Leben und Sterben in der Tschernobylzone

[Von Prof. Nesterenko aus Minsk / Belarus] Als es 1986 in Tschernobyl zur Katastrophe kam, war ich Direktor des „Institut für Kernenergetik der Akademie der Wissenschaft der Republik Belarus“.

In den Tagen nach der Nuklearkatastrophe war ich wie andere auch vor Ort am brennenden Reaktor, um das Schlimmste zu verhindern.

Zwischen dem 6. und dem 8. Mai hatten wir eigentlich damit gerechnet , dass es im Reaktor zu einer weit grösseren Explosion mit einer Gewalt von 3 – 5 Megatonnen kommen würde. Wenn das passiert wäre, dann hätte diese Explosion den Umkreis von 300 Kilometern rund um den Reaktor verwüstet.

Dazu ist es nicht gekommen. Auch dafür haben 800 000 Liquidatoren (Katastrophenhelfer) am Reaktor und in den belasteten Regionen, ohne es zu wissen, ihre Gesundheit riskiert und tausendfach geopfert.

Als ich am 9. Mai auf dem Bahnhof von Gomel gesehen habe, wie tausende von Kindern, viele davon weinend, von ihren Eltern getrennt und evakuiert wurden war mir klar:
Tschernobyl war nicht nur eine Katastrophe für die Welt, sondern auch meine persönliche Lebenskatastrophe. Ich hatte bis dahin für die Atomkraft gelebt, aber sie wird immer zu gefährlich sein.

1992 habe ich das unabhängige Institut für Strahlensicherheit „BELRAD“ gegründet, um den Menschen zu helfen und die Wahrheit über die Folgen von Tschernobyl herauszufinden.

Wie aber sehen die Folgen von Tschernobyl aus? Was ist die Wahrheit? Mehr als 23% der Fläche Weißrusslands (mehr als 46,5 Tausend km²) wurden nach der Katastrophe von Tschernobyl der Verseuchung von über 1 Ci/m² ausgesetzt. Über 2 Mio Menschen, darunter 500 000 Kinder, waren und sind noch heute betroffen.

Im Laufe der Jahre wurden 135 000 Menschen evakuiert und 260 Tausend Hektar Boden aus der Bodennutzung genommen.

Ein Großteil der langlebigen Radionuklide akkumulierte sich in der oberen Bodenschicht und gelangt so nach wie vor über die Nahrungskette tagtäglich in den Menschen.

Über 90% der Strahlung nehmen die dort lebenden knapp 2 Mio. Menschen heute und in den nächsten Jahrzehnten durch die Nahrungsmittel zu sich.

Bei gleicher Ernährung von Erwachsen und Kindern akkumulieren Kinder eine 3-5mal höhere Dosisbelastung, da sie weniger wiegen und die Wechselprozesse im Kinderkörper aktiver verlaufen. Darum sprechen wir von den „Kindern von Tschernobyl“, die besonders unsere Hilfe brauchen.

Seit 1990 messen wir den Cäsium-137 Gehalt in den Nahrungsmitteln der Bevölkerung in möglichst vielen Dörfern.

In 1100 Dörfern ist die Milch so stark belastet, dass Kinder sie eigentlich nicht trinken dürften.

Besonders stark belastet sind Pilze, Beeren, Wildfleisch und Fisch.

Seit 1995 sind wir mit Messstühlen, die wir in Kleinbussen instaliert haben, in den belasteten Dörfern unterwegs. Mit ihnen können wir die Cäsium-137 Strahlenbelastung der Kinder feststellen.

Die Messungen zeigen den Grad der Cäsium 137 Akkumulation im Körper. 15 – 20 % der Kinder haben eine Strahlenbelastung von über 100 Becquerel (Bq) pro Kilogramm Körpergewicht.

Sogar in Minsk, 320 km von Tschernobyl entfernt, weisen die Messungen eine Akkumulation von Cäsium-137 im Körper der Kinder in 20 von uns untersuchten Schulen nach. Nur bei 10% der Kinder ist der Gehalt von Cäsium-137 unter 5-7 Bq/kg geblieben, die maximalen gemessenen Werte betrugen jedoch 700-900 Bq/kg.

Medizinische Untersuchungen wiesen nach, dass die hohen Akkumulationswerte von Cäsium-137 im Körper der Kinder die Ursache ihrer starken Gesundheitsverschlechterung sind. Ab einer Belastung von 30 – 50 Bq/kg muss mit Pathologien der Organe gerechnet werden. Die Nieren werden geschädigt. Das Immunsystem wird geschwächt, das Nervensystem wird angegriffen. Kinder im Alter von 12 Jahen leiden unter Bluthochdruck. Gastritis ist bei den Kindern häufig festzustellen und es besteht eine grosse Gefahr Magendarmkrebs zu bekommen. Eine hohe Cäsiuimbelastung kann zum Grauen Star und zur Sklerose der Blutadern im Auge führen.

Nach offiziellen Angaben hat sich in Weißrussland die Anzahl der gesunden Kinder von 85% (im Jahr 1985) auf 20% (im Jahr 2000) verringert. Unsere Untersuchungen bestätigen dies.

Da Befürworter der Atomkraft oft ökonomisch argumentieren, auch hierzu eine Zahl.

Der wirtschaftliche Schaden, der Weißrussland infolge der Tschernobyl-Katastrophe entstanden ist, übersteigt die Summe von 235 Mrd. US – Dollar. Dies entspricht 32 nationalen Jahreshaushalte der damaligen Sowjetrepublik Weißrussland des Jahres 1985.

Unter den Folgen von Tschernobyl leiden in Weißrussland, Russland und der Ukraine insgesamt 5 Mio. Menschen, obwohl die Gebiete rund um den Reaktor nicht dicht besiedelt waren. In Deutschland ist die Bevölkerungsdichte ungefähr 5 – 10 mal höher. Bei einem vergleichbaren Unfall ist davon auszugehen, dass 25 – 50 Mio. Menschen direkt betroffen wären.