Grauzone Pornographie: Wer schützt in Russland Kids vor sich selbst?

Foto: © Pro Juventute CC BY 2.0 via Flickr
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Pornographie mit Minderjährigen ist im russischen Internet gar nicht so schwer zu finden, wie man glauben mag. Besonders soziale Netzwerke, in denen sich die Kids selber vermarkten können, sind ins Visier geraten. Die Plattformen wissen um das Problem, aber was gedenken sie dagegen zu tun und wer zeigt sich verantwortlich?

Pornographie mit Kindern und Jugendlichen ist auch in Russland verboten, keine Frage. Durch die offenbar allzu laxen Kontrollen im sozialen Netzwerk Vkontakte nutzen jedoch immer mehr Minderjährige die Gelegenheit, sich ein paar Rubel extra zu verdienen. Die Gründe sind meist die Gleichen – Alkoholismus oder Krankheit der Erziehungsberechtigten, das Bedürfnis nach Konsum und einem besseren Leben. Was den Kindern wie eine Art Spiel erscheint, ist für Erwachsene ein trockenes Geschäft. Die Fotos und Videos, die sie für ein Taschengeld erworben haben, lassen sich mit entsprechendem Gewinn leicht im Internet weiterverkaufen.

Der russische Journalist Pavel Merslikin hat zehn der Minderjährigen interviewt und daraufhin versucht, die verantwortlichen Betreiber der Plattform mit seinen Recherchen zu konfrontieren, sowie die Erfahrungen verschiedener Organisationen zur Bekämpfung der Kinderpornographie einzuholen. Mitunter fielen die Ergebnisse erschreckend aus. Davon abgesehen, dass die sozialen Netzwerke in Russland ohnehin weniger puristisch gestrickt zu sein scheinen, erweisen sich auch deren Nutzungsbedingungen eher leger im Kontext zu ihren Inhalten. Ein Altersnachweis in Gestalt eines Ü-18-Buttons stellt sicherlich kein Hindernis dar und wird garantiert nur, wenn überhaupt, von abnorm ehrlichen Menschen ehrlich bedient.

Auf Vkontakte, dem russischen Facebook-Pendant, gibt es etliche Gruppen, deren Mitglieder Fotos von nackten, erwachsenen Frauen zeigen, tauschen oder auch veräußern. Hin und wieder tauchen dort auch Aufnahmen von Minderjährigen auf, die die Administratoren dann kurzerhand in die „7+“ Alterskategorie verschieben, ohne sie jedoch zu löschen. Viele der Betreiber unterhalten zusätzlich weitere ähnliche Gruppen. Von einer Frau, die eines der größten Pornonetzwerke auf Vkontakte erstellt hat, erfuhr der Journalist, dass inzwischen viele Administratoren versuchen, Kinderpornographie aus ihren Gruppen zu verbannen. So recht gelingen mag es ihnen allerdings nicht. Laut der Betreiberin sei es nahezu unmöglich all diese Kinder loszuwerden.

Der Markt ist unersättlich

Ferner erläuterte die Vertreiberin von Pornographie, wie man aus solchen Seiten Kapital schlagen kann: Die Betreiber dieser VK-Gruppen nehmen zwischen 50 und mehreren tausend Rubel pro Tag von Modellen, um deren Content zu fördern. Der Betrag richtet sich dabei nach der Beliebtheit der Community. Manche brächten auch ihre eigenen Mitglieder auf die Seiten und böten ihnen eine Kommission für ihre „Dienstleistungen“ an. „Im Großen und Ganzen verdienen wir uns damit einen guten Lebensunterhalt“, sagt sie. Das ist nachvollziehbar bei mehreren dutzend Gruppen mit jeweils über tausend Mitgliedern. Aufgeben will logischerweise dieses Business niemand.

Selbst die minderjährigen Mädchen sagen, dass es überwiegend nicht gleichaltrige Jungen sind, die ihre selbstgemachten Pornos kaufen, sondern erwachsene Männer. Sie nennen sie herablassend einfach „Pädophile“. Der Journalist Merslikin hat es geschafft, mit einigen dieser Käufer Kontakt aufzunehmen. Sie erklärten, dass sie die Kinderpornographie über Anonymisierungsserver unter falschen Accounts ankaufen. Alle zeigten sich überzeugt, dass ihre wahre Identität niemals ans Licht käme. Allerdings berichteten sie auch, dass echte Teenager mittlerweile schwerer zu finden seien. Dabei seien für sie nicht alleine die Fotos und Videos der besondere Reiz, sondern die Gewissheit, dass sie von den Urhebern stammen.

Der Administrator eines dieser Pädophilen-Foren, in einschlägigen Kreisen als „Pedoforen“ bezeichnet, sagte Merslikin, dass nur „selten dämliche“ Pädophile auf den gewöhnlichen sozialen Netzwerken suchen und dabei riskieren, von der Polizei erwischt zu werden. Viel sicherer sei es vielmehr, sich mit den Hauptlieferanten für Kinderpornographie in anonymen Bereichen des Internets zu treffen, wo es unzählige Seiten gäbe, die dieser „Kinderliebe“ gewidmet seien. Sets mit bis zu 40 Fotos gäbe es dort für rund 30.- US-Dollar zu kaufen, Videos oft weniger als 150.- US-Dollar. Eigens auf Wunsch angefertigte Filme könnten dann schon mit mehreren hundert Dollar zu Buche schlagen.

Eine mit der russischen Pornoindustrie vertraute Quelle vertraute Merslikin an, dass der Binnenmarkt für im Studio produzierte, traditionelle Erwachsenenpornos schwindet. Lediglich zwei solcher Studios würden noch funktionieren und die bedienen ohnehin ausschließlich den Markt im Westen. Eine andere Quelle berichtete, dass in Russland sogar die Nachfrage für professionell produzierte Kinderpornographie drastisch gesunken sei. Anfang des 21. Jahrhunderts, als die Kinderpornographie aus Russland ihren Höhepunkt hatte, seien Terrabytes an Material gedreht worden, die noch für viele Jahre ausreiche. Diese „Veteranen“, wie er sie nennt, stünden mit den Eigenproduktionen der Minderjährigen ohnehin auf Kriegsfuß.

Der Rechtsanwalt Pawel Domkin, der mit rund fünfzig Fällen vertraut ist, bei denen es um die illegale Verbreitung von Kinderpornographie geht, bestätigte gegenüber Merslikin das, was auch die beteiligten Kinder und Jugendlichen sagen: „Die Teenager können nach russischem Gesetz nicht wegen der Herstellung und dem Verkauf ihrer eigenen Pornographie verurteilt werden, solange sie ihr sechzehntes Lebensjahr nicht erreicht haben.“ Ab dem Zeitpunkt erst können sie für bis zu 15 Jahre Gefängnis verurteilt werden und mit einem fünfzehnjährigen Verbot belegt, einer Arbeit nachzugehen, die mit Kindern verbunden ist.

Wenn Halbherzigkeit auf unklare Gesetze trifft

Gemäß des Justizministeriums wurden im letzten Jahr zweihundert Personen wegen der Verbreitung von Kinderpornographie verurteilt. Lediglich eine Verdächtige wurde freigesprochen, weiteren sechs Angeklagten wurde die Zurechnungsfähigkeit für ihr Tun abgesprochen. Domkin sagte, dass russische Richter dazu übergegangen wären, die Strafen für angeklagte Jugendliche, die sich wegen der Verbreitung von Pornographie zu verantworten hatten, zur Bewährung auszusetzen. In den letzten drei Jahren habe sich dies jedoch geändert und die Straffälligen könnten nun davon ausgehen, dass sie inzwischen harte Strafen erwarten.

Und dennoch liegt alles im Ermessen der Richter. So wurde beispielsweise im September 2015 ein 16-jähriger Teenager in Irkutsk verurteilt, weil er Kinderpornos in einem sozialen Netzwerk hochgeladen hatte. Er gab an, dass er lediglich versucht habe, Pädophile ausfindig zu machen. Andererseits wurde ein minderjähriger Junge aus Nowgorod im Juni 2013 zu Bewährung verurteilt, weil er eine einschlägige Seite auf Vkontakte teilte. Im Februar 2015 wiederum wurde ein minderjähriges Mädchen in Tambow verurteilt, weil sie ein erotisches Video teilte, dass sie mit ihrem 34-jährigen Freund in Aktion zeigte. Der Anwalt sagt, dass diese Fälle typisch für Russland seien, da es an einem einheitlichen Rechtssystem für die Strafverfolgung mangele.

Selbst eine Quelle aus dem russischen Innenministerium bestätigte dem Journalisten während seiner Recherche indirekt, dass Ermittlungen im Zusammenhang mit Kinderpornographie eher zufällig begännen. So müsse ein Beamter schon zufällig online darauf stoßen oder durch externe Hinweise aufmerksam gemacht werden. Die Polizei wüsste zwar von dem Treiben der Minderjährigen, würde sich aber hauptsächlich auf Erwachsene in dem Geschäft konzentrieren. Jährlich sperren die russischen Behörden tausende von Webseiten mit Kinderpornographie, wovon 500 Fälle strafrechtlich verfolgt werden.

100 dieser Fälle, so Denis Davidow, der Verantwortliche der regierungsfreundlichen Liga für Internetsicherheit, seien besonders ernst, da sie sich mit dem Missbrauch von Kindern im Alter zwischen vier und sieben Jahren beschäftigen. Inzwischen, so sagt er, verbreiten sich die illegalen Seiten in sozialen Netzwerken, besonders auf Vkontakte, weiter und seien leicht zu finden: „Die Kinderpornographie wird als einfaches Textdokument verteilt, das eine Liste zu Hypertext-Links für Online-Pädophile enthalten. Davidow glaubt, dass der Verkauf von Pornographie durch Jugendliche noch zur Massenepidemie entwickeln wird und hofft, dass die Administratoren der öffentlichen Communities stärker dagegen ankämpfen. „Wir können nur die Eltern informieren“, sagt er resigniert.

Der Kampf gegen Windmühlen

Ewgenij Krasnikow, der Sprecher bei Vkontakte beteuert, das soziale Netzwerk würde monatlich mehrere hunderttausend solcher Inhalte sperren und arbeite darüber hinaus mit den Polizeibehörden zusammen. Ganz wie es das Gesetz vorsähe. In der Tat lassen sich bei VK dreierlei Arten von Sperren ausmachen: Der Inhalt wurde wegen eines Verstoßes gegen die Nutzungsbestimmungen blockiert, der Inhalt wurde auf Hinweis der Aufsichtsbehörde Roskomador gesperrt oder es wurden Inhalte – und hier bezieht es sich explizit auf Seiten mit Pornographie – mit Minderjährigen festgestellt.

Zudem, sagt der Sprecher, „scannt Vkontakte nicht nur seine Inhalte nach Pornographie, sondern auch alle geteilten Hyperlinks, die User auf andere Seiten umleiten.“ Gegen den Vorwurf, Vkontakte sei ein Sammelbecken ohne jegliche Kontrolle, wehrt er sich: „Es ist schwierig, wenn wir nur über ‚einen‘ Inhalt sprechen, der nur von einem engen Kreis der Nutzer geteilt wird. Früher oder später wird unser Kontrollsystem auch sie erfassen und sie werden gesperrt“, sagt Krasnikow voller Überzeugung. Er ist sich auch „des eigenartigen Humors des Internets“ bewusst, der oft skurrile Blüten zeigt. Man müsse vorsichtig sein, betont er: „Unterscheiden wir nicht sorgfältig, würde eine Hexenjagd zur Sperre jeder Erwähnung von Nabokows ‚Lolita‘ führen.“

Sicherlich, es ist keine russische Besonderheit, dass sich Jugendliche erotisch photographieren oder filmen, um es mit anderen zu teilen. Was die russischen Teenager von anderen auf dieser Welt unterscheidet, ist, dass sie es für Geld tun. Anderswo teilen Jugendliche pornographische Selfies meist mit ihren Partnern. Zur Strafverfolgung kommt es erst, wenn jemand private Nachrichten in sozialen Netzwerken veröffentlicht. Laut der Menschenrechtsvereinigung ECPAT beschäftigen sich in sämtlichen entwickelten Ländern bis zu 70 Prozent der Kinder und Jugendlichen mit Sexting. In den Augen vieler Kids sei Sexting einfach nur Unterhaltung im Rahmen ihrer eigenen Privatsphäre. Dass sie dabei gegen Gesetze verstoßen könnten, ahnen sie nicht einmal.

Auch wenn Smartphones und Webcams eine Welle von Jugendlichen in Umlauf gebrachter Pornographie ausgelöst haben, liegt das Hauptgeschäft jedoch immer noch in den Händen Erwachsener, weiß man bei ECPAT. Weltweit werden Minderjährige von Angehörigen oder Familienfreunden gezwungen, entweder die Inhalte selbst zu schaffen oder mit Pornoproduzenten, beziehungsweise anderen Teenagern, die bereits in der Branche sind, zu arbeiten. Genaue Zahlen zu Minderjährigen, die in diesem Markt tätig sind, gäbe es keine. Folglich sei es schwierig zu sagen, bei wie vielen Jugendlichen Zwang dahintersteckt.

Maja Rusakowa ist die Vorsitzende von Stellit, einer Organisation, die sich gegen die sexuelle Ausbeutung von Kindern in Russland stark macht. Sie sagt, dass die Regierung zwar Maßnahmen ergreife, um die Situation zu verbessern und die Kinder vor schweren psychischen Schäden zu bewahren, aber das Problem immer noch nicht völlig verstehe. „Unserer Gesellschaft fehlt die Diskussion zu diesem Problem und der Staat reagiert, als hätte es das Problem niemals gegeben“, sagt sie. Solange niemand zulasse darüber zu reden, werde sich niemand effektiv damit befassen, ist sie überzeugt. Man schiebt das Problem also lieber von sich weg.

Russische Kinder, die in die Fänge der Pornographie gerieten, stammen normalerweise aus denselben anfälligen sozialen Schichten wie anderswo, merkt Rusakowa an. Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich Kinder und Jugendliche aus ärmeren Verhältnissen der Prostitution oder der Pornographie zuwenden. Wird das, wie häufig zu beobachten, zu ihrer Haupterwerbsquelle, entwickelt sich ein Problem. „Haben sie sich erst einmal an ein gewisses Niveau ihres Einkommens und dem damit verbundenen Konsum gewöhnt, wird es schwierig für sie aufzuhören“, sagt die Leiterin der Organisation. Die interviewten Minderjährigen bestätigten dies. Denn auch sie möchten ein in ihren Augen „besseres“ Leben führen. Und das kostet…

[mb/russland.NEWS]

 

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.