Isaak-Kathedrale: Vom Museum zur Kirche

Foto: © Lothar Deeg/russland.RU
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Die Isaak-Kathedrale, der Koloss unter den historischen Gebäuden der St. Petersburger Innenstadt, wird an die russisch-orthodoxe Kirche übergeben. Die Entscheidung des Gouverneurs wird in der Stadt heftig kritisiert, ist aber wohl unabänderlich: Ein auf zwei Jahre ausgelegter Zeitplan für die Übergabe steht bereits.

Bisher wird die Isaak-Kathedrale vom gleichnamigen städtischen Museum betrieben – das mit den Eintrittsgeldern auch alle laufenden Kosten für den Unterhalt und die ständig laufenden Renovierungen erwirtschaftet: Mit 3,9 Millionen Besuchern jährlich gehört das gewaltige Gotteshaus – mit seiner Aussichts-Kolonnade in 43 Meter Höhe – zu den Hauptattraktionen St. Petersburgs.

Nun wird sich vieles in und um die Kathedrale ändern: Zwar zieht sich der von der Stadtverwaltung und der Kirche bereits vereinbarte Übergabeplan über zwei Jahre hin, aber inoffiziell hat Gouverneur Georgij Poltawtschenko die Order ausgegeben, dass bis zum nächsten Jahreswechsel die Kirche sich bereits als Hauherrin im größten Sakralbau der Stadt fühlen kann.

Bislang führte die russisch-orthodoxe Kirche dort eine Art Untermieter-Leben: In Absprache mit dem Museum konnte sie in einem Seitenflügel zweimal täglich Gottesdienste abhalten, die Gläubigen hatten dazu über einen separaten Eingang freien Eintritt. Der Andrang auf das Gotteshaus, das 10.000 Menschen fassen kann, hielt sich dabei bisher in Grenzen: Wie ein Museumsmitarbeiter der Webseite fontanka.ru sagte, kamen an Werktagen etwa 10 bis 20 und zu den Sonntagsmessen etwa 100 Besucher.

Der Patriarch erweichte den Smolny

Dennoch legt die Kirche aus prinzipiellen Gründen großen Wert auf die Rückübertragung der Kathedrale. Ein entsprechendes Gesetz erlaubt ihr, entsprechende Wünsche bei den Behörden geltend zu machen. Als allerdings im Herbst 2015 der Petersburger Metropolit Warsonofij bereits einmal beim Smolny die Übergabe der Issaak-Kathedrale beantragte, lehnte der als sehr kirchennah geltende Gouverneur Poltawtschenko noch ab: Es handele sich bei dem Museum in der Kathedrale schließlich um ein einträgliches Wirtschaftsunternehmen und eine Kulturinstitution , die den Unterhalt des riesigen Gebäudes selbst bestreite. Die Kirche könne hingegen nicht verlässlich darlegen, wie sie finanziell die Pflege der Kathedrale bestreiten könne. Diese Position vertrat damals auch das russische Kulturministerium.

Keine anderthalb Jahre später ist diese Position ad acta gelegt – warum eigentlich, ist aus den Stellungnahmen des Smolny nicht herauszulesen. Der einzige wesentliche Unterschied war nur, dass im Dezember mit Patriarch Kyrill das Kirchenoberhaupt persönlich die Stadt um die Übergabe gebeten hat.

Stadt bleibt Eigentümerin, doch die Opposition protestiert

Die jetzt getroffenen Vereinbarungen sehen vor, dass der Russisch-Orthodoxen Kirche die Kathedrale für 49 Jahre zur unentgeltlichen Nutzung übergeben wird. Formell bleibt das als UNESCO-Kulturdenkmal registrierte Gebäude also im städtischen Besitz. Auch die Ikonen und sonstigen Objekte im Innern der Kirche verbleiben offiziell beim Museum, die Kirche wird in einem Vertag zu deren Erhalt und Pflege verpflichtet. Die laufenden Betriebskosten wird die Kirche übernehmen, die bisher vom Museum getragenen Kosten für Restaurierungen muss aber die öffentliche Hand übernehmen.

Allein schon dieser Umstand mobilisiert jetzt Oppositionskräfte und Kirchenkritiker, eine Unterschriftensammlung gegen die Übergabe wurde gestartet, Demonstrationen angekündigt. Ein Bündnis dreier demokratisch orientierter Fraktionen im Stadtparlament will versuchen, die Verkirchlichung noch aufzuhalten. Ihrer Meinung hat das Stadtoberhaupt mit einem Federstrich ein seit Jahrzehnten bestehendes, dem Staat keinerlei Kosten verursachendes Museum zerschlagen und bürdet dem Stadthaushalt unkalkulierbare zusätzliche Belastungen auf. Auch wird bezweifelt, ob die Kirche als neue Hausherrin viele der Kulturprogramme des Museums aufrecht erhalten wird: So finden jetzt am Ruhetag der Kathedrale spezielle Führungen für Blinde statt, die so auf adäquate Weise das gigantische Bauwerk ebenfalls kennenlernen können.

Eintritt in Zukunft kostenlos

Für Touristen und Stadtbewohner dürfte die Übertragung hingegen vorteilhafte Folgen haben: Bisher muss man 250 Rubel Eintrittsgeld bezahlen, um die Kirche besichtigen zu können. Dies wird entfallen – ihre Gotteshäuser seien grundsätzlich frei für jedermann zugänglich, so die Kirchenverwaltung. Auch werde es weiterhin Museumsaspekte und Führungen in der Kathedrale geben und auch die Kolonnade soll weiterhin zugänglich bleiben – nunmehr allerdings gegen einen als Spende deklarierten Betrag.

[ld/russland.RU]

Über den Autor

Lothar Deeg
Lothar Deeg geboren 1965 und gebürtig aus Bad Mergentheim. 1991 infizierte ich mich als frisch gebackener Diplom-Journalist auf einer Reise nach Wladiwostok mit dem Russland-Virus. Rudimentär mit VHS-Russischkenntnissen ausgestattet hängte ich 1994 meinen Redakteursposten beim „fliegermagazin“ an den Nagel und siedelte von München nach St. Petersburg um. Dort schreibe ich seitdem als freier Journalist über alles, was mir aus Stadt und Land berichtenswert erscheint – unter anderem als Korrespondent des epd und des Logistik-Fachblatts „Verkehrsrundschau“. Momentan arbeite ich an meinem dritten und vierten Reiseführer über St. Petersburg. Meine Lieblingsjobs sind aber Städte- und Personenporträts für das Bordmagazin der Airline Swiss.