Im Westen werden die Fakten des Chemiewaffenangriffs ignoriert

Satanowskij_Jewgenij

Der US-Raketenangriff gegen eine syrische Militärbasis in der Region Idlib sorgt für eine handfeste Krise in den russisch-amerikanischen Beziehungen. Der Direktor des Nahost-Insitutes der Russischen Akademie der Wissenschaften, Jewgenij Satanowskij, kommentiert die aktuelle Situation.

Im Westen und in Russland wird der amerikanische Schlag gegen einen syrischen Luftwaffenstützpunkt unterschiedlich bewertet, vor allem, wer die Chemiewaffen-Katastrophe, die  den Amerikanern als Begründung für ihren Luftangriff diente, zu verantworten hat. Wer hat Recht?

Leider wird im Westen die Tatsache nicht zur Kenntnis genommen, dass in Idlib die Islamisten selbst Chemiewaffen herstellen, was auch niemand bestreitet. Die offensichtliche Tatsache, dass bei einem Bombenangriff rein zufällig Produktionsstätte und Lager der Islamisten getroffen wurden, wird im Westen bewusst nicht zu Kenntnis genommen. Vielmehr wird Syrien beschuldigt, ein Kriegsverbrechen begangen und gegen ihre Versicherung von 2012 verstoßen zu haben, wonach alle Chemiewaffen im Land vernichtet seien.

Damit haben die USA ihren Luftangriff begründet und viele ihrer Verbündeten folgen ihnen darin…

Aus meiner Sicht wollte Präsident Trump mit dem so genannten Vergeltungsschlag, ohne UN-Mandat, die militärische Stärke der Vereinigten Staaten und seine eigene Entschlossenheit demonstrieren, sowohl vor der internationalen Öffentlichkeit, als auch für die eigene Bevölkerung, um sein Image angesichts seiner jüngsten innenpolitischen Schwierigkeiten aufpolieren,. Das hat ja wohl auch funktioniert, wenn man die Jubelarien in der amerikanischen Presse, sogar in eigentlich Trump-kritischen Medien, auf die US-Waffen liest und hört.

Aber warum engagieren sich die USA in der Region nicht als Friedensmacht, sondern handeln nach Wildwest-Manier „Erst schießen, dann – vielleicht – reden“?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Der naheliegende ist, dass die USA-Führung mit dem angeblichen „gerechten“ Angriff von ihren Flächen-Bombardements im irakischen Mossul ablenken will, bei denen es viele zivile Opfer gab, wofür die Amerikaner international kritisiert wurden.

Zum zweiten will Trump beweisen, dass die USA auch im Nahen Osten die Nummer 1 sind, wobei man sich in Washington auf seinen treuesten Partner Saudi-Arabien, das ja bekanntlich als einer der größten Finanziers des internationalen Terrorismus gilt, verlassen kann. Des Weiteren soll auf keinen Fall Russland, das seit Jahrzehnten starke Positionen in der Region hat, das Feld überlassen werden. Trump hat gerade erst wieder die Zurückhaltung seines Vorgängers Obama kritisiert und in als „Schwächling“ bezeichnet.

Und schließlich nimmt der amerikanische Präsident für sich in Anspruch, zu bestimmen, was wahr gut und richtig ist, unabhängig von irgendwelchen Tatsachen. Das war auch bei der Verwendung eines angeblichen syrischen Chemiewaffeneinsatzes als Anlass für den Luftschlag so. Damit ist er aber, wie wir wissen, nicht der einzige amerikanische Präsident. Ich erinnere an den nachgewiesenermaßen erfundenen nordvietnamesischen Torpedo-Angriff auf den US-Zerstörer Maddox, mit dem der damalige Präsident Johnson das Bombardement Nordvietnams und damit den Eintritt der USA in den Vietnam-Krieg begründete. Wie auch die Lüge vom Chemiewaffenbesitz des Irak für George Bush jr. als Vorwand für den Überfall auf das Land diente.

Trump ist also mit seinen „alternativen Fakten“ als Kriegsgrund, nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel bei den amerikanischen Präsidenten.

Was bedeutet das amerikanische Vorgehen in Syrien nun für Russland?

Die Situation ist extrem gefährlich. Schließlich ist nicht ausgeschlossen, das bei weiteren Angriffen auf syrische Stellungen auch russische Militärtechnik getroffen wird, was Russland als Angriff gegen sich werten und entsprechende Gegenmaßnahmen ergreifen könnte. Bleibt zu hoffen, dass der US-Außenminister Tillerson bei seinem bevorstehenden Besuch in Moskau mit der russischen Führung eine Lösung findet, um die amerikanisch-russischen Beziehungen, die entscheidend für den Frieden in der Welt  sind, wieder zu entspannen und Syrien eine Chance für ein Ende des Krieges und eine freie Entscheidung über sein weiteres Schicksal zu geben.

[Hartmut Hübner/russland.news]

Über den Autor

Hartmut Hübner
Gelernter und sogar diplomierter Journalist. Nachdem ich im Ergebnis einer Fahrt auf einem Riesenrad von meinem ursprünglichen Wunsch, Pilot zu werden, endgültig Abschied genommen hatte, beschloss ich als, „rasender Reporter“ aus der ganzen Welt zu berichten. Als „Mittagspausen-Notenkoch“ im Schulfunk und Volontär bei der Berliner Zeitung „Junge Welt“ begann meine journalistische Karriere, die sich nach dem Studium als Verantwortlicher für eine Zeitung im sächsischen Gesundheitswesen, Pressesprecher an der Leipziger Sporthochschule DHfK und Redakteur an der Leipziger Volkszeitung fortsetzte, bis ich mir einen Kindheitstraum erfüllte und ein freies Korrespondentenbüro in Moskau übernahm. Das war 1995 – und seither lässt mich Russland nicht mehr los.