Grauzone Pornographie: Russische Kids vermarkten sich selbst

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Russische Minderjährige haben sich eine Branche zu eigen gemacht, die bislang von Erwachsenen dominiert wurde. Die Hauptrolle in dem schmutzigen Geschäft spielten sie ohnehin schon immer, nun vermarkten Kinder und Jugendliche in Russland ihre eigene Erotik und Pornographie auf der Jagd nach dem schnellen Rubel. Das lockt auch Trittbrettfahrer auf den Plan.

Wie viele Minderjährige es genau sind, die sich auf sozialen Plattformen im Internet verkaufen, lässt sich nur mutmaßen. Die Zahl der zwölf- bis sechzehnjährigen Teenager wird ohne Zweifel in die Hunderte, wenn nicht gar in die Tausende gehen. Tatsächlich scheint die Verbreitung von Pornographie durch Minderjährige mittlerweile ein fester Bestandteil der modernen Internetkultur zu sein. „CP in DMs“ (child pornography in direct messages) nennen sich die eindeutigen Offerten der Kids, in denen sie ihre freizügigen Fotos und Videos anpreisen und verkaufen. Solange sie nicht gegen das russische Strafrecht verstoßen, können sie dafür nicht einmal zur Rechenschaft gezogen werden. Die Zahl der Anbieter und der Kunden wächst täglich.

Die Anbieter agieren, wie nicht anders zu erwarten, unter falscher Identität. Der russische Journalist Pavel Merslikin hat versucht, über Accounts beim russischen Facebook-Pendant VKontakte mit den Teenagern Kontakt aufzunehmen. Lange musste er nicht suchen, um auf einschlägige Offerten zu stoßen. Grob geschätzt seien es an die Hundert gewesen, berichtet er, zehn sind es schließlich gewesen, die bereit waren mit ihm zu reden. Um sicherzugehen, dass es sich dabei wirklich um die Personen handelt, die er über das Soziale Netzwerk kontaktiert hatte, wurden die Gespräche via Skype geführt.

Gemeinsam ist den Kindern und Jugendlichen, dass sie, wie sie sagen, zufällig oder über Hinweise von Freunden auf die Möglichkeit gestoßen sind, ihre freizügigen Fotos im Internet zu verkaufen. Ein Konsens des sozialen Umfeldes oder gleichartige Beweggründe ihres Handelns waren hingegen nicht auszumachen. Die 15-jährige Nastja aus Nowosibirsk beispielsweise finanziert mit „diesem Business“, wie sie es nennt, ihren aufwendigen Lebensstil. Für sie sei es ganz normal so ihr eigenes Geld zu verdienen. Sie lebt mit ihrer Mutter in einer Einzimmerwohnung. Mit ihrer Mutter käme sie gut aus, sagt sie und die sei sehr verständnisvoll ihr gegenüber. Womit Nastja ihr Geld wirklich verdient, weiß sie und ihre Freunde allerdings nicht.

Kleines Taschengeld für Minderjährige

Natürlich ist das keine gewöhnliche Arbeit für eine 15-Jährige in dieser Stadt, das weiß sie selbst. Ein paar Stunden wende sie täglich dafür auf und sie liebt ihren Job: „Einfach dazusitzen und mit fast nichts Geld zu verdienen.“ Ein Nacktbild kostet bei ihr zehn Rubel, das sind etwa 15 Euro-Cent und eine für den „Kunden“ maßgeschneiderte Beschreibung ihres Körpers gibt es für 25 Rubel extra dazu. Videos auf denen Nastja strippt oder gar masturbiert, kosten 150 Rubel, nicht einmal 2,50 Euro. Täglich habe sie etwa 15 Klienten, die sich von ihr anturnen lassen wollen. Mit ihnen verdiene sie rund 1.500 Rubel. Monatlich kommen so grob 15.000 Rubel zusammen, fast 250 Euro, für die sie wiederum „online Klamotten shoppen“ kann.

Begonnen habe sie damit im Februar dieses Jahres, als sie eher zufällig in anderen VKontakte-Gruppen darauf aufmerksam geworden wurde. Angst, dass ihre wahre Identität ans Licht kommen könnte, habe sie keine. Sie zeigt auf den Fotos und Videos kein Gesicht und bewegt sich über einen Cloud-Server im Internet. „Es ist sehr einfach alles zu verbergen. Bisher weiß niemand etwas davon und ich bezweifle, dass sie es herausfinden werden“, sagt Nastja überzeugt. Ihrer Arbeit geht sie nach, wenn niemand in der Wohnung ist. Bisher habe nie jemand etwas Abartiges von ihr verlangt und es gäbe auch nur sehr wenige Perverse. Die meisten seien ganz normale Leute, die vorgeben, von dem Alter des Mädchens angetan zu sein.

Andere wiederum haben ihre Lebensumstände in das Geschäft gehievt. Ihr Vater sei ernsthaft krank, sagt beispielsweise Jana, 14 Jahre alt und aus St. Petersburg. Sie verkauft ihre freizügigen Fotos und Videos mittlerweile seit drei Monaten. Der Job habe sie komplett verändert. Jana hat sehr bald erkannt, dass man alles über das Internet verkaufen kann. Neben gewöhnlichen Jungs in ihrem Alter hat sie auch pädophile Kunden. Ihrer Meinung nach gehörten die alle eingesperrt, aber sie könne sie ja nicht hinter Schloss und Riegel bringen – und Jana braucht das Geld. Bis zu 500.- Rubel verdiene sie pro Nacht mit dieser Arbeit, das entspricht rund 7,50 Euro.

„Meine Eltern sind Trinker. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich sie zum letzten Mal nüchtern gesehen habe. Und ich brauche das Geld, um mein Leben zu leben“, erklärt Vika. Die 15-Jährige, die nicht sagen will, wo sie lebt, verlangt für ihre „Pornovideos“ 300.- Rubel. Auch sie sei sich sicher, dass sie niemand identifizieren werde. Sie verkauft ihr Material über einen falschen VKontakte-Account und akzeptiert nur Zahlungen, die über ein Qiwi-Konto getätigt werden. Dies ist auf eine Telefonnummer registriert, die nicht mit ihrem Namen in Verbindung steht. Sollte sie trotzdem irgendjemand einmal erkennen, „kann ich jederzeit sagen, das ist Photoshop“. Ihre Tätigkeit sehe sie nur zeitlich begrenzt.

Schon wieder mit dem Treiben aufgehört, hat indes Inna aus Nowosibirsk. Die 14-Jährige wollte sich einen neuen Computer zulegen und dafür das nötige Kleingeld dafür zu verdienen, weil ihre Eltern nichts dazu geben könnten. Da kam ihr ebenfalls die Idee mit dem schnellen Rubel durch nackte Haut und Fleischeslust. Das, was dabei für sie heraussprang, erschien ihr dann allerdings doch zu wenig. Gerade einmal 1.000.- Rubel habe sie so im Monat verdient, erläuterte sie. Für Dascha aus Kazan hingegen sei das Geld weniger wichtig, erfuhr der Journalist. Die 16-Jährige war die einzige unter den befragten Teenagern, die auf diese Art und Weise ihre Passion auslebt. Es mache sie einfach an, sich vor anderen zu zeigen.

Großes Geschäft für Erwachsene

Die Schattenseite des Geschäfts, da sind die Mädchen einer Meinung, sind Kunden, die sich zunächst als gleichaltrige Jungs ausgeben und hinterher das günstig erworbene Material weiterverkaufen. Pavel Merslikin konnte es arrangieren, mit einem dieser „Fakes“, wie sie von den Teenagern genannt werden, zu sprechen. Auch er legte sich vor rund einem Monat einen falschen Zugang bei VKontakte an, nachdem er sich bereits über mehrere öffentlich zugängliche Profile Bilder heruntergeladen hatte. Aus diesem „Archiv“ wählte er daraufhin das Bild eines jungen Mädchens in einem Feiertagskleid, das er nun für seinen eigenen Auftritt im Internet verwendet.

Als nächstes hat er ein Nacktfoto desselben Mädchens auf seiner Profilseite geteilt, versehen mit der Aufforderung an andere Nutzer, von diesem Mädchen „billige Süßigkeiten“ zu erwerben. Das bringt ihm etwa 1.000 Rubel, circa 15.- Euro. „Es ist ein blühender Markt, unechte Konten zu kaufen, um die Fotos mit falschen Rechnungen weiter zu verkaufen“, sagt der Nutzer, der sich Daniil nennt. „Es ist nicht viel Geld, aber wenn 100 Rubel auf Ihrem Bankkonto verbleiben und Sie nichts dafür getan haben, außer einige Fotos und Videos zu verschicken, dann haben Sie alles richtig gemacht.”

Auch die ganz Großen im Geschäft mit der Kinderpornografie würden sich auf diesen Plattformen mit Fotos und Videos von Minderjährigen eindecken, um sie dann gewinnbringend auf einschlägigen Porno-Seiten oder Message-Boards weiter zu verkaufen, weiß Daniil. Es sei ein Leichtes derlei Seiten zu finden, sagt er, wenn man nach den richtigen Schlüsselwörtern sucht. Auch findet man auf VKontakte Audioclips mit Instruktionen, über die man an E-Mail-Adressen gelangt, um Kontakte zu Kinderpornografie zu bekommen. Die Gruppen würden Audio-Clips verwenden, da sie für VKontakte schwerer zu identifizieren und somit auch schwieriger zu entfernen seien. Die pornographischen Foto- und Video-Dateien sind ohnehin auf Cloud-Servern abgelegt.

Daniil bezeichnet sich selber als einen derjenigen, die gut im Geschäft sind. Tagsüber geht er einer ganz normalen Arbeit nach, für die er monatlich 25.000.- Rubel, umgerechnet nicht ganz 400.- Euro bekommt. Doppelt soviel verdient er an den Pornos mit den Minderjährigen, die er in seiner Freizeit vertreibt. Seine Kundschaft findet er über seine eigene Gruppe bei VKontakte und User, die er gezielt mit Spam überschüttet. Hinweise auf potentielle Kunden findet er in den Profil-Beschreibungen des sozialen Netzwerks. Sein Material verkauft er Paketweise für wenige hundert Rubel, die Menge macht’s.

Den Entschluss mit dieser Art von Pornographie zu handeln, fasste Daniil ganz pragmatisch, weil es eben ein sehr einfaches Geschäft ist. „Ich sitze zuhause, leite eine Gruppe und mache ein anständiges Einkommen.“ Die Nachfrage ist ziemlich hoch, sagt er. „Ich verdiene mehr daran, als etliche Menschen in diesem Land das mit gewöhnlicher Arbeit jemals schaffen können.“ VKontakte nutzen er und andere Verkäufer, da man dort nicht so schnell gesperrt werde wie auf anderen Plattformen. Ein schlechtes Gewissen hat er offenbar nicht. „Die Mädchen laden doch alles selbst hoch und ich finde es eben“, sagt er und erklärt: „Die Zeiten als Pornos in einem Studio produziert wurden sind doch lange vorbei.“

Dass er dafür ins Gefängnis kommen könne, wisse er schon, sagt der Verkäufer. Er sieht sich jedoch bestätigt, dass seit langer Zeit niemand von jemandem gehört hat, der wegen so etwas strafrechtlich verfolgt wurde. Deshalb denke er auch überhaupt nicht daran, sein lukratives Business aufzugeben. Vielmehr, so Daniil, schmiede er bereits Pläne sein Geschäft zu erweitern. Ganz der Geschäftsmann peilt er eine Verzehnfachung seiner Umsätze an. Sollte ihm dieser ehrgeizige Schritt gelingen, so betrüge sein monatliches Einkommen aus seinem Nebenverdienst, rechnet er vor, rund 700.000.- Rubel, also gut 10.000.- Euro. Und das ist ganz schön viel Geld für Russland – ohne großen Aufwand und schlechtes Gewissen.

Den Betreibern des sozialen Netzwerks VKontakte sind diese Machenschaften freilich nicht fremd. Wie reagieren sie auf die Vorwürfe der Verbreitung von Pornographie durch Kinder und Jugendliche? Welche Möglichkeiten sie haben dagegen vorzugehen, wird zeitnah ein weiterer Artikel bei russland.NEWS erörtern.

[mb/russland.NEWS]

 

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.