EURO 2016: Hanf oder Hopfen, das ist hier die Frage

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[Von Alexander Kasakow] – Das Spiel der Ukraine gegen den amtierenden Weltmeister bewegt die Gemüter weniger als die Schlagzeilen um den Hooliganismus. Im Vorfeld der Einschätzung der Sicherheitslage lag nach dem Blutbad in Paris der Schwerpunkt bei der terroristischen Bedrohung. Ein schwerer Fehler, wie die Bilder aus Marseille belegen. „Die Schande“ befleckt ganz Frankreich. Vor der EM 2004 in Portugal kamen bei den Zuganschlägen in der spanischen Hauptstadt Madrid 191 Menschen ums Leben, über 2000 wurden verletzt. So lag damals auch in Lissabon der Fokus der Sicherheitsmaßnahmen nicht mehr bei den Hooligans. Ein Blick zurück bringt Erhellendes zur Drogenpolitik hervor.

Nach dem Massaker in Madrid am 11.März setzte an den portugiesischen Grenzen das Schengener Abkommen aus, Europol und NATO waren eingebunden. AWACS-Aufklärer kreisten am Himmel, Frankreich ließ sich von eigenen Spezialkräften bewachen und Deutschland rückte mit einem Sicherheits-Koordinator an. Das volle Programm, wie jetzt nach den Pariser Anschlägen.

Das Problem, wie die gefürchteten englischen Fußball-Hooligans zu zähmen sind, war dadurch nicht von der Agenda gestrichen. In Lissabon trafen die Teams von England und Frankreich aufeinander – eine brisante Abend-Begegnung, wie jüngst Russland gegen England. Die portugiesischen Polizei-Behörden lernten aus den EM-Erfahrungen in Holland/Belgien und setzten auf die soziale Wirkung von Marihuana-Produkten.

Im Jahr 2000 hatte die holländische Polizei den Verkauf und Verzehr von Starkbier untersagt, den öffentlichen Genuss von Marihuana hingegen erlaubt. In Belgien, wo Haschisch strikt verboten ist, floss das Starkbier in Strömen – rivalisierende Fans und Polizei lieferten sich wilde Gefechte. Auch 2004 in Lissabon brauchten Dope-Raucher nichts zu fürchten. Den Fans wurde signalisiert,  man werde beide Augen zudrücken und Haschisch-Konsumenten weder verhaften, verwarnen, noch ihren Vorräte konfiszieren. Ihre alkoholisierten Kollegen werde man hart behandeln und bei Bedarf aus dem Stadion fernhalten.

Dope, ob als Gras oder Haschisch konsumiert, hat in aller Regel einen erfreulich pazifizierenden Effekt. Kampfbereite junge Männer verwandeln sich in friedliche Lämmchen.

„Die englischen Anhänger waren zu stoned um zu kämpfen“ schrieb 2004 Jürgen Krönig für ZEIT. Ich hab das damals downtown in Lissabon live miterlebt – Cais do Sodre. Lachende torkelnde Riesen mit Nullbock auf Randale. Die französischen Sicherheitsbehörden müssen davon gewusst haben. Die Politiker werden ihr Veto eingelegt haben; eine Liberalisierung der (geradezu unverschämt diskriminierenden Drogenpolitik) in Sachen Hanf kommt nicht in Frage. Die Beeinflussung der Massen über Alkohol läuft wie geschmiert – aggressive Menschen schlagen ihre Nächsten und nicht ‚uns da oben’.

Gut organisierte russische Schlägergruppen, rechte Hooligans von Paris St. Germain, Ultras von Olympique Marseille, Kids aus den Banlieues und einschlägig bekannte Gewalttäter aus Dresden. Hool-Plattformen, auf denen sich durchtrainierte Kampfmaschinen für die Abschiedsparty aller Hooligans Europas verabreden – das klingt besser. Immerhin steht die WM 2018 in Russland auf der Agenda.

Nicht zu vergessen. Für eure tollen Reaktionen herzliche Glückwünsche an Neuer, Boateng und Schweini.

Alexander Kasakow aus Lissabon