EURO 2016: Und Krähen hacken einander doch die Augen aus

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[Von Michael Barth] – Idioten verprügeln sich im Namen des heiligen Fußballs, die Polizei vor Ort schürt kräftig mit und zeigt sich dann hoffnungslos überfordert. Unterdessen gerät die Schuldfrage um die Vorfälle zum absurden Politikum. Das Turnier dient nurmehr zur bunten Untermalung eines Spiels um Gut und Böse, wenn man so will um Krieg und Frieden.

Die Russen – schnell hat man den Schuldigen ausgemacht, obwohl sie zu Beginn der Krawalle noch nicht mal vor Ort waren. Allenfalls in kleinen Grüppchen. Und die seien von gewaltbereiten Engländern provoziert worden. Auch der russische Stürmer Artjom Dzjuba sieht die Darstellung der Krawalle sehr einseitig. Ich verstehe die britischen Medien nicht, die die englischen Fans als Engel darstellen. Es ist eine 50/50-Sache. Es sind nicht nur Russen schuld“, ist er der Ansicht. Der Kreml-Sprecher Dmitri Peskow riet Fans aus Russland wohlgemeint, sich gar nicht auf Provokationen einzulassen. Er redet sich leicht, wenn man schon im Gerede ist.

Auch wenn der Kreml die Vorfälle aufs Schärfste an den Pranger stellt, einer fällt immer aus der Rolle: Igor Lebedew, Rechtspopulist und Sohn des umstrittenen Oppositionellen Wladimir Schirinowski, die beide ihr Unwesen in der ultranationalistischen Liberaldemokratischen Partei Russlands treiben, hat zur selben Zeit noch einige Kannen Öl ins Feuer gegossen, indem er äußerte, er könne nichts Schlimmes an kämpfenden Fans finden. „Die russischen Fans verteidigten die Ehre Russlands.“ Er sehe die Schuld nicht bei den Fans, vielmehr zeige sich die Unfähigkeit der Polizei, solch einen Event angemessen organisieren zu können. Er redet aber eh meist Blech.

Wem gebührt der „Schwarze Peter“

Am französischen Sicherheitskonzept mäkeln allerdings auch die Engländer. Vor Ort herrscht die perfekte Verwirrung. Die französischen Behörden verweisen strikt auf die UEFA als Veranstalter. Ja, sagt die, aber lediglich innerhalb sowie im engeren Umfeld der Stadien. Für die Sicherheit außerhalb dieser Bereiche hätten die örtlichen Zuständigen Sorge zu tragen. Somit ist man offenbar bei der, alles in allem sowieso nicht zimperlichen, französischen Polizei ganz glücklich darüber, dass man zumindest noch ein paar Russen zur Entschuldigung mit ins Boot holen kann.

Laut den Behörden seien es derer 150 an der Zahl gewesen. Sehen die Engländer auch so, vielleicht haben sie beim Raufen gleich mitgezählt. Zwei Drittel derer seien aber schon längst wieder nach Hause gefahren. Das wiederum sagt Alexander Schprygin, der Vorstand des russischen Fanverbandes. Dem man auch enge Verbindungen zur rechtsnationalen Szene nachsagt. Ferner ist die Rede von 40 Abschiebungen durch die Behörden. Zur Untermalung der Dramaturgie stürmte ein Rollkommando der Polizei gleich noch ein Hotel, in dem sich nochmals weitere „russische Triebhooligans“ einquartiert hätten. Es beginnt offenbar eine wundersame Vermehrung des Bösen. Oder aber das Ganze ist sowieso schon vollends aus dem Ruder gelaufen.

Bei soviel Gerede darf einer nicht fehlen: Vitali Klitschko, seit dem Euromaidan verhinderter ukrainischer Politiker mit latentem Hang zur Russophobie. „Die russischen Fans waren sehr aggressiv und haben den Konflikt angefangen“, sagte er gegenüber der „Sport-Bild“, der sportiven Abteilung des deutschen Sprachrohrs des Kalten Krieges. Verspricht er sich gar mehr Gehör, weil er unbestritten Ahnung vom Boxen hat? Überhaupt, ginge es nach ihm, solle man den bösen Russen gleich alles wegnehmen. Die Teilnahme an den Olympischen Spielen, die WM 2018 – einfach alles. Denn: „Man muss die Leute hart bestrafen und sehr scharfe Entscheidungen treffen!“ Quasi die konsequente Verlängerung der gängigen Politik in der Ukraine. Somit ist die EURO 2016 im Handumdrehen zum faustdicken Politikum mutiert.

Paramilitärische Einheiten“

Marseilles Stadtpräsident Jean-Claude Gaudin musste mittlerweile kleinlaut einräumen, dass die Stadt von den russischen Hooligans überfordert worden sei. Das Mutterblatt des gehobenen Journalismus weiß hingegen noch viel mehr. Die „Bild“ verweist dabei sowohl auf Dominique Mesquida von der Gewerkschaft der französischen Bereitschaftspolizei sowie den Staatsanwalt der Stadt Marseille, Brice Robin. Sie alle sehen in den an der Schlacht beteiligten Russen so etwas wie „Putins USK“. Das „Unterstützende Sonderkommando“ der Polizei gilt bereits in gediegenen Bundesligakreisen als martialisch auftretendes staatliches Inferno, das nur allzu gerne den Knüppel aus dem Sack lässt.

„Ultragewalttätige russische Gruppen“ seien bei besagten Ausschreitungen federführend gewesen. Man gehe von „bestausgebildeten paramilitärischen Gruppen“ aus, die mit Mundschutz und in solchen Kreisen typischen Kampfsport-Handschuhen auf „hyper-schnelle und hyper-gewalttätige Interventionen“ vorbereitet gewesen zu sein. Das klingt zwar alles „hyper-an-den-Haaren-herbeigezogen“, verschafft aber fürs Erste „Hyperschlagzeilen“. Pavel Klymenko,  zuständig für Osteuropa beim Anti-Rassismus-Netzwerk „Fare“, geht sogar noch einen Schritt weiter, wenn er behauptet, den russischen Hooligans seien die Flüge von der Regierung bezahlt worden. Das alles sei „eine Verbindung zwischen Hooligans, hochrangigen Politikern, rechtsradikalen Aktivisten und extremem Nationalismus“.

„Klar, es ist Europameisterschaft, jeder ist verrückt nach Fußball und die Emotionen kochen hoch. Aber warum schlagen sich die Menschen dafür die Köpfe ein?“, versucht der Neu-Russe Roman Neustädter in einer Internet-Kolumne wieder zu relativieren. Das sieht das Exekutivkomitee der UEFA in etwa auch so und verhängte erst einmal eine drakonische Strafe gegen Russland. 150.000 Euro gilt es zu bezahlen und man zeigte die dunkelgelbe Karte: Sollten sich derlei Vorfälle wiederholen, werde Russland vom laufenden Turnier ausgeschlossen. Vorerst wohl in und um das Stadion, denn die Kompetenzfrage für die Bereiche außerhalb scheint bei weitem noch nicht geklärt zu sein. Allerdings, und soviel Fairness muss dann schon sein, bekamen die Engländer zumindest noch einen mahnenden Zeigefinger mit auf den Weg.

Was für Auswirkungen eine Sperre Russlands für den laufenden Betrieb der EURO 2016 darstellen würde und welche süffisante Rolle England bei diesem dubiosen Konflikt spielt, lesen Sie in der nächsten Ausgabe über die Randerscheinungen der diesjährigen Europameisterschaft in Frankreich. Jetzt geht es erst einmal zum nächsten Spiel der „Sbornaja“ gegen die Slowakei…

[Michael Barth/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.