Googles Russifizierung der Krim

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Kiew tobt und schimpft. Der topographische Internetdienst Google Maps hat auf seiner Darstellung der Halbinsel Krim die russischen Namen beibehalten und eine Grenze zum ukrainischen Festland gezogen. Bei allen Bemühungen Kiews die Ukraine zu entsowjetisieren, so richtig gelingen mag dies nicht.

Die Krim scheint einmal mehr als ewiger Zankapfel zwischen Russland und der Ukraine, besser gesagt zwischen den Regierungen in Moskau und Kiew, im Raum stehenzubleiben. Zu tief scheint mittlerweile der Graben, der durch den blutigen Umsturz auf dem Maidan ausgehoben wurde. Nur allzu verständlich die Position der russischen Politik, ihren einzigen Marinehafen am Schwarzen Meer nicht einfach so aufzugeben. Im Sinne der NATO ist das sicherlich nicht, die hätte die Region nur zu gerne ihren eigenen Interessen untergeordnet.

Jedoch, und das ist der Dorn, der der internationalen Staatengemeinschaft tief im Auge sitzt, die dortige Bevölkerung hat sich klar zu ihrem östlichen Nachbarn bekannt. Die Tatsache, dass in Sewastopol die stationierten ukrainischen Truppen vom russischen Militär in den Kasernen gehalten wurde, stellte noch lange keine gewaltsame Besitzergreifung durch die russischen Truppen dar. Vielmehr konnte durch das bewusste Fernhalten des ukrainischen Militärs eine Eskalation wie im Osten der Ukraine bereits im Keim unterbunden werden. Nicht auszudenken, was geschehen wäre, hätte Kiew seine Truppen entsandt, um der Lage Herr zu werden. Genauso denkt auch der französische Parlamentarier Thierry Mariani, der für eine „offizielle“ russische Krim plädiert.

Kiews Umbenennungskampagne

Die ukrainische Regierung um Präsident Pjotr Poroschenko sieht das alles natürlich ganz anders. Aufräumen wollte man mit den unseligen Relikten aus sowjetischen Zeiten. Den Ortschaften gab man ukrainische Namen, Straßenzüge wurden umbenannt. Die Statuen zur Huldigung der sowjetischen Glanz und Glorie wurden sowieso schon längst durch die aufgeheizte Masse zerstört und von der Regierung gänzlich entsorgt. Wohl das prominenteste Opfer des Mobs dürfte der Olympiabär in Kiew sein, der anlässlich der Olympischen Sommerspiele 1980 vor einem Hoteleingang aufgestellt wurde.

520 Namen sowjetischer Staatsfunktionäre sollten so aus geographischen Bezeichnungen der Dekommunisierung halber verschwinden. Bis zum November 2016 wollte man schließlich landesweit über 900 Ortschaften umbenennen, selbstverständlich auch auf der Krim. Jedoch stößt, selbst im Westen der Ukraine, dieses Vorhaben vielerorts auf Unverständnis. Nicht immer bewies man bei der neuen Namensgebung ein glückliches Händchen, wie die Umbenennung des Moskauer Prospekts zu Ehren Stepan Banderas, dem Nazi-Kollaborateur im Zweiten Weltkriegt, in Kiew zeigt.

Entgegen aller Bemühungen seitens der westlichen „Wertegemeinschaft“, die unvermindert bestrebt ist, die Halbinsel mit allem Nachdruck bei der Ukraine zu belassen, offenbar nur um das Feindbild des russischen Aggressors krampfhaft aufrecht zu erhalten, wollen immer mehr Staaten den jetzigen Status der Krim anerkennen. Frankreich will noch bis zum Frühjahr nächsten Jahres warten. Italien zögert indes noch, sich den Regionen Venetien, Ligurien und der Lombardei anzuschließen. Auch angesichts der Sanktionen, die von den USA und der EU verhängt wurden, steht zu erwarten, dass sich noch weitere Staaten finden, die mit der jetzigen Situation leben könnten. Sogar Donald Trump erwägt diesen Schritt, sollte er denn die US-Wahlen gewinnen.

Für die Bewohner der Krim wäre die Alternative zum subtropischen, wirtschaftlich prosperierenden Ferienidyll ohnehin nur der Bürgerkrieg in einem scheiternden Staat mit faschistischen Bataillonen und einer unglaublichen Korruption. Übrigens: Schon 1994 fand ein Referendum statt, in dem mit überwältigender Mehrheit von 90 Prozent die Bürger der Krim für einen Anschluss an Russland votierten.

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.