Lokalisierung in Russland – Entscheidung mit Gewinnpotenzial

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[Hartmut Hübner – Gunnar Jütte] Russlands neue Industriepolitik und die Perspektiven für den deutschen Mittelstand waren Thema einer Konferenz des zur internationalen Schneider Group gehörenden OWC-Verlages für Außenwirtschaft in Hannover. Die Schneider Group berät und betreut Unternehmen beim Markteintritt und der Expansion in Russland, Kasachstan, Belarus, der Ukraine, Polen und Deutschland.

Trotz struktureller Krise lassen sich in und mit Russland Geschäfte machen, meinte Ulf Schneider, Geschäftsführer der Schneider Group und OWC-Herausgeber.

Er wies darauf hin, dass Russland ungeachtet eines Rückganges von 3,7 % im vergangenen Jahr mit einem nominellen Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 8900 Dollar immer noch über dem BIP von China (8000, + 6,9%) lag. Auch im diesjährigen Doing-Business-Ranking der Weltbank, das u.a. Regulierungsprozesse bei der Eröffnung und der Führung von Geschäften, wie Kreditmarkt-Regulierungen, Arbeitsmarkt-Regulierungen oder die Fristen für die Registrierung von Unternehmen und Eigentum, aber auch Investitionsschutz oder steuerliche Belastungen vergleicht, hat Russland mit Platz 51 eine deutlich bessere Position als China an 84. Stelle.

Schneider machte darauf aufmerksam, dass derzeit China mit seinem Projekt „Neue Seidenstraße“ andere Regionen stärker an sich binden und so ein Gegengewicht zur EU und den Vereinigten Staaten schaffen will. In diesem Zusammenhang komme der Idee von einem gemeinsamen Wirtschaftsraum von Lissabon bis Wladiwostok in enger Partnerschaft von EU und EAEU eine strategische Bedeutung zu. Die  wirtschaftlichen Zwänge und Möglichkeiten müssten jedoch durch entsprechende politische Schritte untermauert werden.

Wettbewerbsvorteil Lokalisierung

Das riesige Potenzial der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAEU) mit 2 183 Mio. Einwohnern und somit möglichen Kunden als Teil solchen gemeinsamen Wirtschaftsraumes stellte Helge Masannek, Direktor für Recht, Steuern und Zölle der Schneider Group, heraus. Zentrale Kraft der EAEU sei Russland, das gegenwärtig jedoch unter einer strukturellen Krise, verschärft durch die westlichen Sanktionen, leide. Wobei der Rückgang des russischen Bruttoinlandsproduktes von 3,7% im vergangenen Jahr, laut russischen Regierungsangaben,  nur zu einem halben Prozent durch die Ausfuhrbeschränkungen des Westens verursacht wurde, zum überwiegenden Teil aber durch den Einbruch des Erdölpreises.

Diese beiden Faktoren zwingen allerdings Russland, konstatierte Masannek, Anstrengungen zur Entwicklung der eigenen Wirtschaft zu unternehmen, was zu Zeiten hoher Erlöse aus dem Verkauf fossiler Rohstoffe vernachlässigt worden war.

Im Gesetz „Über die Industriepolitik“ sind, wie er ausführte, die Grundrichtungen der Ökonomie für die kommenden Jahre definiert. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf dem Ausbau der verarbeitenden Zweige, sowohl im Maschinenbau, wie auch der Leichtindustrie, der Medizintechnik und der Arzneimittel-Herstellung. Der russische Staat unterstütze die Entwicklung dieser Bereiche durch den Abschluss von Investitionsverträgen. Eine weitere Säule der neuen Wirtschaftspolitik Russlands ist, wie Masannek erläuterte, die Ablösung von Importen in 19 durch einen Regierungserlass festgelegten Branchen. Hier böten sich, so der Spezialist für Wirtschaftsrecht, auch gute Marktchancen für westliche Unternehmen, die in der Russischen Föderation über eigene Produktionen verfügten. Als beispielhaft nannte er die VW-Gruppe, Bosch oder den Baustoffhersteller Knauf. Durch den aktuellen Rubelkurs seien für diese Unternehmen sogar Exporte aus den russischen Betriebsstätten wirtschaftlich interessant.

Neubau oder Kauf?

Für eine Ansiedlung seien dabei die über das ganze Land verteilten 24 Sonderwirtschaftszonen (SWZ) eine überlegenswerte Möglichkeit, da dort Steuervorteile und andere Vergünstigungen gewährt würden. Die SWZ erstrecken sich sowohl auf Industrie und Produktion, z.B. in den Zweigen Automobilbau, Metallurgie, Maschinenbau, Chemie, Baustoffe und Konsumgüter, aber auch auf den Bereich Hightech und Innovation, wie IT und  Nano- und, Biotechnologien sowie auf Logistik und Tourismus.

Auch die meist branchenorientierten Industrieparks, von denen es allein 23 in und um Moskau gibt, sind, nach Masanneks Worten, eine vorteilhaft für einen Start in Russland. Neben den beabsichtigten Synergieeffekten kann auch hier die Unterstützung durch die Behörden in Anspruch genommen werden. In den kommenden Jahren ist in dieser Region die Eröffnung weiterer 18 Industrieparks geplant.

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Wenn sich ein westliches Unternehmen entschließt, erklärte Masannek weiter, seine Produktion in Russland zu lokalisieren, stehen dafür im Wesentlichen zwei Möglichkeiten zur Wahl – entweder einen neuen Betrieb zu bauen oder ein bestehendes Werk zu kaufen. Wer einen Neubau in Betracht zieht, muss, wie der Rechtsanwalt erläuterte, für die Registrierung des Unternehmens als russische OOO, die einer GmbH entspricht, mit einem Zeitraum von drei bis vier Monaten rechnen, ein passendes Grundstück finden und eintragen lassen, sowie alle Hürden beim Bau des Werkes meistern. Wer sich in ein bestehendes Unternehmen einkauft, für den steht obenan eine sorgfältige Risikoprüfung – Due Diligence – gefolgt von der Entscheidung über  den Kauf von Einzelwerten eines Unternehmens (asset deal) oder eines Anteils an einer Gesellschaft (share deal). Daraus ergibt sich eine ganze Reihe von Fragen zu Steuern und Management, machte Masannek klar, die ohne Hilfe durch erfahrene Spezialisten vor Ort, wie der Schubert Group, kaum geklärt werden können. Sie leisten auch Unterstützung bei den Verhandlungen und später bei der Restrukturierung des erworbenen Betriebes. Wenn das neu gebaute oder gekaufte Unternehmen zum Produktionsstart bereit ist, stehen neben der Organisation des Produktionsprozesses und der Lieferkette Aufgaben in der Logistik, beim Zoll, in Buchhaltung und Berichtswesen, in der Personalauswahl, im IT-Bereich, bei deren Lösung die geltenden Gesetze eingehalten werden und eigene Rechtsansprüche durchgesetzt werden müssen.

IT eröffnet neue Perspektiven der Lokalisierung

Warum Russland auch ein interessanten IT-Standort ist, legte Thomas Titsch, Direktor für IT/ERP der Schneider Group dar. Sowohl der hohe Ausbildungsstand der russischen Informatiker, als auch eine günstige Kostenstruktur machen für westliche Unternehmen die Schaffung von IT-Centern in Russland durchaus attraktiv, stellte er fest. Titsch verwies auf die Expertise der Schneider Group bei der Einführung des Enterprise-Resource-Planning (ERP), also der Planung und Steuerung von Kapital, Personal, Betriebsmitteln, Material und IT-Systemen, in Unternehmen. Damit sei durch die Einführung von Industrie 4.0, d.h. die Verzahnung der industriellen Produktion mit modernster Informations- und Kommunikationstechnik in russischen Produktionsstätten, auch ein Management auch vom Firmensitz in Deutschland möglich.

Zum Abschluss der Konferenz ermutigte Ulf Schneider die Vertreter der über einhundert an einer Lokalisierung von Produktionen in Russland interessierten Unternehmen, der guten Absicht konkrete Taten folgen zu lassen.

[Gunnar Jütte/Hartmut Hübner/russland.RU]

Über den Autor

Hartmut Hübner
Gelernter und sogar diplomierter Journalist. Nachdem ich im Ergebnis einer Fahrt auf einem Riesenrad von meinem ursprünglichen Wunsch, Pilot zu werden, endgültig Abschied genommen hatte, beschloss ich als, „rasender Reporter“ aus der ganzen Welt zu berichten. Als „Mittagspausen-Notenkoch“ im Schulfunk und Volontär bei der Berliner Zeitung „Junge Welt“ begann meine journalistische Karriere, die sich nach dem Studium als Verantwortlicher für eine Zeitung im sächsischen Gesundheitswesen, Pressesprecher an der Leipziger Sporthochschule DHfK und Redakteur an der Leipziger Volkszeitung fortsetzte, bis ich mir einen Kindheitstraum erfüllte und ein freies Korrespondentenbüro in Moskau übernahm. Das war 1995 – und seither lässt mich Russland nicht mehr los.