Jodeln auf Russisch

Foto: RitaE CC0 Creative Commons via Pixabay
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Die Russen mögen sie, die bayrische Gemütlichkeit. Tradition, Geselligkeit, deftiges Essen und vor allem gutes Bier. Da gerät der Bierzeltbesuch schnell zum Event, wenn geschunkelt wird und auf den Tischen getanzt. Für Russen gehört da natürlich auch das Jodeln dazu. Eventuelle Textunsicherheit wird kurzerhand mit der nächsten Maß kaschiert – Hauptsache bayrisch, Hauptsache gemütlich. Auch wenn es im fernen Moskau ist.

Echt boarisch auch in Moskau also. Eine zünftige Jodelgruppe in der Krachledernen begeistert seit nunmehr zehn Jahren das Feiervolk in der russischen Hauptstadt. „Bawarskaja Karussell“ tinglen mit bayrischen Volksmusik durch ganz Russland und füllen sogar kleinere Konzerthallen im fernen Sibirien. Die Stimmung ist ausgelassen, das Motto ist Programm. Das Bayrische Karussel vermittelt den Russen ein Bild von deutscher Offenheit, wie sie sie selten zu Gesicht bekommen. Überhaupt, man erwartet von den Deutschen Gründlichkeit und Ordnung. Die Wenigsten können sich deshalb vorstellen, dass die Deutschen auch derart ordentlich und gründlich aus sich herausgehen können.

Deutsch spricht aus der Trachtlertruppe nur etwa die Hälfte. Das sei aber auch nicht wichtig, sagt Natalia Lugowkina gegenüber der deutschen Nachrichtenagentur dpa. „Die meisten wollen mitschunkeln und verstehen, warum die Deutschen so gut feiern können“, sagt sie. Für andere sei es einfach nur so etwas wie Urlaub. Sie freuen sich, da die Reisen für Russen nach Europa inzwischen doch recht teuer geworden sind. Und so mancher unter ihnen war ja bereits einmal auf der Wiesn in München dabei. Ein Zaungast aus Stuttgart findet es ebenfalls toll, was „Bawarskaja Karussell“ in ihrer Heimat da veranstalten. „Das ist doch mal etwas Anderes, etwas Kreatives und Mutiges, dass Russen mit fremden Gebräuchen trotzdem so eine Stimmung machen“, wird er von der dpa zitiert.

Für die Mitglieder der Folkloregruppe, einige sogar mit einem deutschen Ast im Stammbaum, ist es jedoch harte Arbeit, die hinter ihren Auftritten steckt. Es sei ja schließlich etwas Ungewöhnliches, dass es so in Russland nirgends gebe, erklärt Natalia Lugowkina. Zu Videos aus dem Internet hätten die Musiker mit stundenlangen Übungen ihre Jodelkunst trainiert. Bis zur Perfektion, wie Lugowkina findet. Die richtige Atemtechnik, die dazugehörige Melodie und vor allem die Ausdauer, eben alles was dazgehört. Ein ganz besonderes Highlight war für sie der Auftritt beim „Oktoberfest“ der Außenhandelskammer in der Moskauer deutschen Botschaft. Dort haben sie dann alle ausgelassen miteinander gefeiert – die Russen und die Deutschen.

Mittlerweile sollen laut Lugowkina weitere bayrische Folkloregruppen in Russland existieren. Mit urigen deutschen Liedern sorgen sie in ortsansässigen Nachtclubs für Stimmung. „Made in Germany ist eine Marke, die Menschen stehen einfach drauf“, weiß sie.

[mb/russland.NEWS]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.