Kosmodrom Wostotschny: Start im zweiten Anlauf geglückt

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[Von Lothar Deeg] – Na bitte, geht doch: Mit einem Tag Verzögerung ist heute der erste Raketenstart von Russlands neuem Raumfahrtbahnhof erfolgreich über die Bühne gegangen. Präsident Putin stauchte allerdings anschließend die Verantwortlichen heftig zusammen.

Um 5.01 Uhr, genau 24 Stunden nach dem ersten geplanten Starttermin, hob die Sojus-2.1a-Rakete mit drei russischen Satelliten an Bord von dem neu errichteten Kosmodrom im fernöstlichen Amur-Gebiet ab. Etwa zwei Stunden später wurden die Satelliten in etwa 500 Kilometer Höhe im Weltall abgekoppelt.

Insofern lief alles glatt – und über die russischen Nachrichtenagenturen liefen die üblichen gegenseitigen offiziellen Gratulationen zum erfolgreichen Jungfern-Start auf der sündteuren und skandalumwitterten Großbaustelle. Auch Putin sprach zunächst davon, die Spezialisten in Wostotschny könnten stolz auf ihre Leistung sein. Am Vortag habe es eben „die Technik zu gut gemeint“ und den Start abgebrochen, aber so etwas komme eben vor, beschwichtigte Putin.

Der Chef ist nicht amüsiert: Putin diszipliniert die Raumfahrt-Bosse

Der Präsident hatte nach dem Startabbruch beschlossen, bis zum Ersatz-Starttermin noch einen Tag im Amur-Gebiet zu bleiben – und für den Fall, dass die Startpanne auf „Schlamperei“ zurückzuführen sei, bei der Aufarbeitung dabei zu sein.

Deshalb klang der Präsident dann auch ganz anders, als er gleich nach dem erfolgreichen Start seine Spitzenbeamten zu einer Besprechung in ein Häuschen neben dem Beobachtungspunkt rief, berichtet der Korrespondent der Zeitung „Kommersant“: Nicht die Tatsache, dass am Vortag der Start von einer Sicherheitsautomatik abgebrochen worden war, sondern die zwischenzeitlich geklärten Gründe für diesen Abbruch hatten brachten den Kreml-Chef auf die Palme. Der Leitcomputer hatte die Meldung erhalten, dass ein Treibstoffventil defekt sei. Mit dem Ventil war aber alles in Ordnung, der Defekt steckte in dem Kabel, über das die Funktionsmeldung lief.

Wegen diesem erneuten Beispiel für Raumfahrt-Pfusch kassierte der für den Raumfahrtsektor zuständige Vize-Premier Dmitri Rogosin von Putin einen Verweis. Roskosmos-Chef Ilja Komarow bekam einen strengen Verweis und der Chef jenes Jekaterinburger Staatsunternehmens, das das defekte Kabel geliefert hatte, eine „Verwarnung wegen Vernachlässigung der Dienstpflichten“ – was nicht gerade karrierefördernd klingt.

Pudding geglückt, Bügeleisen im All

Danach war Putin wieder besser aufgelegt – gratulierte allen rundum und glänzte mit einem originellen Vergleich: „Um die Qualität eines Puddings zu prüfen, muss man ihn essen. Und um die Eignung eines Kosmodroms zu bestätigen, muss man einen ersten Start durchführen.“

Nachdem am Vortag bereits ein Sprecher der russischen Raumfahrtagentur die Komplexität, aber auch die Defektanfälligkeit von Weltraumraketen mit einem Haushaltsgerät in Vergleich gesetzt hatte, wissen wir nun, dass die russische Raumfahrt eben auch kniffligste Aufgaben lösen kann, vorausgesetzt, sie bekommt genug Geld. Wer sonst kann schon mittels eines Puddings ein Bügeleisen ins Weltall befördern?

[Lothar Deeg/russland.RU]

Über den Autor

Lothar Deeg
Lothar Deeg geboren 1965 und gebürtig aus Bad Mergentheim. 1991 infizierte ich mich als frisch gebackener Diplom-Journalist auf einer Reise nach Wladiwostok mit dem Russland-Virus. Rudimentär mit VHS-Russischkenntnissen ausgestattet hängte ich 1994 meinen Redakteursposten beim „fliegermagazin“ an den Nagel und siedelte von München nach St. Petersburg um. Dort schreibe ich seitdem als freier Journalist über alles, was mir aus Stadt und Land berichtenswert erscheint – unter anderem als Korrespondent des epd und des Logistik-Fachblatts „Verkehrsrundschau“. Momentan arbeite ich an meinem dritten und vierten Reiseführer über St. Petersburg. Meine Lieblingsjobs sind aber Städte- und Personenporträts für das Bordmagazin der Airline Swiss.