EURO 2016: Rück- und Ausblick

Foto: Wikipedia/JuergenG CC BY-SA 3.0Foto: Wikipedia/JuergenG CC BY-SA 3.0
image_pdfimage_print

[Von Michael Barth] – Aus, aus, das Spiel ist aus… und wieder einmal ist ein großes internationales Fußballturnier in die Annalen eingegangen. Der Sieger des Turniers heißt Portugal, dessen Spiel zwar nicht allzu sehr zur Augenweide beigetragen hat, sich aber am Ende als sehr effektiv erwies. Geradezu pomadig hangelte man sich zum Titel. Die „Sbornaja“ Russlands trat ebenso pomadig auf, war damit aber bei Weitem nicht so effektiv und schied schon nach der Vorrunde sang- und klanglos als Vorletzter aus. Noch schlechter war nur noch die Ukraine.

Portugal machte insofern von sich reden, da es seiner Nationalmannschaft das erste Mal gelang, einen Titel bei einem internationalen Turnier nach Hause zu fahren. Über Russland sprach man auch, allerdings weit mehr über die Vorfälle neben dem Spielfeld. Nicht etwa die Mannschaft, nein vielmehr die mitgereisten Anhänger sorgten für Schlagzeilen am Rande des Wettbewerbs. Heftige Tumulte, wüste Schlägereien und die allgemein gespannte Lage zu Russland schrieben diesmal in Frankreich Geschichte. Und immer fiel dabei der Blick auf 2018, dem Jahr, in dem Russland selbst sein großes Fußballfest veranstalten wird.

Vorweg, es wäre geradezu unsportlich, Russland alleine für sämtliche Vorkommnisse bei den Gewaltorgien an den Pranger zu stellen. Kollektiv wurde der französische Polizei, gerade in Marseille, wo sich Russen und Engländer gewaltig an die Gurgel gingen, enormes Versagen bescheinigt. Die Sicherheitskräfte präsentierten sich schlichtweg als heillos überfordert, so dass die berechtigte Frage im Raum stehen bleibt, was erst geschehen wäre, hätte es wirklich, wie im Vorfeld gemunkelt, terroristische Umtriebe während des Turniers gegeben.

Über die Sicherheit bei der WM 2018

Jedoch, die französische Sicherheitslage ändert nichts daran, dass unter den außer Rand und Band geratenen Horden Russen waren, denen von den westlichen Medien straffe Organisation und ruckzuck auch paramilitärisches Auftreten attestiert wurde. Da war sie plötzlich wieder, die Mär von Putins Kriegern, die vom Kreml ausgesandt, die innere Sicherheit Europas destabilisieren sollen. Auch wenn es in Russland tatsächlich an die 1.000, in diversen Gruppierungen organisierte, Hooligans gibt, sie dürften sich meist weniger politisch ambitioniert zeigen. Sportminister Mutko versicherte indes, Russland werde von den Vorfällen in Frankreich seine Lehren in Punkto Sicherheit für 2018 zu ziehen.

Auch FIFA-Präsident Gianni Infantino ist sich sicher: „Der Aspekt Sicherheit hat für Russland höchste Priorität. Seit der Vergabe (der WM 2018) im Dezember 2010 entwickeln die russischen Behörden ein Sicherheitskonzept“. Einen ganz anderen Aspekt zur unterschiedlichen Sicherheitslage der beiden Veranstantungen führt ein, viele Jahre mit der Aufklärung von Fußballgewalt involvierter, Mitarbeiter des Landeskriminalamts ins Feld. Für ihn war, so würden Hinweise aus der Szene bestätigen, die EM eine Art „Abschiedsparty“ für viele Hooligans Europas. Gegenüber dem „Spiegel“ erläuterte der Ermittler: „Sie sehen in Frankreich für viele Jahre das letzte Mal die Chance, sich einer großen Öffentlichkeit zu präsentieren. Noch mal richtig auf den Putz zu hauen, bevor es in den kommenden Jahren dazu keine Chance mehr geben wird“.

Aus seiner Sicht würde es bei der WM 2018 in Russland kaum Zusammenstöße von Hooligans geben. Dafür seien „die russischen Sicherheitsbehörden zu rigide und die harten Gesetze im Land zu abschreckend“. Zudem dürfte es westeuropäischen Hooligangruppen schwerfallen, überhaupt eine Einreiseerlaubnis zu erhalten. Auch der 71-jährige deutsche Fanforscher Gunter A. Pilz erwartet für die Fußball-WM 2018 weniger Gewaltauswüchse, „ich gehe daher davon aus, dass wir 2018 solche Exzesse nicht haben werden“, so seine Einschätzung. Für ihn gehe in Russland die Polizei wesentlich repressiver vor. „Da ist alles ein wenig schärfer. Im Vergleich zu Russland sind die Gefängnisse in Frankreich Fünf-Sterne-Hotels“, erklärte der Soziologe.

Für die Hardliner unter den Hysterikern sind das jedoch alles keine Gründe, die WM 2018 Russland nicht zu entziehen. Allen voran der selbsternannte Experte und pathologische Putin-Hasser Boris Reitschuster, der sogar von „ehemaligen Mitgliedern von Sondereinsatzkommandos“ spricht, „um im Westen Unruhe zu stiften“. Einzig alleine damit man dort sagen könne: „Die Westeuropäer haben die Sicherheit nicht im Griff. Hier läuft das viel besser. Warum sollte er (Wladimir Putin) es sich nun entgehen lassen, dem Westen die Feier zu vermiesen?“, meint zumindest der „Experte“. Dementsprechend fielen auch die russischen Reaktionen aus: „Das erfordert unsererseits keinerlei Reaktion. Es ist nur ein Beispiel davon, wie weit einige Menschen in ihrer russophoben Hysterie gehen können“, so Präsidentensprecher Dmitri Peskow.

Über die „Sbornaja“ bei der WM 2018

Das ganze Theater von außen jedoch bräuchte Russland nicht einmal, da man eh schon genügend vor der WM 2018 hausgemachte Probleme zu kitten hat. Allen voran die Nationalmannschaft im Besonderen. Träge, lustlos, sichtlich unmotiviert – ein Armutszeugnis, welches allerdings schon vor der EURO 2016 diagnostiziert wurde. Nachdem Trainer Sluzki seinen Hut freiwillig nahm, nehmen die Russen nun die Mannschaft in die Pflicht. Per online-Petition forderten bis jetzt rund 900.000 Unterzeichner die Auflösung der aktuellen „Sbornaja“ und plädieren für einen Neuanfang von den Wurzeln weg.

Doch wenn es nur so einfach wäre. Der Nachwuchs wurde bislang vernachlässigt, zu sehr wurde auf alternde Großverdiener zurückgegriffen und der Blick in die Zukunft des russischen Fußballs zu sehr am Portemonnaie der Sponsoren und Klubbesitzer festgemacht. Jetzt, nachdem das ganze Dilemma mehr als offensichtlich ist, will man die Wege des unorthodoxen beschreiten. Das, vermeintliche, Zauberwort heißt Einbürgerung. Waren es zunächst noch Russlanddeutsche mit sowjetischen Pass, wie zum Beispiel Roman Neustädter, die ins Auge gefasst wurden, greift man inzwischen sogar auf Ausländer ohne jegliche russische Wurzeln zurück. So wurden binnen kurzer Zeit wurden der Torhüter Guilherme Alvim Marinato und der Verteidiger Mario Fernandes, beide aus Brasilien, zu spielberechtigten Russen gekürt.

Wie man es auch dreht und wendet, Russland steckt vor seinem großen Turnier 2018 und dessen Generalprobe 2017, dem Confed-Cup, in einer fußballerischen Krise. Auch wenn das Thema Gewalt fürs Erste wieder abebben mag, es sind nicht nur Stadien die als Baustelle zu sehen sind.

[Michael Barth/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.