Großmanöver „Sapad 2017“ mit furiosem Finale

Foto: Mil.ru

Heute ging das Großmanöver „Sapad 2017“, das die Schlagkraft der Truppe an der russisch-weißrussischen Westgrenze demonstrieren sollte, zu Ende. Nicht ohne jedoch vorher noch einen Aufschrei in den Medien hinterlassen zu haben. Kurzzeitig sorgte der gemutmaßte Beschuss zweier Journalisten für Aufsehen.

Da war sie plötzlich wieder, die Rhetorik des Kalten Krieges. Die Generation, die den Kalten Krieg in seiner kochend heißen Phase in den 1980er-Jahren miterlebt hat, wird sich noch gut daran erinnern. In den westlichen Medien wurde ein Zwischenfall an dem die UdSSR direkt oder indirekt beteiligt war, erläutert, debattiert und analysiert, durch selbsternannte „Experten“ geradezu bis ins Kleinste Detail zerpflückt. Alles was dazu von sowjetischer Seite kam, war – nichts. Irgendetwas, was zur Aufklärung des Vorfalls beigetragen hätte, wurde jenseits des eisernen Vorhangs stoisch ausgeschwiegen. Nicht einmal ein Dementi kam der Parteispitze aus dem Kreml in den Sinn.

Der Rechtsnachfolger im Kreml ist heute Russland und ein Teil der damaligen UdSSR firmiert unter der Bezeichnung GUS, den gemeinsamen unabhängigen Staaten. Man hat dazugelernt in Moskau, ohne Zweifel, nichtsdestotrotz ist der Kalte Krieg immer noch präsent. Erst in diesen Tagen standen sich die beiden Großmächte Russland und die USA mit ihren NATO-Verbündeten bei imposanten Truppenübungen hochgerüstet gegenüber und fletschten gegenseitig die Zähne. Die Begründung ist immer noch dieselbe: Man habe Angst, dass der Andere angreifen könne. Sogar die sonst weniger um verbale Abrüstung bemühte Zeit beruhigte: Die durch das russisch-weißrussische Manöver „Sapad 2017“ heraufbeschworene Apokalypse werde nicht kommen.

Punktgenau zur rechten Zeit

Und, pünktlich zum Schluss, da war sie plötzlich – die Schlagzeile auf die alle nur gewartet hatten: „Helikopter schießt Rakete auf Zuschauer“. Was die Bildzeitung noch Dienstagnachmittag titelte, entstammt ursprünglich Berichten der Portale ru.66 aus Jekaterinenburg und Fontanka.ru aus St. Petersburg. Beide Internet-Zeitungen sind, das sei mit angemerkt, nicht als bedingungslos Regierungskonform zu bezeichnen. Auf dem beigefügten Video ist nach einem Helikopteranflug ein kurzer Feuerball zu sehen und danach ein zerstörter LKW. Außerdem ist eine Person zu erkennen, die sich in unmittelbarer Nähe aufhält.

Da das Video zugegebenermaßen doch recht authentisch wirkt, machte die Meldung prompt die Runde. Die Spur zog sich durch den gesamten deutschsprachigen Raum, angefangen bei Spiegel online bis zu den Kollegen beim österreichischen ORF. Bei der Neuen Züricher wurde versucht, ein Politikum daraus zu konstruieren. Am Abend ruderte der Spiegel bereits wieder zurück und stellte berechtigte Fragen.

Das russische Verteidigungsministerium dementierte zwar unmittelbar nach der Veröffentlichung die Meldung aufs Heftigste, konnte allerdings auch nur weitere Irritationen nähren. Zunächst hieß es, das Video zeige einen ganz anderen Unfall, bei dem ein Hubschrauber versehentlich einen Lastwagen getroffen habe, ohne jemanden zu verletzen. Wann und wo wurde indes offengelassen. Kurze Zeit später hieß es, der Kommersant habe von einer anonymen Quelle erfahren, dass das Verteidigungsministerium bereits eine besondere Kommision gebildet hätte, um den Vorfall zu untersuchen.

Anonyme Quellen und offene Fragen

Gerüchten zufolge habe das Verteidigungsministerium allerdings auch nicht die Wahrheit gesagt. Angeblich existiere neben dem offiziellen Militärprotokoll noch ein Video, dass den Beschuss aus der Pilotenperspektive zeigen soll. Um es vorsichtig auszudrücken, das nur Sekunden kurze Video könnte jedoch genauso gut einen Flugsimulator für den Heimcomputer zeigen. Kurioserweise stehen noch weitere Erklärungsversuche im Raum. So vermeldete die Pressestelle des Wehrbezirks-West, dass das Zielführungssystem eines der Helikopter ein falsches Ziel erfasst habe. Deshalb habe eine ungelenkte Rakete in einen unbesetzten LKW eingeschlagen, hieß es dort.

Eine bewusst mit einem Bildbearbeitungsprogramm konstruierte Falschmeldung soll hingegen ein Video belegen, das auf Youtube erschien. Und noch eine weitere Version des Vorfalls ist in den sozialen Netzwerken zu finden. Der Unfall der auf dem Video zu sehen ist, habe sich bereits im September ereignet und zeige eine durch einen Kurzschluss unkontrolliert abgefeuerte Rakete, heißt es da. Drei Menschen seien damals verletzt worden.

Ebenso strittig ist die Behauptung, dass es sich bei den bei dem jüngsten Ereignis betroffenen Personen um Journalisten handeln soll. Das Verteidigungsministerium witterte bereits ein Komplott von ausländischer Seite und sprach von „absichtlicher Provokation“. Da die Regierung für den besagten Zeitraum offizielle Einladungen für Medienvertreter und Militärbeobachter auf das Übungsgelände Luschskij bei St. Petersburg ausgesprochen hat, wäre dies sehr naheliegend. Bogdan Kultschitskij, der Chefredakteur beim Jekaterinenburger Portal ru.66 vermutet indes, dass das anonyme Video ebenso gut von einem Militärangehörigen aufgenommen und zugespielt worden sein könnte.

Merkwürdigerweise ist der kollektive Aufschrei der Presse sehr schnell wieder verstummt. Es ist jedoch vielsagend, mit welcher Vehemenz sich einmal mehr ein züngelndes Gerücht zu einem wahren Lauffeuer entwickeln kann. Die Reaktionen waren bezeichnend. Bezeichnend für die Rhetorik des Kalten Krieges, die die Welt vor mehr als dreißig Jahren schon einmal zu hören bekam. Immerhin dementieren die Russen heute schneller.

[mb/russland.NEWS]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.