KI an russischen Schulen: „Repressionen helfen nicht“

KI an russischen Schulen: „Repressionen helfen nicht“

Russlands Menschenrechtsratschef Waleri Fadejew warnt vor den Folgen eines unkontrollierten Einsatzes Künstlicher Intelligenz im Unterricht. Verbote hält er jedoch für aussichtslos: Schulen müssten sich vielmehr grundlegend verändern.

Der Vorsitzende des Menschenrechtsrats beim russischen Präsidenten, Waleri Fadejew, hat vor einem Verlust grundlegender Fähigkeiten bei Schülern durch den breiten Einsatz Künstlicher Intelligenz gewarnt. Wenn man die Entwicklung einfach laufen lasse, könnten Kinder bald „das Rechnen verlernen“, sagte Fadejew nach Angaben russischer Medien bei einer Pressekonferenz zum Einsatz von KI im russischen Bildungswesen. Schon heute könnten viele Schüler „nicht besonders gut rechnen“ und erst recht nicht mehr von Hand schreiben.

Nach Darstellung Fadejews liegt das Problem nicht darin, dass KI existiert, sondern darin, dass Schüler inzwischen praktisch jederzeit „in der Tasche“ eine fertige Antwort auf fast jede Frage hätten. Daraus folge nicht, dass man den Einsatz von neuronalen Netzen einfach verbieten könne. RBC zitierte Fadejew mit der Einschätzung, „Repressionen“ würden hier nicht helfen: Der Einsatz von KI durch Schüler sei faktisch nicht mehr zu unterbinden.

Stattdessen müsse das russische Bildungssystem tiefgreifend umgebaut werden. Fadejew sieht dabei nicht weniger, sondern eher mehr Bedarf an Lehrkräften. In den Vordergrund rücke die persönliche Kommunikation zwischen Lehrer und Schüler – also genau jener Bereich, den ein Chatbot nicht ersetzen könne.

Auch die Prüfungsformen könnten sich ändern. Fadejew sprach sich dafür aus, über eine Rückkehr mündlicher Prüfungen nachzudenken. Schriftliche Tests oder standardisierte Aufgaben könnten immer weniger zuverlässig zeigen, ob ein Schüler den Stoff wirklich verstanden habe. Mündliche Prüfungen erlaubten es dagegen eher, selbständiges Denken, Argumentieren und Verständnis zu überprüfen.

Die Debatte fällt in eine Phase, in der Russland KI nicht aus der Schule fernhalten, sondern ausdrücklich in den Unterricht holen will. Bildungsminister Sergej Krawzow hatte im Mai angekündigt, dass russische Schüler ab dem Schuljahr 2026/27 im Rahmen des vertieften Informatikunterrichts ein neues Profil „Künstliche Intelligenz“ kennenlernen sollen. Das Thema sei zuvor in die Informatik-Olympiade aufgenommen worden und habe sich dort als besonders gefragt erwiesen.

Damit zeigt sich ein Widerspruch, der nicht nur Russland betrifft: Einerseits gilt KI als strategische Zukunftstechnologie, die Schüler beherrschen sollen. Andererseits stellt sie klassische Formen von Hausaufgaben, Tests und schriftlichen Leistungsnachweisen infrage. Fadejews Botschaft lautet daher nicht: KI raus aus der Schule. Sondern: Schule muss wieder stärker prüfen, ob Kinder noch selbst denken, rechnen, schreiben und erklären können.

Für Russland hat die Debatte zusätzlich eine politische Note. Wenn ausgerechnet der Chef des präsidentennahen Menschenrechtsrats vor einer rein administrativen Antwort warnt, klingt das fast ungewohnt liberal: Nicht verbieten, sondern Bildung neu organisieren. In einem Land, das digitale Kontrolle sonst eher als naheliegendes Mittel betrachtet, ist das zumindest ein bemerkenswerter Akzent.

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