(K)ein ganz normales Fußballspiel

Abbildung: CC0 Public Domain via PixabayAbbildung: CC0 Public Domain via Pixabay
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Antalya – Das Freundschaftsspiel der Türkei gegen Russland war eine jener merkwürdigen Begegnungen, bei der der sportliche Aspekt unter ferner liefen rangierte. Zu sehr wurden binnen kürzester Zeit die Beziehungen der beiden Nationen durch politische Aspekte getrübt, als dass man einfach nur sportive Kurzweil an der türkischen Riviera erwartet hätte.

Ja ja, die sonnige Südkiste der Türkei – sie hat wahrlich schon bessere Zeiten gesehen, als an jenem Mittwoch Abend, an dem sich gerade mal eine gefühlte handvoll Russen in der Antalya-Arena einfand. Noch bis zum Sommer des Vorjahres haben sie sich hier mit weit über fünf Millionen Urlaubern breit gemacht. Die Badestrände und die Hotelressorts in Beschlag genommen, dass sich die deutschen Touristen pikiert verdrängt sahen, aus ihrem „all-inclusiv“-Ferienidyll. Sogar die hartgesottenen Briten bekamen weiche Knie, als sie sich beim enthemmten Alkoholkonsum den Russen beugen mussten.

Die Türken rieben sich vor Freude die Hände, als die Russen bei ihnen einfielen und mit Geld um sich warfen, als gäbe es kein Morgen mehr. Denn, genauso ist es gekommen. Seit November letzten Jahres gab es tatsächlich kein Morgen mehr, nachdem die Regierung in Ankara einen russischen Kampfjet über syrischem Gebiet abschoss. Im Kreml war man zu Recht erbost und für die Türkei war es plötzlich aus mit all der russischen Herrlichkeit. Die Russen waren sauer und reagierten dementsprechend.

Von heute auf Morgen blieben die Russen weg

Moskau sanktionierte türkische Exportprodukte, die Touristen blieben aus, Die Türkei erwachte plötzlich aus diesem Traum von tausendundeiner Nacht und verspürte mit einem Mal wie es sich anfühlt, wenn man komplett isoliert ist, gemieden wird. Der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdoğan war mehr als im Zugzwang und entschuldigte sich, wenn auch mit gut einem halben Jahr Verspätung, beim russischen Präsidenten, wohlweislich in der Hoffnung, dass der allerletzte Zug nicht auch noch abgefahren sei.

Schließlich muss sich die Türkei nun an irgendjemanden anschmiegen, nachdem sie bei der EU auf ein Neues abgeblitzt ist und ihre undurchsichtige Rolle im Polit-Poker um Syrien nicht endgültig geklärt. Jetzt sollte es also ein „Freundschaftsspiel“ richten, um eine neue Grundlage für das bilaterale Verhältnis der beiden Länder zu schaffen. Der türkische Kniefall vor Wladimir Putin dürfte dabei schwerer wiegen, als die russische Zusage zu dem Spiel. Putin kann es sich leisten, das Spiel aus der Ferne zu betrachten. Vielleicht war es ihm auch nur zu viel der plötzlichen „Freundschaft“.

Aus der Nähe ansehen musste sich die Partie das allerdings der neu ins Spiel gekommene Trainer Stanislaw Tschertschessow. Nicht nur dass es die erste Zerreißprobe mit der Sbornaja für ihn war, es war auch eines der wenigen Testspiele vor der Generalprobe für die heimische WM 2018, dem ConFed-Cup. Als allererste Amtshandlung hatte Tschertschessow erst einmal den pomadigen Kader der Europameisterschaft ausgemistet. Da war jetzt nicht so viel mit Freundschaft, denn durch die Umstrukturierung verblieb lediglich ein knappes Dutzend der EM-Veteranen im Kader, an denen sein Vorgänger Leonid Sluzki eisern festhielt. Nun sollen es, wie schon längst gefordert, Jüngere richten.

Dubioses „Freundschaftsspiel“ wie vom Teppichhändler

Für die Zeitung „Rossijskaja Gaseta“ erinnert das an die umfassenden politischen Reformen der 80-er Jahre in der Sowjetunion und schrieb von einer Periode der „totalen Perestroika“. In etwa kommt das ja auch hin. Zum Neuanfang nach dem desolaten Vorrunden-Aus bei der EM-Endrunde in Frankreich wurden gerade noch fünf Spieler für die Partie bestellt. Darunter auch der Ex-Schalker Roman Neustädter, der ab der 67. Minute zum Einsatz kam. Auf dem 28-jährigen, dem man eine Führungsrolle anvertrauen möchte, lasten die großen Hoffnungen, das für Russland immens wichtige Turnier im eigenen Land nicht auch noch zu verpatzen.

Am Ende steht ein symbolisches 0:0 Unentschieden in einem sehr symbolischen Spiel vor symbolischen 30.000 Zuschauern in den Annalen verewigt, dessen sportlicher Wert genauso symbolisch war, wie die politische Tragweite. Das schmetternde „Kalinka“ das aus den Stadionlautsprechern dröhnte und das euphorische „Es lebe die türkisch-russische Freundschaft“ des Stadionsprechers unterstrich diese gewisse Peinlichkeit der türkischen Politik, die eher wenig „freundschaftlich“ hinterlassenen Scherben wieder zu kitten. „Liebesgrüße aus Antalya“, der spöttische Unterton der Moskauer Presse war kaum zu überhören.

Herzlich wenig Wert auf Symbolik legte indes Stanislaw Tschertschessow. Der 52-jährige, der in seiner aktiven Zeit dereinst für Dynamo Dresden das Tor hütete, hat noch eine schwere Aufgabe vor sich. Weitgehend zufrieden sei er nach dem mäßigen Remis mit seiner Mannschaft gewesen, sagte er artig zu den Medienvertretern, auch wenn sie den geforderten Killerinstinkt vermissen ließ. „Wir haben genug Spieler, die treffen können“, resümierte er nach dem Spiel, auch wenn da ein Funken Verzweiflung der Vater des Gedanken gewesen sein mag.

Der Stich ins Herz bei der „EURO 2016“ hat mächtige Spuren am Stolz der Sportnation Russland hinterlassen. Nicht nur die Sportstätten für die Heim-WM 2018 sind größtenteils noch Baustellen mit ungewissem Ausgang, sondern auch die „Sbornaja“ steht unter dem Druck der Erwartungen. Schon fast psychologisch wirkt da der Kommentar des „Sport-Express“: „Gebt dem Land einen Grund, euch zu lieben. Gebt ihm einen Grund, stolz zu sein“. Auch spart die Zeitung nicht mit dem Hinweis auf die terminelle Brisanz: „Ihr habt zwei Jahre dafür. Die Zeit läuft!“

Nach dem Spiel standen sie dann – ganz im Sinne von Sportminister Witali Mutko, der betonte „Unsere Beziehungen normalisieren sich, die Einschränkungen werden aufgehoben“ – einträchtig nebeneinander, die türkischen und die russischen Fans. Fast mag man da so etwas wie „Freundschaft“ herausgelesen haben. Mehr als ein „Freundschaftsspiel“ wird dagegen sicherlich Tschertschessows Heimpremiere sein. Die Begegnung gegen Ghana, immerhin eine der erfolgreichsten Fußballnationalmannschaften Afrikas, am kommenden Dienstag in Moskau wird zu einem „echten“ Test für die „Sbornaja“. Diesmal hoffentlich mit gutem sportlichen Ausgang.

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.