Gorbatschow noch immer von Richtigkeit der Perestroika überzeugt

und artikuliert seine Meinung deutlich gemäß Berhard Shaws klassischem Satz „Beware of old men, they have nothing to lose“

Der frühere sowjetische Präsident, Michail Gorbatschow ist unverändert davon überzeugt, dass er richtig gehandelt hat, als er die Reformen in der UdSSR, die unter dem Namen Perestroika bekannt geworden sind und zum Zerfall der Sowjetunion geführt haben, in Angriff genommen hat.

In einer Pressekonferenz in Moskau fragte ihn der Dumaabgeordnete Nikolai Kurjanowitsch „im Namen der russisch-orthodoxen Nationalisten“, warum Gorbatschow, der „ein großes Imperium – die Sowjetunion – zum Zerfall gebracht hat, [dagegen] Deutschland vereinigt hat“. Außerdem habe er ein gutes Verhältnis zu den USA, von denen er Geld nehme, um seine Stiftung zu unterhalten.

„Ich könnte einfach sagen, halt das Maul. Das wäre die einfachste und angemessenste Antwort. Dennoch werde ich immer erinnern, dass Glasnost mit Perestroika und meiner Person begonnen hat“, erwiderte ihm Gorbatschow. „So ist nun einmal die Staatsduma. Solche Leute, solche Geisteshaltung, solche Ansichten und solche Wertungen. Damit habe ich immer wieder zu tun“, empörte er sich.

Gorbatschow ist unverändert der Ansicht, dass die Landesführung zu Recht die Perestroika eingeleitet hat. „Denn das System und Modell, welches sich in den 30er Jahren herausgebildet hatte, hat […..] zu einer totalitären Gesellschaft geführt. Sie legte der hoch gebildeten Gesellschaft Ketten an und vermochte es nicht, Initiativen hervorzubringen. Sie war nicht einmal imstande, die vorrangigen Lebensprobleme der Menschen zu lösen.“

Nicht einmal die elementarsten Dinge habe es im Lande gegeben, sagte Gorbatschow. „Ein Land, reich an Rohstoffen und Talenten, konnte die elementarsten Probleme nicht lösen, ob nun Zahnpasta, Waschmittel oder Frauenstrumpfhosen. Im ZK wurde eine Kommission für die Beschaffung von Frauenstrumpfhosen gegründet. Soweit war es gekommen“, schilderte er die Lage.

Ein Patriot, so bemerkte Gorbatschow, ist nicht der, der viel Krach veranstaltet, sondern der, der sich an die Arbeit macht und Verantwortung übernimmt. „Nicht nur der Westen, sondern auch der Osten und der Süden schätzen, was in unserem damaligen sowjetischen Land hervorgebracht worden ist“, so der Ex-Präsident.

Gorbatschow betonte, dass die Prozesse der Demokratisierung im Interesse der meisten Menschen waren und von der ganzen Welt unterstützt wurden, „in mehr als 100 Ländern“.

„Ende des 20. Jahrhunderts haben diktatorische und totalitäre Regimes die politische Bühne geräumt. Allerdings stimmt es auch, dass jetzt eine rückläufige Welle festzustellen ist. Nicht alles, so hat sich erwiesen, kann einfach mechanisch gelöst werden. Dazu muss viel getan werden. Es ist nicht leicht zu lernen, unter den Bedingungen von Freiheit und Demokratie zu leben“, führte Gorbatschow aus.

„Das Gerede, wir hätten uns jemandem ausgeliefert“, bezeichnete er als „Blödsinn“. Er gab bekannt, dass die Gorbatschow-Stiftung dokumentarische Sammlungen vorbereitet, die den Verlauf der Perestroika beleuchten. Der erste Band sei bereits erschienen.