Litauen: Realistische Kriegsübungen

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[Von Michael Barth] – Wenn man in einen ordentlichen Krieg ziehen will, sollte man vorher natürlich auch ordentlich üben. Und weil doch die baltischen Staaten, Litauen allen voran, gar so arg Angst vor den bösen Russen und dem noch viel böseren Putin haben, wollen die natürlich so richtig gut vorbereitet sein. Vorbereitet auf einen gemeinen Überfall durch die Horden aus dem Osten.

Darum hat man vorsichtshalber schon einmal alle seine Kameraden aus der NATO eingeladen, damit die auch einmal vor Ort sehen, wie man sich für so einen ordentlicher Krieg dort wappnet. Eigentlich ist er ja immer eine blöde Sache, vor allem für den, der ihn verliert. Zudem ist Krieg auch eine äußerst wackelige Angelegenheit, weil man sich quasi immer darauf einstellen muss, dass der Gegner genau das tut, was man nie von ihm erwartet hätte. Und wenn dann schon die Strategen gescheitert sind mit ihren Strategien, ja dann muss es halt das Fußvolk richten.

Vorausdenkend richtet man für so einem Fall dann sogenannte Truppenübungsplätze ein. Das ist so ähnlich wie bei den Pfadfindern, wenn die in ihr Feriencamp ziehen. Da können sich die Soldaten dann einmal nach Lust und Laune austoben und alles in die Praxis umsetzen, was sie so alles gelernt haben. Der Haken dabei ist allerdings, dass man in der Regel nur im Gelände übt. Was jetzt, wenn so ein feindlich gesonnener Feind einfach in eine Ansiedlung spaziert? Am Besten noch in eine, in der tatsächlich Menschen leben? In diesem speziellen Fall spricht man dann von einer sogenannten „urbanen Kriegsführung“.

Bei Pabrade, rund 50 Kilometer nordöstlich der litauischen Hauptstadt Vilnius und unweit der Weißrussischen Grenze gelegen, kann man diese „urbane Kriegsführung“ nun zur Genüge einstudieren. Kein simpler Truppenübungsplatz im herkömmlichen Sinn, kurz TÜP, ist hier entstanden, sondern gleich ein ganzes Dorf. Ein „Truppenübungsdorf“, wenn man so will. Die Übungen in dem eigens für militärische Zwecke errichteten Dorf „sollen der litauischen Armee helfen, die Heimat zu verteidigen und den Feind abzuwehren“, pries der litauische Verteidigungsminister Juozas Olekas das neue Übungsgelände erst kürzlich bei der Einweihung.

Abenteuerspielplatz zur Landesverteidigung

Selbstredend dürfen sich auf der 15 Hektar großen und rund fünf Millionen Euro teuren Anlage neben den Truppen Litauens auch ihre NATO-Verbündeten auf den großen Knall vorbereiten. Gebäude erstürmen und Tunnel effizient nutzen, Straßenzüge zurückerobern – der ganze Firlefanz eben. Die 60 Prozent der Litauer, die sich von der russischen Außenpolitik bedroht fühlen, dürften jetzt bestimmt gleich wieder viel ruhiger Schlafen, bei einer solch gut ausgebildeten, wenn auch teuren, Landesverteidigung.

In Bayerns mittlerem Osten hat man sich in der Zeit um 1950 nicht soviel Mühe gemacht extra ein Dorf dafür zu errichten. Damals haben die USA bei Hohenfels und Grafenwöhr kurzerhand seit dem 14. Jahrhundert vorhandene Oberpfälzer Gemeinden im ganzen Umkreis beschlagnahmt. Das war um etliches billiger für die US-Army, als dortige Besatzungsmacht und Hausherr, die beiden größten „Training-Areas“ Europas ins Leben zu rufen. Die geographische Lage ähnelt nicht von Ungefähr der in Litauen – Grenznah nach Osten. Nur dass der Feind der Oberpfalz damals über die ehemalige Tschechoslowakei hätte kommen sollen.

Heute wird das Idyll im Naherholungsgebiet durch weithin hörbaren Lärm geprägt. Schwere Transportmaschinen fliegen unablässig Nachschub in Gestalt von Soldaten und deren Gerät aus Rammstein ein, schweres Geschützfeuer ist, je nach Windrichtung, im Umkreis von bis zu 50 Kilometern zu vernehmen. Abhängig von der „Auftragslage“ an den verschiedenen Fronten können sich die Manöver oft wochenlang hinziehen. Die verlassenen Höfe und Häuser topographiert man seit der US-Amerikanischen Übernahme als „Wüstungen“.

Faktor für die regionale Wirtschaft

So abschreckend das kriegerische Szenario auch wirken mag, der heimischen Flora und Fauna ist das Übungsgelände mehr als zuträglich. Fernab von querfeldein laufenden Ausflüglern haben sich Arten behaupten können, die andernorts schon längst ausgestorben sind. Auch wäre die Region ohne die Truppenübungsplätze und den Amerikanern wirtschaftlich nahezu ausgestorben. Alleine in Grafenwöhr beschäftigt die US-Army 3.600 lokale Arbeitnehmer und zählt damit zu den größten Arbeitgebern in der sonst recht strukturarmen Gegend.

Ebenfalls nicht unterschätzt werden darf das Sekundärgeschäft mit den Militärangehörigen und deren Familienangehörigen, die in eigens für sie neu errichteten Siedlungen, den sogenannten „Housing Areas“, untergebracht sind. Die örtliche Gastronomie hatte sich daher schon bald und dementsprechend schnell der zahlungskräftigen Kundschaft angepasst. Auch dürften die Kenntnisse der englischen Sprache, zumindest so, wie sie von US-Amerikanern interpretiert wird, besonders bei den Oberpfälzer „Froileins“ in der Region eloquenter ausgeprägt sein, als sie eine lokale Schule jemals vermitteln könnte.

Für den TÜP Hohenfels kann man sich zudem als „Civilian of the battlefield“ (COB) casten lassen, um möglichst realistische Kriegsszenarien auf einer Fläche von 160 Quadratkilometern durchzuspielen. Der Krieg als Live-Rollenspiel, wenn man es so verharmlosend ausdrücken will. Ironischerweise nimmt daran jedoch nur teil, wer keines derjenigen Länder vorher bereist hat, die im Visier der USA stehen und mit einem Stundenlohn von etwa vier Euro bei einem 24-Stundentag einverstanden ist.

Allerdings muss die Bundeswehr, sofern sie den Übungsplatz für ihre eigenen Angelegenheiten nutzen will, ihr Scherflein an die US-Streitkräfte entrichten. Das bleibt dem litauischen Oberkommando soweit erspart. Der Truppenübungsplatz gehört als Liegenschaft dem litauischen Staat. Was zu hoffen bleibt ist einzig, dass, ähnlich wie im östlichen Mittelbayern, das Gelände mitsamt seiner Infrastruktur der örtlichen Bevölkerung zugute kommt. Die Litauer würden es wohl gebrauchen können.

[Michael Barth/russland.RU]

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Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.