In Russland ist die Lage mit Auszeichnungen für Teilnehmer des Kriegs gegen die Ukraine offenbar außer Kontrolle geraten. Das jedenfalls beklagten Mitglieder der Gesellschaftskammer der Russischen Föderation bei einer Sitzung, über die Kommersant berichtet. Gemeint sind nicht nur echte staatliche Orden und Medaillen, sondern eine wachsende Zahl von Auszeichnungen, die von Stiftungen, Nichtregierungsorganisationen, Veteranenverbänden oder sogar Privatpersonen vergeben werden. Viele davon ähneln staatlichen Ehrungen so stark, dass sie auf den ersten Blick kaum zu unterscheiden sind.
Die Überschrift des Kommersant-Artikels bringt das Problem auf den Punkt: In Russland gebe es inzwischen mehr Auszeichnungen als Helden. Nach Darstellung von Teilnehmern der Sitzung treten immer häufiger Männer in Tarnkleidung mit zahlreichen Orden und Medaillen auf, ohne dass klar ist, wofür sie diese erhalten haben. Die Gesellschaftskammer sprach von einer Situation, die bereits „unkontrollierbar“ geworden sei.
Ein Mitglied der Gesellschaftskammer, Jekaterina Kolotowkina, berichtete von einer Begegnung mit drei Männern in Militärkleidung, die mit einer großen Zahl von Orden und Medaillen auftraten – darunter Abzeichen, die äußerlich kaum von den Sternen der „Helden Russlands“ zu unterscheiden gewesen seien. Auf Nachfrage hätten die Männer erklärt, sie transportierten humanitäre Hilfsgüter und hätten ihre Auszeichnungen von gesellschaftlichen Organisationen erhalten. Nachdem Kolotowkina Fotos der Männer veröffentlicht hatte, habe sie Drohungen erhalten.
Die Journalistin Anastassija Kaschewarowa sagte bei der Sitzung, inzwischen würden Stiftungen, NGOs, Organisationen und sogar Einzelpersonen eigene Medaillen herstellen und praktisch unkontrolliert verteilen. Nicht jeder, der solche Auszeichnungen trage, tue dies in betrügerischer Absicht. Manche Militärangehörige wollten schlicht „möglichst viele Medaillen“ haben. Zugleich gebe es aber auch falsche Veteranen, die mit Hilfe solcher Auszeichnungen Vertrauen erschleichen und Geld sammeln.
Besonders problematisch ist nach Darstellung der Teilnehmer, dass solche „dekorierten“ Personen in Schulen und Hochschulen auftreten, sich in der Politik zeigen oder bei Problemen mit dem Gesetz auf angebliche Verdienste verweisen. Der Held Russlands Rustem Klupow beklagte, besonders dreiste Betrüger gingen in Bildungseinrichtungen und hielten dort Vorträge vor Jugendlichen. Kaschewarowa berichtete von einer Hochschule in Lugansk, die ausdrücklich darum gebeten habe, „irgendeinen Helden“ zu schicken – aber diesmal bitte einen echten.
Auch Sicherheitsbehörden und Gerichte haben offenbar Schwierigkeiten, echte von falschen Kriegsveteranen zu unterscheiden. Der SVO-Teilnehmer und ehemalige Wagner-Kämpfer Konstantin Wosnjuk sagte, manche Beschuldigte beriefen sich bei strafrechtlichen Problemen auf angebliche Wagner- oder Kriegsauszeichnungen. Da viele Verleihungsanordnungen des Verteidigungsministeriums geheim seien, könnten Polizei, FSB oder Kriminalermittler die Angaben oft nicht überprüfen. In der Praxis führe dies dazu, dass Gerichte oder Ermittler unverdiente Milde walten ließen.
Verschärft wird das Problem durch Online-Marktplätze. Dort können nach Darstellung der Sitzungsteilnehmer Kopien von Wagner-Medaillen und Auszeichnungen des Verteidigungsministeriums gekauft werden. Wosnjuk erklärte laut Kommersant, selbst er habe manche Kopien kaum von seinen eigenen Auszeichnungen unterscheiden können. Anschließend tauchten solche „verkleideten“ Veteranen in der Staatsduma auf, ließen sich mit Abgeordneten fotografieren oder nutzten die Inszenierung für gesellschaftlichen Einfluss.
Juristisch ist die Lage kompliziert. Öffentliche Organisationen dürfen grundsätzlich eigene Ehrenzeichen stiften. Verboten ist ihnen jedoch, Bezeichnungen oder äußere Formen zu verwenden, die staatlichen Auszeichnungen ähneln. In der Praxis wird diese Grenze offenbar häufig überschritten. Die Strafe für das Tragen solcher Nachahmungen liegt derzeit nur bei 1.000 bis 1.500 Rubel. In der Gesellschaftskammer wurde deshalb vorgeschlagen, die Bußgelder auf 30.000 bis 50.000 Rubel zu erhöhen.
Außerdem wurden mehrere weitere Ideen diskutiert: Die Begriffe „Orden“ und „Medaille“ könnten staatlichen Stellen vorbehalten bleiben, während gesellschaftliche Organisationen nur noch von „Ehrenzeichen“ sprechen dürften. Auch bestimmte Gestaltungselemente wie Sterne, Schwerter oder Kreuze könnten für private Auszeichnungen verboten werden. Schließlich wurde ein Verbot ins Spiel gebracht, nichtstaatliche Auszeichnungen an Militäruniformen zu tragen.
Doch genau hier zeigte sich die Absurdität des Problems. Denn auch die Auszeichnungen der Söldnertruppe Wagner sind keine staatlichen Orden. Ein pauschales Verbot nichtstaatlicher Medaillen auf Uniformen würde also auch tatsächliche Wagner-Veteranen treffen, die reale Kampferfahrung haben und in Russland politisch und symbolisch keineswegs als Außenseiter behandelt werden.
Rustem Klupow räumte ein, dass viele Soldaten, die tatsächlich etwas geleistet hätten, nie eine staatliche Auszeichnung erhielten. Gesellschaftliche Medaillen seien deshalb für manche eine Art Ersatz: etwas, das man den Kindern hinterlassen könne. Das Problem sei also nicht allein, dass es solche Auszeichnungen gebe, sondern dass ihre Vergabe völlig ungeordnet und inflationär geworden sei.
Als möglicher Ausweg wurde ein Register gesellschaftlicher Auszeichnungen vorgeschlagen. Darin sollten Gründer, Verleiher und Empfänger solcher Ehrungen erfasst werden. Zuständig könnte nach einem Vorschlag das Justizministerium sein. Andere Teilnehmer warnten allerdings, ein solches Register werde Jahre brauchen – und die Daten könnten später durchsickern.
Am Ende blieb zunächst nur die Ankündigung, in der Gesellschaftskammer eine Arbeitsgruppe zu bilden und Gespräche mit den Online-Marktplätzen aufzunehmen. Das klingt nach Verwaltungstechnik, beschreibt aber ein tieferes Problem: Der Krieg hat in Russland eine neue soziale Währung geschaffen. Wer Orden trägt, kann Vertrauen, Aufmerksamkeit, Geld, politischen Zugang oder sogar Milde vor Gericht gewinnen. Wenn aber immer mehr Menschen Auszeichnungen tragen, deren Herkunft kaum überprüfbar ist, entwertet das nicht nur staatliche Orden, sondern auch den offiziellen Heldenkult selbst.
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