Kreml und Telegram setzen ihr digitales Armdrücken fort

Kreml und Telegram setzen ihr digitales Armdrücken fort

Der Kreml und Telegram ringen weiter um die Zukunft des Messengerdienstes in Russland. Nach Angaben von Präsidentensprecher Dmitri Peskow bestehen Kontakte zu Telegram, um den vollständigen Zugang zu der Plattform wiederherzustellen. Große Gesprächsbereitschaft erkenne die russische Seite bei dem Unternehmen bislang jedoch nicht.

„Die Kontakte gibt es, aber bisher gibt es keine große Aktivität seitens des Messengers“, sagte Peskow am Montag. Welche konkreten Forderungen Telegram erfüllen soll und auf welcher Ebene die Gespräche stattfinden, erläuterte er nicht.

Die Wortwahl ist bemerkenswert: Moskau spricht inzwischen nicht mehr nur von technischen oder regulatorischen Einschränkungen, sondern von einer möglichen „Wiederherstellung des Zugangs“. Damit bestätigt der Kreml indirekt, dass die seit Monaten anhaltenden Probleme politisch gewollt und an Bedingungen geknüpft sind.

Russlands Medienaufsicht Roskomnadsor hatte die Arbeit von Telegram schrittweise eingeschränkt. Bereits im Sommer 2025 wurden Sprach- und Videoanrufe beeinträchtigt. Anfang 2026 verschärfte die Behörde die Maßnahmen. Als Begründung nennt sie Verstöße gegen russische Gesetze und eine unzureichende Zusammenarbeit bei der Bekämpfung illegaler Inhalte.

Peskow hatte im März erklärt, Telegram könne eine vollständige Sperrung vermeiden, wenn das Unternehmen in einem „flexiblen Kontakt“ mit den russischen Behörden bleibe und deren gesetzliche Forderungen erfülle. Die jüngste Äußerung lässt darauf schließen, dass Moskau diese Voraussetzung weiterhin nicht als erfüllt betrachtet.

Reichweite von Telegram halbiert

Die Einschränkungen haben die Nutzung bereits deutlich verändert. Nach Daten der russischen Mediengruppe „Rodnaja Retsch“ sank die tägliche Reichweite von Telegram zwischen Januar und Mai 2026 um 49,4 Prozent auf 40,25 Millionen Nutzer.

Auch WhatsApp verlor 43 Prozent und erreichte zuletzt noch 25,6 Millionen Menschen täglich. Gleichzeitig wichen Teile des Publikums auf andere, teilweise bereits seit Jahren blockierte Dienste aus. Die tägliche Reichweite von Instagram stieg um 19 Prozent auf 7,4 Millionen, die von Discord um 21 Prozent auf 1,1 Millionen. Threads legte von einem niedrigen Ausgangsniveau sogar um 88 Prozent auf rund 301.000 Nutzer zu.

Die Zahlen sind allerdings mit Vorsicht zu betrachten. Viele Russen verwenden VPN-Dienste oder andere technische Hilfsmittel, weshalb sich die tatsächliche Nutzung ausländischer Plattformen nur schwer messen lässt. Zudem bedeutet eine geringere tägliche Reichweite nicht zwangsläufig, dass die Nutzer Telegram vollständig aufgegeben haben. Viele öffnen den Dienst seltener oder verwenden ihn nur noch für bestimmte Nachrichtenkanäle und Kontakte.

Dafür spricht auch der Werbemarkt. Trotz der technischen Einschränkungen stiegen die Werbeausgaben bei Telegram im Mai gegenüber dem April um elf Prozent. Die verbliebene Nutzerschaft gilt für Unternehmen und politische Akteure weiterhin als besonders wertvoll.

Druck zugunsten des russischen Messengers Max

Parallel zu den Einschränkungen ausländischer Dienste fördert die Regierung den russischen Messengerdienst Max. Peskow selbst hatte die Bevölkerung bereits zum Wechsel auf die heimische Plattform aufgefordert. Max soll nicht nur Kommunikation ermöglichen, sondern langfristig auch staatliche Dienstleistungen, digitale Identitätsnachweise und Bezahlfunktionen bündeln.

Telegram lässt sich für den Kreml jedoch nicht ohne Weiteres ersetzen. Der Dienst ist nicht nur bei privaten Nutzern verbreitet, sondern dient Behörden, Politikern, Militärbloggern und staatlichen Medien als wichtigster schneller Informationskanal. Auch die Kommunikation aus den Kampfgebieten in der Ukraine läuft zu großen Teilen über Telegram.

Darin liegt das eigentliche Kräfteverhältnis des Armdrückens: Der Staat kann Telegram technisch schwächen, ist aber zugleich auf dessen Infrastruktur und Reichweite angewiesen. Telegram wiederum verliert durch die Einschränkungen Millionen tägliche Nutzer, muss sich aber bislang nicht vollständig den Forderungen Moskaus unterwerfen.

Schon zwischen 2018 und 2020 hatte Russland versucht, Telegram wegen dessen Weigerung zu sperren, dem Geheimdienst FSB Zugriff auf verschlüsselte Kommunikation zu ermöglichen. Die Blockade blieb technisch weitgehend wirkungslos und wurde schließlich aufgehoben. Der gegenwärtige Versuch ist gezielter: Statt einer abrupten Vollsperrung setzt Moskau auf schrittweise Drosselung, wirtschaftlichen Druck und den parallelen Aufbau einer staatlich kontrollierbaren Alternative.

Peskows jüngste Bemerkung klingt deshalb weniger nach einer bevorstehenden Einigung als nach einer öffentlich ausgesprochenen Aufforderung: Telegram könne seine vollständige Funktionsfähigkeit zurückerhalten – wenn das Unternehmen sich stärker bewege.

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