unternehmens Palantir verwendet worden.
Gref betonte, kein Fachmann für militärische Systeme zu sein. Eine vollständige Autonomisierung militärischer künstlicher Intelligenz bezeichnete er jedoch als eine der „unmoralischsten“ Entscheidungen, die getroffen werden könnten. Die Kontrolle durch Menschen müsse fest in solche Systeme eingebaut bleiben und ein zwingender Bestandteil ihres Einsatzes sein.
Der Auftritt machte damit auch die unterschiedlichen Perspektiven innerhalb der russischen Führung deutlich. Für Gref ist künstliche Intelligenz zunächst eine wirtschaftliche Revolution, die bestehende Strukturen aufbricht und Russland zur Beschleunigung zwingt. Die Senatoren sahen dagegen vor allem Kontrollverlust, Cyberangriffe und den möglichen Einsatz autonomer Waffensysteme.
Einigkeit bestand letztlich nur in einem Punkt: Künstliche Intelligenz ist keine Technologie mehr, deren Einführung Russland nach Belieben beschleunigen oder aufschieben kann. Sie verändert bereits heute wirtschaftliche Entscheidungen, staatliche Verwaltung und militärische Risiken – und könnte innerhalb weniger Jahre die Regeln grundlegend neu schreiben.

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