Euro 2016: Keine Zauberwurzel im alten Holz

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[Von Michael Barth] – Einer soll der Messias sein, der Wunderheiler in einem alten, trägen Wald aus knorrigen, festgewurzelten Stämmen. Hölzern, nichts anderes beschriebe die Agilität der „Sbornaja“ treffender. Unbeweglich, stocksteif und dem modernen Fußball nicht wirklich gewachsen, ja eigentlich antiquiert ist man geneigt zu sagen, schaut die russische Nationalmannschaft ihren Gegnern meist hinterher, wenn die auf einmal Fußballspielen. Wo ist er, der Ballverteiler, der Umsichtige, derjenige der ein Spiel von hinten heraus dirigieren kann.

Da geht es quer nach links, quer nach rechts und wenn diese Ballstafetten ausgereizt sind, geht es eben wieder nach Hinten. Zwischendurch einmal wieder ein halbherziger halbhoher Halbpass, der nur selten seinen Adressaten findet. Kein Wunder, dass Russland nicht gerade zu den Überraschungen der EURO 2016 zählt. Was war das für ein Augenschmaus seinerzeit, der umtriebigen „Sbornaja“ bei der alpinen EM 2008 in Österreich und in der Schweiz zuzuschauen. Da jagten die Außen bis vor zur Grundlinie, um einen genickbrechenden Pass zurück auf die Vollstrecker zu schicken. Acht Jahre später ist das russische Spiel von Stillstand geprägt.

Überaltert, träge, durchschaubar und der eigene Nachwuchs wurde nie richtig gefördert. Nun sieht der Russische Fußballverband dringendst Handlungsbedarf in seiner Personalpolitik. Mit Blick auf die Weltmeisterschaft in zwei Jahren im eigenen Land läuten die Alarmglocken. Wenn man so will, ist die EURO 2016 die perfekte Generalprobe, Schwachstellen zu erkennen und eiligst auszumerzen. Als Hoffnungsträger bürgerte man sogar auf die Schnelle einen neuen, vermeintlich erfahrenen Spieler ein. Putin persönlich erklärte die Passvergabe als Chefsache. Der, der es nun richten soll, wurde auf Schalke gefunden.

Roman Neustädter, 28 alt und geboren in Dnjepropetrowsk, damals noch Ukrainische SSR. Während der Zeiten von Glasnost lebte er mit seiner Familie bei den Großeltern in Kirgistan, bevor die Russlanddeutschen 1992 Russland den Rücken gekehrt haben. 1994 schlug Familie Neustädter endgültig ihre Zelte im Rhein-Main-Gebiet auf. Folgerichtig landete Spross Roman beim FSV Mainz 05, durchlief sämtliche Nachwuchsabteilungen und stieg mit den Profis in der Saison 2008/2009 in die Zweite Bundesliga auf. Nach sechs Einwechslungen ging es ein Jahr später in die Erste Liga zu Borussia Mönchengladbach. Im Sommer 2012 verschlug es Roman Neustädter auf Schalke.

Neustädter kein „Wunderheiler“ für ein phlegmatisches Team

Neustädter in der „Sbornaja“, ein reizvoller Gedanke für den gelernten Innenverteidiger. Seine sowjetische Herkunft machte es möglich und dann gleich noch ein großes Turnier. Er war es also, von höchster Stelle auserkoren, dem hölzernen Team der Russen neues Leben einzuhauchen. Offen gestanden wohl der mieseste Job, wenn du als der Heilsbringer alleine in der Pflicht stehst. Beim “Jung ausm Pott“ stand vermutlich eher die neue Herausforderung im Vordergrund, wenn er sagt, dass für ihn ein Kindheitstraum in Erfüllung ging. Zudem, auch wenn er sofort und herzlich im Kreis seiner neuen Kollegen aufgenommen wurde, scheint es, als hätte Neustädter die aktuelle „Sbornaja“ deutlich überschätzt. „Wir haben einen ganzen Haufen erfahrener Spieler dabei, da ist sehr viel Routine vorhanden.“. Jein, denn der hohe Altersdurchschnitt alleine ist noch lange kein Garant für Erfolge.

Dennoch ist der 28-jährige „Youngster“ davon überzeugt, dass Russland bei der EM eine gute Rolle spielen könne. Bislang lag er falsch mit seiner Überzeugung und auch die russischen Medien sind nicht gänzlich überzeugt von ihm. Gerade einmal zwei Spieltage ist das Turnier für die „Sbornaja“ alt und schon hagelt es Kritik aus vollen Rohren. Den massivsten Unmut äußerte die russische Sportzeitung „Sowjetski Sport“: „Neustädter hat kein Charisma und keine Kreativität“. Peng, so steht es geschrieben. Des weiteren bemängelten andere Medien, dass es Neustädter nicht gelang den slowakischen Stürmer Marek Hamsik zu stoppen, woraufhin er in der Halbzeitpause ausgewechselt wurde.

Seine Aufgabe hätte der 28-Jährige in keiner Phase erfüllen können, so „Sowjetski Sport“ weiter. Interessant werde es, ob er nach einem schlechten und einem sehr schlechten Spiel aus der Mannschaft genommen wird. Und als wäre das alles nicht schon vernichtend genug, weiß das Blatt noch Einen draufzusetzen, wenn es schreibt: „Neustädter kämpft nicht, spielt keine scharfen Pässe nach vorne. Was nutzt so ein eingebürgerter Spieler, wenn es in Russland fünf oder sechs auf dem gleichen Niveau gibt?“ Zwar verließ der Schalker, nach dem Spiel gegen die Slowakei sichtlich angefressen und kommentarlos, das Stade Pierre Mauroy, gibt sich aber weiterhin gewohnt kämpferisch.

Ganz an ihm vorbeigehen wird die öffentliche Kritik sicher nicht, jetzt, da er als Sündenbock der russischen Misere bei der EURO 2016 ausgemacht wurde. Aber gegen Wales will Roman Neustädter mit dem ganzen Team alles daransetzen zu gewinnen. Was will er auch sonst sagen, denn, „so ganz neu ist mir diese Situation natürlich nicht, da ich so etwas ja irgendwie schon aus Schalke kenne“. Auch wenn er sich das natürlich anders vorgestellt habe, Kritik gehöre für ihn dazu. Schon fast etwas trotzig schiebt er deshalb auch nach: „Ich kann meine Leistung einschätzen und weiß, dass ich besser spielen kann. Von mir wird mehr erwartet, und ich erwarte auch selbst mehr von mir. Ich bin neu dazugekommen und muss täglich mit guten Leistungen zeigen warum.“. Am Montag, im letzten Gruppenspiel gegen Wales, wird er die Gelegenheit dazu haben. Vorausgesetzt, man stellt ihn auf.

[Michael Barth/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.